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Wie ein Flüchtlingshelfer zum AfD-Mitglied wurde

Vorbild mit Fragezeichen Wie ein Flüchtlingshelfer zum AfD-Mitglied wurde

Vom ausgezeichneten Flüchtlingshelfer zum AfD-Mitglied: Klaus Pehlke wurde dafür geehrt, dass er Wohnungen an Flüchtlinge vermietet - zu niedrigeren Preisen, als er am Markt erzielen könnte. Doch jetzt ist der ehemalige Pastor Mitglied der AfD. Wie passt das zusammen?

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Zu Pehlkes Mietern in Ricklingen gehören auch Ansam Hakim und Sohn Ivel, christliche Flüchtlinge aus dem Irak.

Quelle: Franson

Hannover. Es war kein kleiner Tag im Leben von Dolores und Klaus Pehlke. Sie hatten sich fein angezogen für die Feier im Auswärtigen Amt, und dort saß das Ricklinger Paar tatsächlich in der ersten Reihe, gleich neben Vizekanzler Sigmar Gabriel. Zwei Plätze weiter nahm der damalige Außenminister Platz, Frank-Walter Steinmeier. Dahinter im Saal: 700 Männer und Frauen, alle halfen Flüchtlingen, alle im Ehrenamt, alle waren Vertreter der Willkommenskultur, gute Menschen, und das Grauen für alle, die die Gesellschaft von sehr weit rechts sehen. Pehlkes vermieten ihre Wohnungen an Flüchtlinge, deshalb wurden sie nach Berlin eingeladen. Das war im Dezember 2014.

Minister Gabriel würdigte seine Gäste in hohem Ton. Sie seien ­Repräsentanten des besseren Deutschlands. Sie stünden für ein Land jenseits von Pegida, brennenden Flüchtlingsheimen und Angst vor sogenannter Überfremdung. So stellte sich auch Steinmeier sein Land vor: „Das Deutschland, das ich kenne, ist keine Angst-Nation, sondern eine zupackende Nation!“ Dolores und Klaus Pehlke packten an, was für die Bundesregierung ein guter Grund war, das hannoversche Paar zu seinem Vorbild für die Nation zu erklären. Der Deutschlandfunk berichtete, das ZDF, die „Süddeutsche“ und auch diese Zeitung.

Vorbilder der Nation

Jetzt ist Klaus Pehlke, der Repräsentant des besseren Deutschlands, Mitglied der AfD. Vor etwa einem Jahr trat er einer Partei bei, die Stimmen fängt, indem sie Überfremdungsängste schürt. Wie geht das zusammen in einem Menschen, persönliche Hilfsbereitschaft und der Geist der Ausgrenzung, der die AfD beherrscht?

„Gute Frage“, sagt Klaus Pehlke in der Küche seiner Ricklinger Wohnung. Er ist 70 Jahre alt, ehemals Pastor bei der landeskirchlichen Gemeinschaft, und ein freundlicher und zuvorkommender Mann. Mit seinem kahlen Kopf und dem kugelrunden Bauch wirkt er geradezu gemütlich. Nach einem Infarkt verschaffen zwei Stents seinem Herzen Luft. Er erzählt von Zweifeln, die an ihm nagten, ob das klappen könne mit den vielen Flüchtlingen aus anderen Kulturen. Zweifel, die ihn schon vor diesem feierlichen Abend in Berlin beschäftigten und etliche Monate vor Angela Merkels Satz, man schaffe das. Er überlegt, wie er es am besten ausdrückt, nutzt die Zeit des Nachdenkens, um Kaffee aufzusetzen, dann wählt er zwei Schlagworte. Er sagt: „Ich glaube nicht, dass wir das schaffen. Und der Islam gehört nicht zu Deutschland.“

Im Haus der Pehlkes leben zwölf Flüchtlinge in fünf Wohnungen, darunter ein wenige Monate altes Baby. Das Jobcenter zahlt die Miete, auf dem Markt könnte Pehlke mehr verdienen. Obwohl das Paar eigentlich niemanden mehr aufnehmen wollte, weil es zu viel wurde mit dem Kümmern drumherum, zog vor Kurzem noch eine herzkranke Frau mit ihrem Sohn ein. Die beiden waren aus Syrien geflohen. Pehlke, der Christ, hält es für nichts Besonderes, Menschen in Not zu helfen.

