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Gedrückte Stimmung im Cinemaxx in der Nikolaistraße
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Bestürzung über Schließung Gedrückte Stimmung im Cinemaxx in der Nikolaistraße

Im falschen Film? Die Nachricht von der Schließung des Cinemaxx in der Nikolaistraße hat bei den Mitarbeitern, aber auch bei Besuchern für Bestürzung gesorgt. Erinnerungen an ein Stück Kinogeschichte der Stadt.

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Schluss zum 1. August: Das Cinemaxx-Kino in der Nikolaistraße wird geschlossen.

Quelle: Surrey

Hannover. Die Stimmung war amm Donnerstag gedrückt am Cinemaxx in der Nikolaistraße, bei den Besuchern wie den Mitarbeitern. Die Nachricht von der bevorstehenden Schließung des Multiplexkinos zum 1. August verhagelte manchen Zuschauern fast die Freude auf den Film. An der Kasse drückten viele Besucher ihr Bedauern aus.

Mitarbeiter Petr Schnur tauschte wie jeden Donnerstag zum Programmwechsel auf einer großen Leiter die Plakate über den Eingängen aus. Vorsichtig, mit weißen Staubhandschuhen, damit die Bilder des Stars im Schaukasten ihre Strahlkraft entfalten. Der Teamleiter für den Einlassbereich des Kinopalasts arbeitet bereits seit Anfang 1992 in der Nikolaistraße. Bis auf wenige Monate hat er die gesamte Geschichte des Kinos miterlebt. „Es war immer eine im positiven Sinne besondere Atmosphäre hier. Wir arbeiten in einem guten Team. Und es kommen viele Stammgäste, mit denen wir versuchen zu plaudern, wenn die Zeit es zulässt.“

Cineasten, die auf kleine Programmkinos schwören, mag es erstaunen: Doch das Ende des ersten hannoverschen Cinemaxx löst jetzt bei vielen Kinogängern nostalgische Gefühle aus. Denn die Eröffnung im März 1991 war eine kleine Sensation. Hans-Joachim Flebbe, damals noch mit dem Aufbau seines Kinoimperiums beschäftigt, führte amerikanische Verhältnisse vor der Leinwand ein: Sein Cinemaxx in Hannover stattete er mit zehn riesigen Sälen aus. Große Leinwände und ein für damalige Verhältnisse sehr gutes Soundsystem sollten ungewohnten Kinogenuss ermöglichen. Die Zuschauer konnten sich vor dem Filmbeginn im Foyer mit Proviant in Form riesiger Popcorntüten, Sekt, Bier und Cola versorgen. Das war noch neu und ungewohnt. In Hannover dominierten zu dieser Zeit die Schachtelkinos. Viele der großen, alten Kinopaläste hatten längst geschlossen oder waren in Minisäle parzelliert worden. Andere kränkelten angesichts der neuen Konkurrenz erst recht.

Die Premiere in der Nikolaistraße am 6. März 1991 brachte mit rotem Teppich, Kamerateams und Stars wie Armin Mueller-Stahl und Sonja Kirchberger Glamour nach Hannover. Das entsprach der Bedeutung des Moments: In der Nikolaistraße startete zwar nicht das erste Multiplex, aber das ersteCinemaxx in ganz Deutschland. Das zweite Haus der Kinokette öffnete Ende 1991 in Essen.

Auch in den Folgejahren waren bei Filmpremieren deutsche und internationale Leinwandstars wie Anthony Perkins, Jasmin Tabatabai, Kai Wiesinger oder Moritz Bleibtreu zu Gast. Besonderen Wirbel löste Jackie Chan aus: Für den Actionstar musste die ganze Straße abgesperrt werden. Götz George kam mehrmals. „Er wünschte aber um Gottes willen keinen Fankontakt und hat sich immer abschirmen lassen“, erinnert sich eine Mitarbeiterin.

Etliche Filme liefen mit ambitioniertem Begleitprogramm. Petr Schnur erinnert sich an einen Südafrika-Film mit Armin Mueller-Stahl, den eine Ausstellung und der Vortrag eines Uni-Dozenten begleiteten. „Es gab den Anspruch, das sogenannte Popcorn-Kino mit Kultur aufzupeppen. Viele Mitarbeiter der Anfangszeit haben das mitgetragen.“

Das Cinemaxx Nikolaistraße zeigte russische, türkische und iranische Filme in Originalsprache und lockte damit zahlreiche Einwanderer in die Säle, die sich freuten, im Kino ihre Muttersprache zu hören. Es gab spezielle Programme für Schulklassen, und als Harry Potter auf die Leinwand kam, Mitternachts-Previews mit vielen aufgeregten verkleideten Kindern.

