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Aus der Stadt Kurz vor der Rente feiert Schwark 15. Geburtstag
Hannover Aus der Stadt Kurz vor der Rente feiert Schwark 15. Geburtstag
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00:15 03.03.2016
Von Gunnar Menkens
Museumschef Thomas Schwark (oben) hat heute zum 15. Mal im Leben wirklich Geburtstag - auch wenn er offiziell 60 wird. Quelle: (Foto: Katrin Kutter)
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Hannover

Wie das so ist, wenn man mit einem besonderen Merkmal durchs Leben geht? „Man guckt, wer zählt noch zur Gemeinde.“ Aber Thomas Schwark kennt keinen anderen Menschen, der an einem 29. Februar geboren worden ist. Genau gesagt, kennt er niemanden persönlich. Natürlich, der italienische Komponist Gioachino Rossini kam an diesem Tag zur Welt, weshalb Schwark sich vor Jahren erlaubte, am gemeinsamen Geburtstag im Historischen Museum Musik des Italieners zu spielen. Aber Lebende? Nein. Wo wären sie auch zu treffen, wenn nicht per Zufall, „gibt ja keine Selbsthilfegruppe“. Ein Scherz, es gibt ja nichts zu heilen.

Thomas Schwark leitet den hannoverschen Museumsverbund. Heute wird er 60 Jahre alt, und das ist für ihn ein Grund, 60 Gäste einzuladen, Menschen, die ihm immer wieder begegnet sind. Sonst feierte er meist mit gebremstem Schaum. Doch dieser runde Geburtstag, er kommt Schwark vor, als würde er eine Schallmauer durchbrechen. Als er 50 Jahre alt wurde, dachte er schon, dass er nun zu denen gehört, die ein halbes Jahrhundert Leben hinter sich haben. Wer über 50 ist, sagt er, könne sich gut in Geschichtsbetrachtung einbringen. Damals war er plötzlich einer von ihnen. Ein Zeitzeuge. Da spricht natürlich der Museumsmann.

Aber in diesen Tagen fragt sich Thomas Schwark, welche Zeit ihm bleibt und welche Kraft, sie auszufüllen. „Mit 60 wird die Schlusskadenz angestimmt und mir wird klar, dass ich vieles in meinem Beruf vielleicht nicht mehr erleben werde.“ Vor seiner Haustür blickt er auf den Beginenturm, das Symbol dafür, wie viel Zeit Pläne in Anspruch nehmen können. Sieben Jahre lang dauerte seine Sanierung, solch ein Projekt würde er im Amt wohl nicht mehr schaffen. In sieben Jahren ist er ja vermutlich nicht mehr dabei, das Vertragsende ist absehbar. Mag sein, dass er noch Grundsteine legt, aber nicht mehr Gastgeber ist, wenn das Haus eröffnet wird. „Was erlebt man noch, was schafft man noch?“, diese Fragen stellt sich Thomas Schwark.

Heute, am 29. Februar, haben die Museen geschlossen, nur die Mitarbeiter kommen wie üblich. Es wird keine besondere Aktion geben für diesen 366. Tag des Jahres. Vor vier Jahren, als Thomas Schwark streng genommen seinen 14. Geburtstag feierte, hatten alle Menschen freien Eintritt, die ebenfalls am 29. Februar zur Welt kamen. Es erschien dann eine einzige Besucherin im Historischen Museum. Schwark und die unbekannte Frau gratulierten sich.

„Nette Idee mit dem Eintritt“, sagt Annette Sägebarth, „aber ich war nicht die Besucherin.“ Sie arbeitet als Pädagogin im Job-Center und wird heute, am Montag, 44 Jahre alt. Wer einen Witz machen will, der sagt: elf Jahre. Der 29. Februar war ihr immer sehr wichtig. Das fing schon als Kind an. Sie hatte eine Zeit lang die drollige Idee, dass sie sich diesen besonderen Tag, den niemand anders hatte, jeden Tag nehmen könnte, zum Beispiel irgendwann im Sommer, wann es gerade passte. Jetzt fühlt sie sich „mittendrin im Leben, nicht wie 30 und nicht, als geht es Richtung 60“.

