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Aus der Stadt Gedenken der „Sozialistischen Front“ von 1934
Hannover Aus der Stadt Gedenken der „Sozialistischen Front“ von 1934
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06:15 14.11.2012
Hannoversche Jungsozialisten bei einem Treffen im Jahr 1929 – fünf Jahre später wurde die „Sozialistische Front“ gegründet, eine der größten Wiederstandbewegungen gegen das Nazi-Regime. Quelle: Archiv
Hannover

In der Nacht des 18. August 1936 geriet Heinz Wille, Mitglied der hannoverschen Widerstandsgruppe „Sozialistische Front“, in die Hände der Gestapo. Der Sozialdemokrat war ein junger Mann von 29 Jahren, ein Verkäufer ohne Arbeit. Er wurde sofort ins Gefängnis Schlägerstraße transportiert.

Entsetzliche Brutalität

„In den nun folgenden Verhören erwies sich Kling, der ein äußerst starker und beleibter Mann war, als eine Bestie von entsetzlicher Brutalität. Schon beim ersten Verhör in der Nacht der Verhaftung schlug er mich, nachdem ich seine Frage, ob ich den Blumenberg und die Vahrenhorst kenne, verneinte, mit aller Macht derartig in das Gesicht, dass mir das Blut aus Mund und Nase lief. Dann wurde ich auf den Flur gedrängt, an der Krawatte gefasst, die man mir derart abwьrgte, dass ich kaum Luft bekam und rot anlief, über das Treppengeländer gebeugt und abermals nach den beiden Geflohenen befragt. Als ich die gewünschte Auskunft nicht gab, warf man mich tatsächlich kurzerhand die Treppe hinunter.“

Heinz Wille hatte Glück, trotz allem. Er überlebte die Haft, fünf Jahre Zuchthaus und im Anschluss vier weitere Jahre das Konzentrationslager Sachsenhausen. Andere Mitglieder ließen ihr Leben. Der August 1936 war das Ende der hannoverschen Untergrundorganisation, die Historiker zu einer der grüßten regionalen Widerstandsgruppen in Deutschland zählen. Eine kleine Unachtsamkeit half der Gestapo am Ende, einen Spitzel einzuschleusen.

Andersdenkende wurden angegriffen

Die Geschichte der „Sozialistischen Front“ beginnt 1932. Noch ist die NSDAP nicht an der Macht, aber immer wieder sind Sozialdemokraten, wie weitere Andersdenkende, Übergriffen brutaler Nazis ausgesetzt. Die SA überfällt das Gewerkschaftshaus, und in der SPD beginnt man zu ahnen, dass die Partei in Gefahr ist. Der Vorstand der Partei in Hannover beauftragt Werner Blumenberg, 32, Lokalredakteur des sozialdemokratischen Blattes „Volkswillen“, für ein womöglich drohendes Verbot vorzusorgen. Blumenberg befasst sich mit Strategien illegaler politischer Aktionen, die SPD sollte auch aus der Illegalität heraus handeln können. In Pioniergruppen, nicht größer als fünf Leute, damit keine Maulwürfe eindringen kцnnen.

Aber Werner Blumenberg bleibt die Haltung seiner Partei gegenüber den Nationalsozialisten zu zцgerlich. Er glaubt, dass die SPD-Führung Entschlossenheit und Gefahr der NSDAP unterschätzt. Er will handeln, auch mit Gewalt, wie viele andere Genossen. Waffen sind vorhanden, 100 Pistolen und 15 000 Schuss Munition liegen bereit. Aber nichts geschieht, die Parteispitze schaut zu. Im Januar 1933 wird Hitler Reichskanzler, drei Monate später stürmen Nazis erneut das Gewerkschaftshaus und hissen die Hakenkreuzfahne, das Symbol für die brutale Zeit, die Zeit von Verfolgung und Ermordung politischer Gegner.

Doch das ersehnte Zeichen des SPD-Parteivorstands zur Aktion, es kommt nicht. „Wir standen in Disziplin bereit, aber man rief uns nicht“, schreibt Werner Blumenberg im Juni 1933 in seiner Flugschrift „Was soll werden?“. Es waren 14 eng beschriebene Schreibmaschinenseiten voller Arbeiterpathos, enttäuschter Hoffnungen und Kampfesmut. Da lebte er schon in Verstecken, eines davon am Steinhuder Meer. Er fordert die SPD auf, sich aufzulösen und im Untergrund weiterzumachen. Seine Vorstellung ist es, eine neue sozialistische Arbeiterbewegung zu gründen, eine Einheitsorganisation, die keine Parteien mehr kennen soll, er will den „Umsturz“. Blumenberg nennt die Abspaltung von der SPD „Sozialistische Front“, er wird ihr führender Kopf, aber der Name ist eine Illusion: Die Mitglieder der SPD sind bei Weitem in der Überzahl, eine gemeinsame linke Front existiert nicht.

„Was bleibt, ist das gedruckte Wort“

Was bleibt, ist das gedruckte Wort. Die „Sozialistischen Blätter“ übernehmen Nachrichten ausländischer Zeitungen, beschreiben Fälle nationalsozialistischer Korruption, Hitler wird als Kriegstreiber dargestellt, und die Lage der Arbeiterschaft ist ebenso wiederkehrendes Thema wie die riskante Arbeit im Untergrund. Die Blätter wollen eine Stimme des Widerstands sein im dröhnenden Apparat nationalsozialistischer Propaganda, die Zeitungen und Radios und Kцpfe der Menschen gleichschaltet.

