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Wie packen Sie das an, Herr Grahl?

Interview mit Garbsens Bürgermeister Wie packen Sie das an, Herr Grahl?

Wie bekommt man eine Problemzone wie den Raschplatz in den Griff? Was tun, wenn die Schwimmbäder marode sind? Und wie lässt sich ein Unternehmen wie Continental locken? Garbsens Bürgermeister Christian Grahl stellt sich im Interview den Fragen der HAZ.

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"Wir müssen uns ständig am Wandel ausrichten": Garbsener Bürgermeister Christian Grahl.

Quelle: Michael Thomas

Hannover. Christian Grahl ist seit 1. November Bürgermeister von Garbsen. Zuvor war der gebürtige Hannoveraner und promovierte Jurist unter anderem Kanzler der Universität Hildesheim, Ministerbüroleiter und Präsident der Zentralen Polizeidirektion (ZPD). Hier musste er gehen, nachdem er mit Mitarbeitern auf ein Bier in einen von Hells Angels kontrollierten Club am Steintor gegangen war. Der CDU-Politiker hat als junger Mann Leistungssport betrieben – elf Jahre lang spielte er in der Basketball-Bundesliga.

Thema Sicherheit

Der Garbsener Stadtteil Auf der Horst gilt als Problemviertel. Jahrelang plagte ihn eine Serie von Brandstiftungen, meist wurden Kinderwagen oder Müllhaufen in Hauseingängen angesteckt. Im Juli 2013 erreichte die Serie ihren Höhepunkt, als Unbekannte die Willehadi-Kirche im Stadtteil niederbrannten.

Herr Grahl, Sie haben seit Ihrer Wahl einige Probleme Ihrer Stadt offensiv angegangen: Sie wollen zwei marode Bäder schließen und ein neues bauen, Sie haben die Ausschreitungen und Brandstiftungen Auf der Horst in den Griff bekommen – und nun hat die Stadt auch noch reelle Chancen, Hannover beim Ringen um den Standort der neuen Conti-Zentrale auszustechen. Was kann Hannover von Garbsen lernen?
Wir können gegenseitig voneinander lernen. Wir in Garbsen lösen uns von alten Denkmustern, mit denen wir unsere Stadt betrachtet haben. Wer bei seiner Zukunft nur sich selbst im Blick hat, übersieht die Entwicklung der anderen. Eigene Stärke ist relativ. Also: rein in den Wettbewerb und besser werden!

Hannover hat derzeit ein Problem am Raschplatz. Dort hat sich eine Trinkerszene etabliert, viele Hannoveraner trauen sich kaum noch, über den Platz zu gehen. Aus Ihrer Erfahrung in Garbsen – was würden Sie den Kollegen in Hannover raten?
Das ist eine innere Angelegenheit der Stadt Hannover, da rate ich nichts. Es ist Auftrag einer Stadt, das Problem zu lösen. Hier greift das Rechtsgebot der Konsequenz. Wer Ärger macht, der muss Konsequenzen spüren, und die Öffentlichkeit wird wahrnehmen, dass die Stadt das in den Griff bekommt.

Und wie könnte man so ein Problem konsequenterweise lösen?
Bei der Trinkerszene kann das ein mühsames Geschäft sein – Präsenz und Beharrlichkeit der Ordnungshüter und Streetworker sind gefragt. Ich halte nichts davon zu sagen, das führt nur zur Verdrängung an einen anderen Ort. Man muss also tatsächlich das Problem an dieser Stelle lösen – ob es dann anderswo wieder auftritt, ist ja noch nicht gesagt. Wenn doch, ist wieder Hartnäckigkeit nötig.

Welche Handhabe gäbe es da?
Die Gesetze halten Instrumente bereit. Die müssen wir angemessen und mit Erfolg nutzen. Es gibt kein Recht darauf, andere Leute zu belästigen und auf einen öffentlichen Platz zu urinieren. Das ist verboten. Es hilft nichts, jedes Mal erst lange darüber zu diskutieren, wie genau jetzt die Rechtslage ist und ob das Vorgehen vielleicht vor einem Gericht angefochten werden könnte.

Sie hatten Auf der Horst ein Problem mit Jugendlichen, die Feuer in Hauseingängen gelegt, wahrscheinlich sogar die Willehadi-Kirche angezündet haben. Jetzt hat sich die Lage beruhigt. Wie hat Garbsen das angestellt?
Mit zielgenauer Verdichtung aller möglichen Einzelmaßnahmen und mit Konsequenz. Bei uns arbeiten Ordnungsbereich, Sozialbereich und Polizei eng zusammen. Ein Beispiel: Immer wieder wurde Auf der Horst Müll angezündet. Jetzt rufen auch die Streetworker in der Ordnungsverwaltung an, wenn irgendwo Müll liegt. Die wiederum ist eng mit Aha vernetzt, zudem haben wir eine eigene schnelle Eingreiftruppe. Die sehen zu, dass der Müll schnell verschwindet. Dazu haben wir den engen Dialog zu den Anwohnern gesucht. Wenn die sagen: Schneidet doch mal dort das Grün zurück, damit die dunkle Ecke verschwindet, dann machen wir das – auch, wenn es vielleicht nicht so schön aussieht. Entscheidend ist, Tatgelegenheiten zu vermeiden. Sauberkeit, Helligkeit, persönliche Ansprache – das machen wir systematisch. Ich kann nicht nachweisen, welche Einzelmaßnahme für welchen Einzelerfolg ursächlich ist. Klar ist nur: Garbsen ist sicherer geworden.