Nur muss der Glaube stimmen. Klaus Pehlke will Christen vor Verfolgung schützen. Danach wählt er seine Mieter aus: „Ich habe bewusst Leute aufgenommen, die wegen ihres Glaubens vertrieben worden sind.“ Er meint: Christen. Und er meint: keine Muslime. Denn den Islam hält er für eine im Kern gefährliche Religion. Die Salafisten etwa, „sie sind hier, um etwas zu verändern“. Als deren Oberprediger Pierre Vogel einmal am Kröpcke Werbung machte für die radikale Auslegung des Korans, stellte sich Pehlke nahe an den Stand der Fundamentalisten und hielt ausdauernd ein selbst gezimmertes Schild hoch. „Jesus rettet“, stand darauf. Es ist das Stück, mit dem er auch ohne Anlass öfter in der Fußgängerzone auftaucht. So etwas wirkt schnell sektenhaft, die radikalen Männer mit den Bärten reagierten humorlos. „Hau ab!“, riefen sie, „verschwinde!“.

Der AfD-Mann ist Anhänger der Theorie, dass gläubige Muslime sich in Deutschland mit seinem freiheitlichen Grundgesetz nicht integrieren könnten, weil ihr Glaube es ihnen verbiete. Pehlke fürchtet, dass Muslime Christen einfach überrennen könnten, irgendwann, vielleicht sogar geplant. Eine Kultur besiegt die andere, es wäre nicht das erste Mal in der Geschichte. Die Christen müssen also wirklich aufpassen. Er stellt sich selbst eine Frage, als es um das geht, was in der AfD oft „Überfremdung“ heißt. „Könnte sie nicht eine Zuchtrute Gottes sein, um Christen aufzuwecken?“ Was ja bedeutet, dass Menschen, die ins Land kommen, eine Plage sind. Pehlke horcht seiner Frage nach, er lässt das mal so in der Küche stehen.

Aussuchen, wem man hilft

Die ideologische Lage wird unübersichtlich, wenn Menschen die Lager verlassen. Klaus Pehlke wählt aus, wen er reinlässt in sein Haus. Das ist sein gutes Recht. Muslime, die vor Kriegen flüchten, bleiben draußen. Dass der überwältigende Teil von ihnen in Deutschland friedlich und ohne Umsturzphantasien lebt, spielt dann keine Rolle. Andererseits: Klaus und Dolores Pehlke helfen Menschen in Not. Das können die wenigsten von sich behaupten. Noch weniger vermieten Wohnungen an Flüchtlinge.

Tut Klaus Pehlke, der sich selbst einen rechts-konservativen Mann nennt, das Richtige aus den falschen Gründen? SPD-Leute sagten ihm, er sei eigentlich in der falschen Partei. „Nee“, antwortete er, „das glaube ich nicht.“ Es gebe Christen, die hielten ihm sein Engagement für die AfD vor. Er stellte sich an Wahlkampfstände, wurde mit einem Messer bedroht und vertritt seine Partei nun als beratendes Mitglied im Kulturausschuss des Rates. „Unmöglich, Klaus“, sagten diese Christen. Andere wiederum beglückwünschten ihn. Den ganz linken Anti-Faschisten war es egal, dass einer Menschen hilft, sie sahen ausschließlich das AfD-Parteibuch und behaupteten, er wolle bloß Geld machen mit der Vermietung. Wenn die wüssten, dass Pehlke begeistert ist von Sahra Wagenknecht. Wie die Spitzenpolitikerin der Linkspartei die ungleiche Verteilung des Reichtums geißelt, der Europäischen Union misstraut und argumentiert, Globalisierung nutze immer nur Konzernen, da unterschreibt der Ricklinger jede Zeile. Die Ränder der Lager berühren sich.

Beim letzten Schluck Kaffee stellt sich heraus: Im Haus wohnt doch eine Muslimin, sie ist die Freundin eines Mieters. Klaus Pehlke kann das nicht verhindern, die Gedanken sind frei und der Glaube ist es ebenso. Aber noch ist seine Küche in seiner, in christlicher Hand.     

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