Die Mittel von Blumenbergs Leuten in Hannovers Arbeitervierteln, den verdeckt als Abteilungsleiter und Unterverteiler helfenden meist jungen Schlossern, Drehern, Arbeitslosen und Tischlern, sind armselig. Schreibmaschine, Handdrucker, Wachsmatritzen, Abzugsapparat, eine Ausrüstung, die in wechselnden Kellern und Wohnungen versteckt wird. Die dicht beschriebenen Seiten erscheinen unregelmäßig, etwa alle vier bis sechs Wochen auf zehn gehefteten DIN-A4-Seiten. Der Höhepunkt der Auflage fällt ins Jahr 1935, als rund 1000 Exemplare unter vertrauenswürdigen Gleichgesinnten verteilt werden.

„der sehr verlässliche Genosse Alexander“

Stets schweben die Verschwörer in Gefahr, entdeckt zu werden. Banale Gründe genügen. Im Februar 1935 stritt sich Willy Dröhne mit seiner Ehefrau, der dies den Akten zufolge Grund genug ist, ihn bei der Gestapo zu denunzieren. Eine erste Verhaftungswelle trifft die Organisation, neun Männer werden wegen Hochverrats zu Zuchthausstrafen verurteilt. Kaum beeindruckt von diesem Schock geht der Kampf in der Illegalität weiter. Bis eine Unachtsamkeit der Gestapo Gelegenheit gibt, einen Spitzel in die „Sozialistische Front“ einzuschleusen. Ein Mitglied hatte Abzüge der „Sozialistischen Blätter“ zu zwei Sympathisanten nach Hamburg geschickt und auf den Umschlag noch eine schnelle Notiz an einen Bekannten geschrieben – „Schöne Grüße an Karl“.

Ein Verstoß gegen die Postbestimmungen. Das Paket erreicht die Gestapo, die beiden Adressaten werden verhaftet und gezwungen, an die Absenderin eine Nachricht zu schicken. Bald komme ein Gleichgesinnter nach Hannover, der etwas Ähnliches wie die „Sozialistische Front“ in Berlin aufbauen wolle, der „sehr verlässliche Genosse Alexander“. Der vermeintliche Freund, ein starker und beleibter Mann, lernt in Hannover Werner Blumenberg und andere Genossen kennen. Blumenberg ist misstrauisch, aber der Spitzel bewegt sich unter ihnen. Am 16. August 1936 reist „Alexander“ erneut in die Stadt. Am Hauptbahnhof beobachten Heinz Wille und Frieda Vahrenhorst, wie der angebliche Genosse in einen Wagen der Gestapo steigt. Jetzt wissen sie Bescheid.

Hunderte Menschen werden verhaftet

Es ist das Signal zur Flucht. Blumenberg und Vahrenhorst eilen in die Niederlande, Heinz Wille ist nun Leiter der „Sozialistischen Front“. Für zwei Tage, dann begegnet er Kling beim Verhör. Die Gestapo Hannover verhaftet innerhalb weniger Tage Hunderte Menschen, Mitglieder der Organisation und Leser der Blätter. Vier Tage nach Willes Verhaftung bauen zwei Genossinnen den Abzugsapparat auseinander und werfen die Teile in die Leine. So, wie Mitglieder zuvor Pistolen und Munition auf dem Grund der Ricklinger Kiesteiche versenkten.

Dennoch, meint der hannoversche Historiker Hans-Dieter Schmid, war die Gruppe erfolgreich. „Die Blätter hielten eine Solidargemeinschaft und den Kontakt untereinander aufrecht. Sie haben unter großem Risiko eine Gegenöffentlichkeit etabliert. Man kann sich heute nicht mehr vorstellen, was es bedeutete, etwas Alternatives lesen zu kцnnen.“ Im Kampf für ihre Überzeugungen zahlten alle einen hohen Preis. 107 Männer und Frauen wurden zu Zuchthausstrafen zwischen zwölf Monaten und zehn Jahren verurteilt, die Anklagen lauteten auf Hochverrat. 133 Menschen mussten ins Gefängnis. Mindestens acht Inhaftierte starben – in Zuchthäusern, Konzentrationslagern oder dem Strafbataillon 999.

Es war Mitte der siebziger Jahre, als die SPD-Bundestagsabgeordnete Edelgard Bulmahn mit einigen Zeitzeugen sprechen konnte. Ihr Eindruck war, dass sie sich der Gefahr aussetzten, weil sie aus tiefer persönlicher Ьberzeugung die Ziele der Nazis ablehnten. „Sie waren überzeugt, dass die Nazis die Arbeiterbewegung zerstören würden.“ So kam es. Bulmahn sieht die Geschichte dieses hannoverschen sozialdemokratischen Widerstands auch als aktuelle Mahnung. „Es geht darum, Nein zu sagen zur Unterdrückung Andersdenkender. Darüber brauchen wir einen gesellschaftlichen Konsens.“

Die Front im Internet

Die Geschichte der „Sozialistischen Front" in Hannover bekommt eine eigene Internetseite. Die Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin hat, nach einer Empfehlung der SPD-Bundestagsabgeordneten Edelgard Bulmahn, das Material über Personen und Inhalte zusammengetragen und zu einem übersichtlichen und anschaulichen Netzauftritt geordnet. Über das Internet sollen auch Jugendliche angesprochen werden. Die Adresse soll am Montag im Laufe des Tages freigeschaltet werden. Sie ist Grundlage für die hier beschriebene Geschichte der Untergrundorganisation.

Die Friedrich-Ebert-Stiftung lädt am Montag zu einer Veranstaltung über die „Sozialistische Front". Sie beginnt um 18 Uhr im Historischen Museum. Redner sind unter anderem der Historiker Hans-Dieter Schmid von der Leibniz-Uni, Prof. Johannes Tuchel, Leiter der Gedenkstätte in Berlin, sowie Edelgard Bulmahn.

von Gunnar Menkens

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