Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Aus der Stadt Gedenken an tödlichen Einsatz vor 25 Jahren
Hannover Aus der Stadt Gedenken an tödlichen Einsatz vor 25 Jahren
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:16 21.10.2012
Von Tobias Morchner
„Kein Streifenwagen, der nicht an der Suche beteiligt war“: Nach den Todesschüssen in Bemerode begann die Polizei sofort mit einer Großfahndung, einen halben Tag später stellte sie die Täter. Quelle: Rainer Dröse
Hannover

Die beiden Polizisten starben am 22. Oktober 1987 in der Brabeckstraße durch Kugeln aus der Waffe des Schwerverbrechers Dirk Dettmar. Ihm gelang anschließend mit seinen Komplizen Wolfgang Sieloff und Klaus-Detlef Bergener die Flucht.

Der Einsatz, der für die beiden Polizeihauptmeister tödlich endete, hatte zunächst nach reiner Routine ausgesehen. Durch einen anonymen Anruf hatte der Kriminaldauerdienst (KDD) gegen 17.30 Uhr einen Hinweis bekommen: Eine Stunde später würden sich in einer Seat-Werkstatt an der Ecke Döhrbruch/Brabeckstraße drei Männer treffen, bei denen es sich vermutlich um Autoknacker oder Kennzeichendiebe handele. „Diesem Hinweis mussten wir nachgehen, obwohl uns zur Vorbereitung nur wenig Zeit blieb“, sagt einer der KDD-Ermittler von damals. Er möchte seinen Namen auch heute nicht in der Zeitung lesen, weil er im Prozess gegen die Bande, bei dem er als Zeuge aussagen musste, von den Tätern mit dem Tode bedroht worden war.

Die Recherchen des KDD ergaben, dass es sich bei den Männern vermutlich um Wolfgang Sieloff, Klaus-Detlef Bergener und einen weiteren Komplizen handelte. Sie waren durch diverse Raubüberfälle bekannt. Zudem galt Sieloff als flüchtiger Strafgefangener. Doch von der Kaltblütigkeit der Verbrecher ahnten die Ermittler zu diesem Zeitpunkt nichts.

Zur Unterstützung für den Einsatz in der Brabeckstraße forderte die Kripo die Kollegen vom Zivilstreifenkommando (ZSK) an, einem Vorläufer des SEK. Ulrich Zastrutzki leitete diese Einheit. Unterstützt wurde er von Rüdiger Schwedow, weiteren ZSK-Kollegen und der Kripo. „Wir hatten die Werkstatt mit drei Fahrzeugen umstellt“, erinnert sich der ehemalige Kriminaldauerdienstler.

Gegen 18.30 Uhr fuhr ein blauer Audi Quattro mit drei Personen auf das Gelände der Firma. Die Beamten der Spezialeinheit bereiteten sich auf den Zugriff vor. „Plötzlich rollte der Audi allerdings wieder vom Hof, möglicherweise waren die Täter gewarnt worden“, berichtet der Beamte. Vor der Werkstatt stiegen Sieloff und sein Komplize, der erst später als der Schwerverbrecher Dirk Dettmar identifiziert werden sollte, aus dem Audi und gingen zu Fuß in Richtung des Ortskerns von Bemerode. Bergener raste mit dem Wagen davon. „Wir hatten gerade die Verfolgung des Fluchtwagens aufgenommen, als ich im Rückspiegel sehe, wie einer der Täter auf unsere Kollegen schießt“, sagt der Augenzeuge. Ulrich Zastrutzki wurde von drei Kugeln getroffen, die dritte durchschlug ihm die Halsschlagader. Rüdiger Schwedow starb durch einen Kopfschuss. Dettmar und Sieloff schossen anschließend auf die anderen Fahnder, die hinter ihren Fahrzeugen in Deckung gegangen waren und das Feuer sofort erwiderten. Die Todesschützen flüchteten schließlich im Schutz der Dunkelheit. Für die beiden Polizisten kam jede Hilfe zu spät.

Die Fahndung nach dem Polizistenmörder und seinen Komplizen lief sofort auf vollen Touren. „Es gab in der Stadt keinen Streifenwagen, der nicht an der Suche beteiligt war“, berichtet der ehemalige KDD-Beamte.

Rund 15 Stunden nach dem Mord in der Brabeckstraße fanden die Ermittler Klaus-Detlef Bergener tot in der Straße Rote Reihe. Er hatte sich erschossen. Kurz darauf wurden Wolfgang Sieloff und Dirk Dettmar von Spezialkräften überwältigt und festgenommen, als sie ihre Wohnung in der Wunstorfer Straße in Limmer verließen. Um ein Haar hätte die Tragödie um die erschossenen Polizeibeamten noch größere Ausmaße angenommen. Denn Dettmar und Sieloff hatten für den Fall ihrer Verhaftung Vorkehrungen getroffen. „Sie hatten ihre Wohnung mit Sprengfallen ausgestattet“, berichtet der Ermittler. Sobald ein Polizist die Wohnungstür geöffnet hätte, wären die Fallen detoniert. Doch glücklicherweise wurden die Sprengsätze entdeckt, bevor sie Schaden anrichten konnten. „Den Entschärfern standen allerdings die Schweißperlen auf der Stirn, als sie die Bomben unschädlich machten, so ausgefeilt waren die Fallen konstruiert“, sagt der Ermittler.

