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Braucht die Inklusion eine Pause?

Gemeinsamer Unterricht Braucht die Inklusion eine Pause?

Der gemeinsame Unterricht von Kindern mit und ohne Beeinträchtigung, ein verbrieftes Ziel seit drei Jahren auch in Niedersachsen, gerät in Stocken. Und es gibt zunehmend Gegenwind: Gab es bisher Bedenken vor allem bei Eltern nichtbehinderter Kinder, mehrt sich jetzt auch die Kritik von Eltern der Kinder mit Handicap.

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So gelingt Gemeinsamkeit: An der Mira-Lobe-Schule, die die Diakovere betreibt, gibt es eine inklusive Oberschulklasse auch für Kinder ohne Behinderung. Foto: Schaarschmidt

Quelle: Tim Schaarschmidt

Hannover. Die Probleme kommen von allen Seiten. Behinderte Kinder, die an Regelschulen scheitern, Eltern, die sich mehr individuelle Förderung wünschen und sich dann doch für den Schutzraum Förderschule entscheiden, überforderte Regellehrer, die sich nicht gleichzeitig um das Kind mit Handicap und den Rest der Klasse kümmern können, Schulen ohne Rückzugsmöglichkeiten und Sonderpädagogen, die von Standort zu Standort hetzen und ein, zwei Stunden in eine Klasse gucken. „Wir brauchen ein Moratorium“, fordert Matthias Ahäuser, Schulelternratsvorsitzender der Albert-Liebmann-Schule. „Inklusion ist gut, aber nicht ohne die entsprechenden Ressourcen. Wir brauchen eine Pause“ Allzu oft hat der Elternvertreter an der Sprachförderschule erlebt, dass Familien ihre Kinder doch lieber auf Förderschulen geben, weil sie an den Regelschulen schlechte Erfahrungen gemacht haben. Ein Vater ist nach zwei Jahren Regelschule jedenfalls froh, das seine Tochter jetzt zu einer Sprachheilschule geht: „Die Klassen sind hier viel kleiner, statt 20 sind es nur 14 Kinder, die Förderung ist intensiver und besser.“ Seine Tochter gehe jetzt mit deutlich mehr Lust zur Schule und mache sogar wieder Hausaufgaben. „Das war früher ein riesiger Kampf.“ Und der Erfolg gebe ihnen recht: „Im letzten Deutschtest hat sie eine Zwei geschrieben.“

Eine Mutter einer Drittklässlerin mit Lern- und Konzentrationsschwächen sagt: „Eigentlich bräuchte meine Tochter jemanden, der immer neben ihr sitzt und ihr die Sachen noch mal erklärt.“ Doch im Schulalltag ist dafür weder Zeit noch Personal. Beinahe jede Woche bringe ihre Tochter wieder eine Sechs mit nach Hause. Nun hofft sie, durch eine Begutachtung zu erreichen, dass ihre Tochter nicht mehr benotet wird. Eigentlich aber sucht die Mutter eine neue Schule für ihr Kind. Wo sie die Drittklässlerin anmelden soll, weiß sie aber nicht so recht.

Die Förderschulen für Kinder mit Lernschwächen laufen sukzessive aus. Rund 20 sind landesweit seit 2013 ganz geschlossen worden. Für Anika von Bose, Elternvertreterin an der Sprachheilschule Celle, ist das ein Fehler. Sie wirbt für Ausnahmeregelungen: „Die Abschaffung der Förderschulen ist nicht gleichzusetzen mit erfolgreicher Inklusion.“ Ahäuser berichtet, dass es sogar Eltern gebe, die ihre Kinder mit Lernschwächen aus Not sogar an Förderschulen für geistig Behinderte anmeldeten. Den Abschluss einer allgemein bildenden Schule kann man dort aber nicht machen.

Das Kultusministerium hält von dem Ruf nach einem Moratorium nicht viel. Die inklusive Schule sei 2012 vom Landtag mit breiter Mehrheit beschlossen worden. „Seitens der Regierung gibt es keinerlei Bestrebungen das zu ändern“, sagt ein Sprecher. Niedersachsen gehe einen sehr ausgewogenen Weg und sehe sich bestätigt: Die Inklusionsquote an den Regelschulen liege mittlerweile bei fast 60 Prozent. 2014 waren es 52,5 Prozent gewesen. Dies sei ein klarer Beleg für das große Engagement der Schulen. Gleichwohl sei Inklusion ein komplexer Prozess und werde man nachsteuern, wenn sich ein entsprechender Bedarf ergebe. Für viele Eltern und Lehrer ist der Bedarf längst da.

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