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Gefährliche Begleiterscheinungen der Silvesterknallerei
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„Ich hätte nie gedacht, dass ...“ Gefährliche Begleiterscheinungen der Silvesterknallerei

Schöne Farben, bunte Lichter, laute Knallerei: Was die Deutschen an Silvester lieben, ist nicht ungefährlich. Der Chirurg Jürgen Kopp kennt die gefährlichen Begleiterscheinungen der Silvesterknallerei.

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Der Mediziner Jürgen Kopp mahnt zu einem besonnenen Umgang mit Böllern.

Quelle: Thomas

Hannover. Es gibt einen Satz, den Jürgen Kopp schon oft gehört hat: „Ich hätte nie gedacht, dass so eine Verletzung solche Folgen hat.“ Patienten sagen das, die der Chefarzt der Klinik für plastische, Hand- und Mikrochirurgie des Diakoniekrankenhauses Friederikenstift an den Händen und den Armen behandeln musste. Er tut das das gesamte Jahr über, es geht dabei um Arbeits- und Sportunfälle oder Ähnliches. Einmal im Jahr kommt aber etwas anderes hinzu: Dann sitzen diejenigen in der Praxis, die nie gedacht hätten oder verdrängt oder ignoriert haben, dass das Silvesterfeuerwerk keine harmlose Ballerei ist.

Kopp kann ganz eindringlich schildern, was passiert, wenn die Leute ihre Böller und Raketen nicht mit der erforderlichen Portion Respekt behandeln. Da war der Mann, der einen Luftheuler zu lange in der Hand hielt, wobei die Lunte auch noch in Richtung Arm zeigte: „Wenn so ein Ding zündet, dann entsteht ein Hochdruckflammenstrahl. Der ist unter die Haut ins Gewebe gegangen und hat einen langen Brandkanal hinterlassen.“ Viele kommen, denen Böller in der Hand explodiert sind. Fingeramputationen sind dann manchmal notwendig, oder es zerreißt gleich die gesamte Hand (nicht nur Knochen, sondern auch Gewebe, Nerven und Sehnen). Kopp und seine Kollegen müssen dann versuchen, aus den Resten wieder ein funktionsfähiges Körperteil zu machen. Was manche nicht wissen: Die Plastik- und Papierfragmente, die durch die Luft sausen, wenn ein Kanonenschlag auseinanderfliegt, landen als sogenannte Einsprengungen unter der Haut: „Das bedeutet riesige Infektionsgefahr. Wir müssen dann das Gewebe aufschneiden, säubern und Drainagen legen“, sagt Kopp.

„Die Hand ist eines der komplexesten Organe am Körper“, sagt Kopp. Wichtige Nerven, Sehnen und Adern gehen durch sie durch, sie hat einen sensiblen Knochen- und Gelenkaufbau, auch die Verletzungsanfälligkeit der Nägel ist nicht zu unterschätzen. Dazu kommt, dass die Hand ohnehin das Universalwerkzeug am menschlichen Körper ist.  Und die Rolle, die sie durch Gesten in der zwischenmenschlichen Kommunikation spielt, wird vielen erst bewusst, wenn es damit plötzlich verletzungsbedingt hapert oder ganz vorbei ist. „Eigentlich widersinnig, ein solches Instrument der Gefahr durch Explosivstoffe auszusetzen“, findet der Chirurg.

Andererseits ist der Chirurg niemand, der den Leuten den Spaß vermiesen mag. „Für die allermeisten ist Feuerwerk aber eine Beschäftigung, der sie nur einmal im Jahr nachgehen. Deshalb unterschätzen sie die Gefahren“, meint er und weiß zu berichten, dass er noch nie einen Profi­feuerwerker behandeln musste. Ein weiteres Problem ist der Alkoholkonsum. „Es würde weniger passieren, wenn die Leute erst böllern und dann trinken statt umgekehrt“, sagt der Chirurg. Kaum zu glauben, aber wahr: So mancher merkt erst nach Ausschlafen seines Rausches, dass er verletzt ist (weshalb die meiste feuerwerksbedingte Arbeit in der Klinik an der Marienstraße auch nicht in der Nacht, sondern erst im Laufe des Neujahrstages anfällt). „Je früher ein Patient zu uns kommt, desto größer ist die Chance auf Wiederherstellung und desto geringer ist die Gefahr einer schlimmen Infektion“, betont er.

Kopp selber fasst zu Silvester keine Böller mehr an: „Das ist berufsbedingt, ich habe zu viel gesehen.“ Wenn er das neue Jahr mit Feuerwerk begrüßt, dann zündet der 48-Jährige ein paar Raketen – und zwar so, wie es die Sicherheitsempfehlungen besagen. Und wenn er einen Silvesterwunsch loswerden darf, dann ist es der, dass die Feierfreudigen in der Nacht beim Feuerwerk ihren gesunden Menschenverstand einsetzen, die Sicherheitshinweise nicht nur als Larifari abtun und einigermaßen nüchtern an die Sache herangehen. Das wäre nicht nur für diejenigen schön, die damit einen Unfall vermeiden, sondern auch für Kopp selbst. Der ist zwar mit Leib und Seele Chirurg, aber er kann sich am Neujahrstag schönere Beschäftigungen vorstellen als Hände zusammenzuflicken. Und den Satz „ich hätte nie gedacht, dass ...“, den möchte er dann auch nicht hören.

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