Die 60 Mitarbeiter sehen nun einer ungewissen Zukunft entgegen. Sie werden bald ihre Kündigungen erhalten. Der Konzern hat den 39 unbefristet Beschäftigten zwar Stellen in anderen Städten in Aussicht gestellt, nicht jedoch im Cinemaxx Raschplatz. „Dabei gab es immer einen regen Austausch zwischen beiden Häusern. Kollegen sind kurzfristig eingesprungen oder ganz dorthin gewechselt“, sagt Betriebsrätin Sonja Ruiz Alonso. Etliche Mitarbeiter in der Nikolaistraße sind bereits seit der Anfangszeit dabei. Oft kommt ein Umzug nicht infrage. Sonja Ruiz Alonso selbst ist an Krebs erkrankt, ihr Mann arbeitet in Hannover. Petr Schnur und seine Lebensgefährtin teilen sich ihre Schichten im Kino so ein, dass sich immer einer der beiden um die gemeinsamen Kinder kümmern kann. „Anderswo würden wir diese Bedingungen nicht mehr bekommen“, sagt der 55-Jährige.

Unklar bleibt, was Flebbe mit dem Gebäude vorhat. Er hat sich vor Jahren vom Unternehmen Cinemaxx getrennt und hatte als Vermieter nun eine höhere Miete gefordert. Die Cinemaxx-Kette weiß noch nicht, was sie mit dem Inventar machen wird – Flebbe hat noch offengelassen, ob er es zum Teil übernimmt und dann nach einer Pause wieder ein Kino in dem Gebäude startet.

Umliegende Gastronomen sind in Sorge

Das bevorstehende Aus für Hannovers ältestes Großkino war am Donnerstag in der Nachbarschaft beherrschendes Thema – nicht nur bei den Kinofreunden, sondern vor allem auch bei den Gastronomen und ihren Gästen. „Natürlich sind wir nicht erfreut über diese Entwicklung“, sagt Susan Nussbaum vom mexikanischen Restaurant „Bolero“ in der Nikolaistraße. Zwar kämen viele Gäste direkt in das Restaurant, „aber ein Gutteil der Kunden kommt auch vor oder insbesondere nach einem Kinobesuch“. So wie alle anderen Gastronomen in der Nachbarschaft sagt auch Nussbaum: „Wir warten jetzt erst mal ab. In den letzten Jahren hat es schließlich oft Schließungsgerüchte gegeben.“ Diesmal allerdings deute die Kündigung der Mitarbeiter auf das wohl endgültige Aus hin.

In der Restaurantbar „Piccoli’s Roadhouse“ mag man noch keine Trübsal blasen. Seit 1998 ist das Unternehmen ansässig, hat mit dem Kino Höhen und Tiefen erlebt. „Als das Cinemaxx sein Programm umgestellt hat, da haben wir das hier durchaus an den Besucherzahlen gemerkt“, heißt es in dem Betrieb. Mittlerweile aber habe man sich mit Fußballübertragungen ein eigenes Publikum aufgebaut. Wenn Bundesliga oder Champions League gespielt werde, seien die rund 400 Plätze auch ohne Kinopublikum gut gefüllt.

Ob allerdings auch die kleine „Piccoli-Pizzabar“ am Haus ohne das Kinopublikum auskommen wird, muss sich im Sommer erweisen. Das Geschäft ist untervermietet, dort herrscht nach Filmschluss traditionell starker Andrang.

Doch auch in kleinen Cocktailbars wie dem „Pancho“ auf der Ecke zum Postkamp bemüht sich der Inhaber um Zuversicht. Seit sechs Jahren ist die Kleingastronomie dort ansässig, seit einem Jahr mit neuen Betreibern. „Wir haben uns ein eigenes Stammpublikum aufgebaut“, sagt der Inhaber, „denn dass der Publikumsstrom im Cinemaxx nachgelassen hat, das sehen wir mit Sorge.“ Er hat davon gehört, dass der Immobilieneigentümer Hans-Joachim Flebbe in dem Cinemaxx-Gebäude möglicherweise ein oder zwei Kinosäle seiner neuen Edelkinomarke Astor-Kino eröffnen will, in der es statt Popcorn und Massenabfertigung freundliche Mitarbeiter in Livreen, gute Weine und stilechtes Kinoerlebnis geben würde. Das muss nicht die schlechteste Nachbarschaft sein für eine Cocktailbar. „Wir werden sehen, was sich hier entwickelt“, sagt der „Pancho“-Inhaber und schenkt seinen Gästen einen Cocktail ein.

Bärbel Hilbig und Conrad von Meding

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