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Aus der Stadt Gedenken an Enke zieht Tausende zum Stadion in Hannover
Hannover Aus der Stadt Gedenken an Enke zieht Tausende zum Stadion in Hannover
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23:06 10.11.2010
Von Felix Harbart
Am Abend fanden sich die Teilnehmer des Trauermarsches vor dem Stadion ein. Quelle: Ulrich zur Nieden

Vieles ist wie vor einem Jahr, und manches ist ganz anders. Über der AWD-Arena hängen schwere Wolken, die sich ein paar Stunden mit Nieselregen begnügen, bis es am Nachmittag aus ihnen zu schütten beginnt. Auch vor einem Jahr war es nass und kalt vor dem Stadion, Kinder legten Robert-Enke-Trikots in Regenlachen ab, und auf Briefbögen verschwammen Bilder, Gedichte, Fotos zwischen den Tropfen.

Jetzt, an diesem Mittwoch, steht dort, wo vor einem Jahr ein Meer aus Kerzen und Blumen lag, ein halb offenes Zelt. In seinem Inneren hat Hermann Queckenstedt, Direktor des Diözesanmuseums Osnabrück, auf Wunsch von Hannover 96 aus dem, was die Fans vor einem Jahr am Stadion niedergelegt haben, eine provisorische Gedenkstätte hergerichtet. In den Vormittagsstunden ist das Kamerateam eines Nachrichtensenders inmitten der Erinnerungsstücke noch recht alleine, und doch sendet man in regelmäßigen Abständen. In Empede sind Kameras und Fans derweil nicht erwünscht, als Nationalcoach Jogi Löw, Manager Oliver Bierhoff, DFB-Präsident Theo

Zwanziger und 96-Chef Martin Kind gemeinsam mit Teresa Enke am Grab des Torhüters einen Kranz niederlegen.

Todestag 2010: Bei einem Trauermarsch durch Hannover haben mehrere Tausend Menschen des im Jahr davor gestorbenen Nationaltorwarts Robert Enke gedacht.

In der Mitte hat der Museumsdirektor ein Bild von Robert Enke aufstellen lassen, und er kämpft mit sich, ob er das richtige ausgewählt hat. Es ist ein besonderes Foto mit einer besonderen Geschichte. Das Bild zeigt Enke nach dem Spiel gegen den Hamburger SV im Herbst 2009. Er grüßt die Fans, dabei schaut er zum Himmel, und man kann heute hineininterpretieren, was man will. Enke hatte ein herausragendes Spiel gemacht, wie so oft. Es war sein letztes Spiel. Glaubt man seinem Biografen und Freund Ronald Reng, dann wusste Enke das bereits, als er den Fans zuwinkte. „Es ist ein Abschied von den Fans“, sagt Queckenstedt.

Vor einem Jahr wisperten sich die Fans, die zwischen den Schals und Kerzen vor dem Stadion standen, leise Mutmaßungen darüber zu, warum Enke sich das Leben genommen haben könnte. Einen Tag später klärte Enkes Witwe Teresa sie auf. Heute flüstert niemand. Fast alle schweigen. Als es Nachmittag wird, finden immer mehr Menschen den Weg in Queckenstedts Zelt, am Ende spricht 96-Sprecher Andreas Kuhnt von insgesamt rund 3000, die über den Tag am Stadion waren.

Etwa 1800 von ihnen kommen als Teil eines im Internet angekündigten Trauermarsches am Stadion an. Fast alle gehen stumm an den letzten Grüßen entlang. Einige weinen. Frank Pfingsttag, Altenpfleger aus Hannover, sagt, er habe täglich mit dem Tod zu tun. „Aber kein Todesfall hat mich so getroffen wie der von Robert Enke.“ Warum? „Ich weiß es nicht.“ Der Historiker Queckenstedt hat sich wissenschaftlich mit dem Totengedenken beschäftigt, und er ist Fußballfan. Von außen, sagt er, habe die massive Trauer in Hannover im vergangenen Jahr zunächst wie ein „Massenhype“ gewirkt. Aber dann kam der Wissenschaftler nach Hannover, und er merkte, dass die Trauer in Enkes Heimatstadt keine Bewegung um des Events willen war. „Wenn man sich ansieht, wie kreativ die Menschen in ihrer Trauer geworden sind, dann sieht man, dass es dazu einen gewissen Antrieb braucht“, sagt er. Die Gedichte, die Bilder, die Collagen seien Ausdruck davon, dass Enkes Tod viele Menschen tief aufgewühlt habe. Insgesamt haben er und seine Mitarbeiter in den Kondolenzbüchern mehr als 10.000 Einträge mit 15.000 bis 20.000 Unterschriften gezählt. „95 Prozent der Menschen haben mehr geschrieben als nur ihren Namen, viele eine ganze Seite oder mehr“, sagt Queckenstedt.

Manche, die jetzt in der Schlange vor dem Kondolenzbuch stehen, erzählen, sie hätten in der Bekanntschaft Unverständnis dafür geerntet, dass sie einmal mehr Robert Enkes gedenken wollten. Eines Mannes, den kaum jemand von ihnen je selbst getroffen hat. Es ist ein etwas diffuses Gefühl der Trauer, das manche hierher geführt hat.

Einige aber haben sehr konkrete Gründe. Eine Schülerin sagt, sie sei mit zwei depressiven Menschen in der Familie aufgewachsen. „Angesichts seiner Krankheit kann ich verstehen, dass er diesen Ausweg gewählt hat, bei dem Druck.“ Eine 18-Jährige aus der Nähe von Helmstedt zeigt Schnitte an ihrem Unterarm, die sie sich selbst zugefügt hat. „Ich habe auch Depressionen, aber zu Hause halten mich alle für bekloppt“, sagt sie. Mag sein, dass sich in der Stadt für Menschen mit der Krankheit etwas geändert habe durch den Tod Robert Enkes. „Bei uns auf dem Dorf nicht.“

Als sich um 18.24 Uhr, dem Todeszeitpunkt Robert Enkes, rund 1800 meist junge Menschen zu einem Trauermarsch am Kröpcke treffen, riecht es nach Regen und Bratwurst und hier und da nach Flaschenbier. Es gibt keinen Ansager und keinen Vorbeter, so recht weiß niemand, was nun passieren soll, bis ein Polizeiauto dem Tross die Richtung vorgibt. Bis zum Stadion, wo der Regen immer größere Pfützen bildet.

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