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Aus der Stadt Autobahn 2 verkommt zur Todesstrecke
Hannover Aus der Stadt Autobahn 2 verkommt zur Todesstrecke
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00:16 21.05.2015
„Es sind einfach zu viele Lastwagen unterwegs“: Autobahn A2 am Montag im Norden von Hannover. Quelle: Michael Thomas
Hannover

Die Hoffnung der Polizei, dass mit dem Ende der Dauerbaustellen auf der Autobahn 2 auch die Zahl der schweren Unfälle sinkt, scheint sich nicht zu erfüllen. Allein in den ersten vier Monaten dieses Jahres starben neun Menschen im Abschnitt zwischen Bad Eilsen und Hämelerwald - im gesamten Jahr 2014 war es nur einer mehr gewesen. Und nichts deutet darauf hin, dass der schreckliche Unfall vom Wochenende mit zwei Toten der letzte gewesen sein könnte. Sie waren mit ihrem BMW in einen Lkw-Anhänger gerast, der wegen eines geplatzten Reifens umgekippt war.

Bei einem Unfall auf der A2 bei Langenhagen sind zwei Menschen gestorben. Der Pkw der bisher nicht identifizierten Personen kollidierte mit einem umgekippten Sattelzug.

„Es sind einfach zu viele Lastwagen unterwegs - die Verkehrsdichte macht uns ernsthaft Sorgen“, sagt Fritz Henze, der Vorsitzende der hannoverschen Verkehrswacht. „Wir brauchen mehr Spuren auf der Autobahn, um den Verkehr zu entzerren“, betont Christian Richter, Vize-Chef der Güterverkehrsvereinigung im Gesamtverband Verkehrsgewerbe (GVN): „Die Engpässe auf den Straßen sind unser größtes Problem.“ Er hofft, dass künftig die automatischen Abstandshalter die Sicherheit erhöhen, die ab Jahresende in Lkw Pflicht werden. „Leider zunächst nur in Neufahrzeugen - es dauert Jahre, bis alle Lastwagen ausgestattet sind“, bedauert Richter. Henze stimmt ihm zu. „Die Fahr­assistenzsysteme müssten schneller eingeführt werden“, sagt er.

Lange Zeit galt vor allem die Dauerbaustelle bei Lehrte als Ursache für schwere Unfälle. Allein während der acht Monate Bauzeit musste die Freiwillige Feuerwehr 50-mal zur A 2 ausrücken. Uwe Lange, bei der Polizeidirektion Leiter des Dezernats für Einsatz und Verkehr, hatte noch Mitte März bei der Präsentation der Unfallzahlen von einem „temporären Anstieg der Unfallzahlen“ wegen der Baustelle gesprochen. Jetzt zeigt sich: Nicht nur Baustellen und dadurch verursachte Staus führen zu schweren Unglücken. Der jüngste Unfall mit dem geplatzten Reifen als Ursache lässt sich in derartige Kategorien nicht einordnen.

Ohnehin sei ein Stauende nur einer von vielen Faktoren, die zu Unglücken mit Verletzten und Toten führen, sagt Polizeisprecher Holger Hilgenberg. „Zu hohe Geschwindigkeiten, abgelenkte Fahrer und zu geringer Sicherheitsabstand - das sind die eigentlichen Hauptunfallursachen“, sagt Hilgenberg.

Um diese Faktoren zu minimieren, hat die hannoversche Polizeidirektion im vergangenen Jahr bereits großen Aufwand betrieben. Über den CB-Funk, den alle Fernfahrer benutzen, ließen die Beamten Stauwarnungen in verschiedenen Sprachen laufen. Zudem wiesen Behörde und Verkehrsmanagementzentrale mit mobilen Stauwarnern entlang der Strecke auf aktuelle Gefahrenstellen und Behinderungen hin.

In vielen Fällen waren die Mühen offenkundig vergebens. 2029-mal krachte es im Jahr 2014 auf der A 2, 508 Menschen wurden verletzt, 53 davon schwer. Zum Vergleich: Auf den drei Autobahnen A 7, A 37 und A 352, die ebenfalls in den Bereich der Polizeidirektion fallen, kam es insgesamt nur zu 786 Unfällen mit 150 Leichtverletzten und 15 Schwerverletzten. Noch deutlicher sind die Zahlen der Verkehrstoten. Von den zwölf Menschen, die auf Autobahnen rund um Hannover ums Leben kamen, starben im vergangenen Jahr zehn auf der A 2.

„20 Stunden Stau sind nicht viel“

20 Stunden hat es nach dem tödlichen Unfall auf der A2 am Wochenende gedauert, bis die Umleitungen aufgehoben werden konnten. Eine lange Zeit für die, die im Stau standen oder sich durch Nebenstraßen quälen mussten. „Das war doch richtig schnell“, sagt dagegen Julia Fundheller, Vizechefin der Straßenbaubehörde: „Kaum jemand weiß, dass wir die gesamte Straßenoberfläche abfräsen und neu aufbringen lassen mussten – und das am Wochenende.“

Schuld ist der Flüsterasphalt, der inzwischen auf weiten Strecken des Autobahnnetzes verlegt ist. Er sieht zwar geschlossen aus, besteht aber oben aus einer rund vier Zentimeter dicken Deckschicht aus offenporigem Asphalt. „Die Poren nehmen zwischen 22 und 28 Prozent der Materialstärke ein“, sagt Fundheller. Das hat zwei Vorteile: Erstens sind die Fahrgeräusche nicht so laut, die entstehen, wenn das Reifenprofil Luft komprimiert – die Poren leiten den Luftdruck ab. Zweitens fließt Regenwasser in den Poren ab. „Das reduziert nicht nur die Gefahr von Aquaplaning, sondern minimiert auch das Sprühen – der Hintermann hat bessere Sicht.“

Einen ganz großen Nachteil aber hat der offenporige Asphalt (außer dem höheren Preis und der mit rund zehn Jahren kürzeren Haltbarkeit): „Sobald es eine größere Havarie gibt, muss er abgefräst und flächig neu aufgebracht werden“, sagt Fundheller. Nach einer geplatzten Ölwanne, einem geborstenen Dieseltank oder eben einem Schaumeinsatz der Feuerwehr sind die Poren verstopft. Das Wasser fließt nicht mehr ab, außerdem können die Schmierstoffe den Porenasphalt zersetzen.

Innerhalb weniger Stunden müssen nicht nur Baufirmen mit Fräsen und den großen Asphaltmaschinen auf der Autobahn sein, sondern auch Lkw mit heißem Gemisch aus den Asphaltwerken. „Am Wochenende ist das ist eine logistische Herausforderung“, sagt Fundheller.

Von Jörn Kießler und Conrad von Meding

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