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Hannover Aus der Stadt Studenten, sagt eure Meinung!
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00:16 20.10.2016
Alexander Košenina ist Professor der Deutschen Literatur. Quelle: Katrin Kutter
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Hannover

Die Flucht der Studierenden aus einem viel zu kleinen in den größten verfügbaren Hörsaal glich einem Feueralarm. Flur und Vorsaal waren bereits so überfüllt, dass der neue Professor sich kaum einen Weg ins Auditorium bahnen konnte. Dort empfing ihn ein „Amphitheater von Menschen“, offene Münder, neugierige Blicke. So wurde 1789 der Historiker Friedrich Schiller zu seiner Antrittsvorlesung in Jena begrüßt. Nachtmusik und dreifaches Vivat folgten. Mag sein, dass derart berühmte Lehrer so selten geworden sind wie Vorlesungen als Event und Happening.

Das ist Alexander Košenina

Alexander Košenina ist seit 2008 Professor für Deutsche Literatur an der Leibniz- Universität. An der Freien Universität Berlin habilitierte er sich 2001 mit einer Arbeit über den Gelehrten als komische Figur, 2004 wurde er auf den germanistischen Lehrstuhl an der University of Bristol berufen und nahm immer wieder Gastaufenthalte an Universitäten in den USA, China und Japan wahr. Seit 1995 schreibt er regelmäßig für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“.

Das liegt aber nicht allein an fehlenden Stars - „talentierte Wiederkäuer“, wie Goethes Schwager Vulpius sie spöttisch nennt, gab es auch damals zuhauf. Vielmehr ist heute der fundamentale Unterschied zwischen Schule und Universität mehr denn je aus dem Blick geraten. Schon Schiller charakterisiert diesen Gegensatz durch zwei Studientypen: Da sind die „Brotgelehrten“, die möglichst schnell und nur der Noten, Zeugnisse und Berufsmöglichkeiten wegen etwas auswendig lernen und reproduzieren. Ihnen gegenüber stehen „philosophische Köpfe“, denen es mehr um die Sache selbst geht, um Denkvermögen wie die individuelle Ausbildung von Geist und Persönlichkeit. Für das zweite Ziel wurde seit dem Mittelalter die ‚universitas‘ als freie Gemeinschaft Lehrender und Lernender überhaupt erst gegründet.

Durch die jüngste Studienreform, die - höchst ironisch - den Namen der ältesten europäischen Universität Bologna im Namen führt, ist diese entscheidende Differenz in Vergessenheit geraten. Plötzlich will man nach zwölf oder 13 Schuljahren einfach so weitermachen wie bisher - also mit Lehrern, die sich an beengende Pläne zu halten haben, mit minimalen Wahlmöglichkeiten, mit unkreativem Lernen auf Klausuren, mit Regularien, Erfolgsdruck und striktem Zeitkorsett. All das widerspricht der Idee von Universität und ihrer uralten Tradition. Nein, ohne sehr viel Freiheit für Themen, Fragen und Lernformen, ohne Sinn für Nebenwege, Risikobereitschaft, zweckfreie Neugierde und etwas Spieltrieb ist Universität nicht denkbar. Erreichen die Reformtechnokraten ihr Ziel eines völlig durchstrukturierten, planbaren, national wie international beliebig austauschbaren Studiums, dann ist etwas entstanden, das den Namen Universität nicht mehr verdient und für viele Berufe, die Kopf erfordern, sogar ungeeignet ist.

Nostalgie wäre indes völlig falsch, denn früher war sicher nicht alles besser. Da blieben viele als ewige Studenten auf der Strecke oder gingen im Chaos einfach unter. Dennoch muss man kein Freund der 68er-Generation sein, um zu begreifen, dass die sogenannte reformierte Universität von heute Studierenden auf perfide Weise den Respekt verweigert, sie geradezu entmündigt: Indem man sie weiterhin wie Schüler behandelt, statt sie als selbstständig denkende, kritisch entscheidende, ihre Interessen frei wählende Menschen ernst zu nehmen. Deshalb ist es ab dieser Woche die Pflicht aller Studienanfänger in Hannover und anderswo, sich gar nicht erst als Lernroboter missbrauchen zu lassen, die von Studientechnokraten programmiert und auf Effizienz gebürstet werden, sondern, wie Immanuel Kant einst so schön sagte, sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen und zu vergewissern - ihres eigenen Willens, ihrer eigenen Wünsche, ihrer eigenen Zielsetzungen. Studienordnungen, Modulkataloge, Kreditpunkte hin oder her.

Dann wird sich Spaß statt Stress und Frust im Studium einstellen. Schließlich geht es um die besten und fruchtbarsten Jahre des Lebens. Auch außerhalb des Hörsaals. Bevor Politiker und Berufsberater die abwegige Angst schürten, Absolventen älter als 23 Jahre seien für diese Welt verloren, ging man auf längere Reisen, lernte Sprachen, sammelte Erfahrungen. Das geht noch immer fast ohne Geld: „WWOOFer“ nutzen etwa ‚worl-wide opportunities on organic farms‘, arbeiten wenige Stunden am Tag bei freier Kost und Logis und lernen in anderen Kulturen innovative Projekte kennen.

Studieren an nur einem Ort galt früher ohnehin als provinziell. Heute ist es durch den europaweiten Erasmus-Austausch auch viel leichter geworden, ins Ausland zu kommen als vor 30 Jahren. Da kamen Professoren zwar noch mit einer Kippe im Mund und einer Kaffeetasse in der Hand ins Seminar, Denken statt Lernstoff vermitteln konnten sie aber. Auch wenn Intellektuelle inzwischen in Verruf geraten sind, weil sie keine gefällige, simple und bloß anwendbare Unterhaltung versprechen, darf die Kunst des Räsonierens nicht aussterben. Die nützt selbst künftigen Lehrern, um eine Schule zu fördern, die früher zur Mündigkeit erzieht. Damit Universität aber nicht zur Schule verkommt, brauchen wir Studierende, die sich nicht wie Schüler behandeln lassen oder selbst so benehmen. Nur dann erfüllt sie ihren ursprünglichen Zweck, eine freie Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden zu sein.

Von Alexander Košenina

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