Und noch immer ist es so, dass die Aufregung eine ganz andere ist, wenn alle vier Jahre der Original-Geburtstag bevorsteht. Besser als 18 werden und besser als jeder runde Geburtstag, sagt sie: „Alle denken an mich, auch die, die ich länger nicht gesehen habe, denn dieses Datum vergisst kein Mensch. Der 29. Februar ist mir überhaupt nicht egal.“

Vorher und danach ist das Leben ausgefüllt. Im Job-Center hilft sie jungen Arbeitslosen, Ausbildungsplätze zu finden. Das ist manchmal nicht leicht, weil viele dieser Menschen nicht stabil genug seien und neue Probleme sie vom eigentlichen Ziel ablenkten. Zuhause wartet der Sohn, vier Jahre alt, und wenn einige Stunden Zeit sind, dann machen sie gemeinsame Ausflüge. Zeit ist das, was Annette Sägebarth eher nicht hat.

Und nun bekommt sie, wie alle anderen Menschen, einen Tag dazu. Einen Tag mehr Zeit, einen Tag mehr vom Leben. Was tut sie damit? Ausfüllen, sagt sie. „Hätte ich jeden Tag eine Stunde mehr, würde ich noch mehr machen. Mehr Ausflüge, mehr arbeiten, mehr sauber machen.“

Annette Sägebarth fällt noch ein Wunsch ein. „Es wäre schön, wenn die Leute mir nicht gratulieren und sagen, eigentlich hätte ich ja gar keinen Geburtstag. Das kommt immer.“ Also: Auch der 28. Februar gilt ihr, wie auch Thomas Schwark, als echter Grund zum Feiern.

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Trostgründe für die „unglücklichen Geschöpfe“

Wie viele Menschen in Deutschland an einem 29. Februar Geburtstag haben, weiß man nicht so genau: Es gibt nach Angaben des Statistischen Bundesamtes keinen bundesweiten Überblick. Auch die Frage, wie viele Kinder am vergangenen 29. Februar – also 2012 – geboren wurden, lasse sich nicht beantworten, sagte eine Sprecherin. „Wir haben keine tagesaktuellen Daten. Wir können nur sagen, dass pro Tag etwa 1800 bis 2000 Kinder geboren werden.“

Der Physiker Georg Christoph Lichtenberg, selbst ein Julikind, widmete den Schaltjahrkindern im 18. Jahrhundert einen – wohl nicht ganz ernst gemeinten – Essay mit dem Titel „Trostgründe für die Unglücklichen, die am 29sten Februar geboren sind“. Die „unglücklichen Geschöpfe“, so schreibt der Autor, büßten im Vergleich zu anderen Menschen etwas ein – seien es „Bänder, Blumen, Kuchen, Feuerwerke, Illuminationen und Kanonaden“. Immer seien 75 Prozent davon weg wie weggeblasen. Lichtenbergs Schlussfolgerung: „Das ist etwas hart.“

Auch einige Prominente müssen mit dieser Laune des Kalenders leben, darunter neben dem Komponisten Gioachino Rossini auch Personen der Gegenwart wie Autor Martin Suter, Boxpromoter Wilfried Sauerland, das erste „Topmodel“ Lena Gercke und Fußball-Weltmeister Benedikt Höwedes.

Schalttage in den Februar zu verlegen geht auf die Römer zurück, bei denen der Februarius der letzte Monat des Kalenders war. Die heutige Regelung, alle vier Jahre als 60. Tag des Kalenders einen zusätzlichen Schalttag einzuschieben, hat Papst Gregor XIII. eingeführt. Der musste im Jahr 1582 gleich zehn bis dahin aufgelaufene Schalttage anordnen. Danach, so beschloss er, sollten diese zusätzlichen Daten regelmäßig eingefügt werden, um einen solchen Stau für die Zukunft zu vermeiden. Bis heute geschieht dies alle vier Jahre am 29. Februar.

dpa, r

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