Unterdessen hatte die Kripo auch herausgefunden, welchen Coup die drei Männer vor ihrer Flucht gerade vorbereiteten. Sie wollten den sogenannten Automatenkönig Horst-Adolf Freise entführen und ein Lösegeld erpressen. Dazu hatten sie den Audi Quattro bereits umgebaut. „Sie hatten Stahlplatten in den Wagen eingebaut, die als Schutz vor Kugeln dienen sollten“, erinnert sich der Ermittler. Außerdem hatten sie den Audi mit einem Sturmgewehr und Rauchgranaten ausgestattet.

Am 29. Oktober nahmen bei der Trauerfeier in der Marktkirche 1500 Menschen Abschied von den toten Polizisten. Gut ein Jahr nach der Ermordung der beiden Beamten wurden Dettmar und Sieloff zu lebenslanger Haft verurteilt. In seiner Urteilsbegründung bescheinigte der Vorsitzende Richter den getöteten Polizisten absolut korrektes Verhalten. Das Urteil gegen Sieloff musste später wegen eines Formfehlers wieder aufgehoben werden. Auch am Ende des Wiederholungsprozesses Anfang Juni 1990 lautete es jedoch auf lebenslang.

Der „Automatenkönig“ sollte entführt werden

Horst-Adolf Freise, das Opfer der geplanten Entführung, galt in den achtziger Jahren als uneingeschränkter „König der Spielautomaten“. Der gelernte Koch und langjährige Amateurboxer hatte sich innerhalb kurzer Zeit ein Spielhallenimperium aufgebaut und damit Millionen verdient. Zweifelhaften Ruhm erlangte er 1985 durch die sogenannte „Schlacht am kalten Büfett“. Während des Balls des Hotel- und Gaststättenverbandes im Kuppelsaal brach er eine Schlägerei vom Zaun, indem er der Ehefrau des damaligen Vizepräsidenten von Hannover 96, Werner Bock, eine Tasse Suppe in den Ausschnitt kippte. Dafür wurde er zu sechs Monaten auf Bewährung und zur Zahlung eines Schmerzensgeldes in Höhe von damals 200.000 Mark verurteilt. Es blieb nicht bei diesem einen Schuldspruch. So wurde Freise unter anderem wegen Steuerhinterziehung zu einer zweijährigen Bewährungsstrafe und einer Geldbuße von 407.000 Mark verurteilt. Schließlich musste Freise, der seinen Reichtum nicht versteckte und sich als Tierzüchter angeblich einen Pferdetransporter samt eingebautem Solarium leistete, Konkurs anmelden.

Mörder, Ausbrecher, Geiselnehmer

Auch nach seiner Verurteilung für die Polizistenmorde von Hannover machte Dirk Dettmar weiter Schlagzeilen. Am Morgen des 21. Oktober 1991 nahm er gemeinsam mit drei Komplizen im Gefängnis in Celle mehrere Justizvollzugsbeamte als Geiseln. Aus einem Stuhlbein und Eisenteilen hatte sich Dettmar ein Gewehr gebaut, Schrauben dienten als Munition. Die Geiselnahme und die anschließende Flucht der vier Straftäter aus dem Gefängnis waren der Auftakt einer tagelangen Verfolgungsjagd quer durch Deutschland. Die Flucht der Schwerverbrecher endete schließlich auf einer Tankstelle nahe Karlsruhe. Scharfschützen der Polizei verletzten Dettmar dabei schwer. Vom Landgericht Celle wurde er daraufhin zu weiteren zwölf Jahren Haft verurteilt. Anfang 1994 standen die Polizistenmörder Dettmar und Sieloff erneut gemeinsam vor Gericht. Sie mussten sich wegen Mordes an Hans Bolchert und Petra Dreier verantworten. Das Paar, das zur Bande von Sieloff und Dettmar gehört haben soll, verschwand wenige Tage vor den Morden in der Brabeckstraße. Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft hatten Sieloff und Dettmar die beiden umgebracht, um sie als Mitwisser zu beseitigen. Doch die Tat konnte ihnen nicht nachgewiesen werden. Sie wurden freigesprochen. Wolfgang Sieloff, damals gerade seit zwölf Monaten auf Bewährung in Freiheit, geriet im Sommer des Jahres 2007 erneut mit dem Gesetz in Konflikt. Bei einer Polizeikontrolle in der Vahrenwalder Straße entdeckten die Beamten geringe Mengen Kokain bei dem damals 49-Jährigen. Ein Gericht wertete den Fund als eindeutigen Verstoß gegen die Bewährungsauflagen und schickte Sieloff erneut hinter Gitter.

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Aus der Stadt Gewalttätige Ausschreitungen - 96-Fans greifen Polizei im Bahnhof an

Nach der Niederlage von Hannover 96 gegen Eintracht Frankfurt ist es am Sonnabend zu gewalttätigen Ausschreitungen gekommen. Nach Angaben der Polizei griffen mehrere 96-Anhänger im Hauptbahnhof Beamte der Bundespolizei an, indem sie mit Flaschen und andere Gegenständen nach ihnen warfen.

21.10.2012

„Desimo“ begeistert sein Publikum als Zauberer, Entertainer, Moderator, Kabarettist und Komödiant. Zum zehnjährigen Bestehen seiner Mix-Show „Desimos Spezial Club“ will der Hannoveraner gleich an zwei Abenden für Überraschungen sorgen.

21.10.2012

Lachen ist die beste Medizin – diese alte Spruchweisheit hat die Medizinische Hochschule Hannover am Sonnabend auf neue Weise belebt.  Zu Ehren von Roncalli-Chef Bernhard Paul veranstaltete die Klinik für Psychiatrie eine im wahrsten Wortsinn humorvolle wissenschaftliche Veranstaltung.

Juliane Kaune 22.10.2012