In Hannover heißt es, man erreiche die Trinker auf dem Raschplatz nicht.

Wir haben in Garbsen Externe mit ins Boot geholt, die Gruppe Jugendhilfe aus Neustadt mit dem maßgeschneiderten Projekt X. Die geben den Jugendlichen Wertschätzung und bringen sie in Lohn und Brot.

Aber es kann ja nicht die Lösung sein, Externe für die Stadt die Sozialarbeit machen zu lassen. Soll das denn so weitergehen?
Ja. Bisher läuft das in Projektform. Routine wäre der falsche Weg. Wir müssen uns ständig am Wandel ausrichten.

Thema Schwimmbad

Grahl hat etwas vor, vor dem andere Kommunen zurückschrecken: Er will zwei Schwimmbäder schließen, in den Stadtteilen Berenbostel (Hallen- und Freibad) und Auf der Horst (Hallenbad). Dafür soll im Stadtzentrum ein neues Hallenbad entstehen – mit der Option darauf, später ein Freibad zu ergänzen.

Andere Städte bauen Bäder wie Langenhagen oder Neustadt, oder sie sanieren sie – wie Hannover. Garbsen ist drauf und dran, zwei alte Bäder zu schließen und ein neues in Mitte zu bauen. Wie kommt es dazu?
Das sind die Fakten: Ende der Siebzigerjahre hatten unsere Bäder 300.000 zahlende Besucher im Jahr, 2014 waren es noch 80.000. Beiden stammen aus dem Jahr 1971. Das in Berenbostel ist total kaputt, das Auf der Horst hat einen Sanierungsbedarf von 5 bis 6 Millionen, mit der Gefahr eines Millionengrabes. Und es gibt einen Ratsbeschluss, der besagt, dass zentrale Einrichtungen in der Mitte entstehen sollen. Daraus ergibt sich für mich die logische Lösung, die beiden maroden Bäder zu schließen und dort ein neues zu bauen.

Jetzt gibt es aber 6000 Garbsener Bürger, die Ihnen per Unterschriftensammlung kundgetan haben, dass sie diese Lösung für schlecht halten.
Das sind 6000 von 60.000, die ihren Ortsteil Berenbostel im Auge haben. Das respektiere ich. Da gibt es also Meinungsverschiedenheiten. Und wenn es ein Bürgerbegehren gibt oder andere politische Mehrheiten nach der Kommunalwahl, dann wäre das so. Dann kann ich nur noch an die Vernunft appellieren. Denn Geld kann man nur einmal ausgeben. Kitas und Schulen sind wichtiger als ein zweites Schwimmbad. Zur Glaubwürdigkeit von Politik gehört auch das Durchhalten unpopulärer, aber richtiger Entscheidungen.

Thema Continental

Als bekannt wurde, dass Conti einen neuen Standort für seinen Verwaltungssitz sucht, warf Grahl für Garbsen den Hut in den Ring. Nun entscheidet der Konzern zwischen Garbsen und Hannover.

Sie haben für Aufsehen gesorgt, als Sie bei der Suche nach einem neuen Standort für die Verwaltungszentrale von Continental für Garbsen den Hut in den Ring geworfen haben. Beworben hat sich die halbe Region, nur haben die es nicht öffentlich gesagt. Sie schon. Warum?
Unternehmen wie Conti interessieren sich nicht für Stadtgrenzen. Die interessiert nicht das örtliche Klein-Klein, die interessiert ihre Performance am Wirtschaftsstandort Hannover, und dazu gehört auch Garbsen.

Zunächst sah Garbsen gegenüber Hannover wie der Außenseiter aus, jetzt stehen die Chancen laut Conti 50:50.
Ich bin von dem Standort für Unternehmen wie Conti restlos überzeugt. Mega-Präsenz direkt an der A2, viel Platz, günstige Steuersätze, F+E-Standort Maschinenbau – das alles spricht für Garbsen.

Sie haben Conti ein Gelände in der Neuen Mitte angeboten, nahe dem Rathaus.
Hier haben wir attraktive Mitarbeiterangebote und zukünftig Business-Wohnen. Der Vorteil für die Conti ist, dass sie auch die weiteren Flächen mitgestalten kann.

Aber was machen Sie, wenn die Conti dort nach ein paar Jahrzehnten wieder wegzieht? Dann haben Sie dem Unternehmen jeden Wunsch von den Lippen abgelesen, und es lässt eine Geisterstadt zurück. Ist das nachhaltige Stadtentwicklung?
Wir reden hier von einem Verwaltungssitz, nicht von einem Produktionsstandort. Der Conti-Campus wird die Mitte städtebaulich nicht dominieren.

Gibt es einen Plan B?
Wir werden die Mitte mit Einkaufen, Wohnen und höherer Aufenthaltsqualität entwickeln, und das möglichst schnell. Und unabhängig davon, ob Conti kommt.

Welche Deals machen Sie mit Conti? Gibt’s das Grundstück umsonst?
Wir machen keine Deals. Die rechtlichen Grenzen bei kommunalen Grundstückverkäufen sind vorgegeben. Das Grundstück hat seinen Preis. Wir bauen einen „Conti-Flash-Drive“ – von der Autobahnabfahrt Garbsen auf 700 Metern direkt vors Büro. Das Angebot gilt auch für jeden anderen Investor.

Interview: Hendrik Brandt, Markus Holz, Conrad von Meding und Felix Harbart

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