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Ein Stück mit Stallgeruch

Generalprobe in Dreifaltigkeitskirche Ein Stück mit Stallgeruch

Krippenspiele füllen die Kirchen, und die Familien der Darsteller fiebern mit. Dazu muss es nicht einmal die Hauptrolle sein. Ein Besuch bei Engel und Schaf in der evangelischen Dreifaltigkeitskirche in der List.

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Musical unterm Schnitzaltar: Die Engelsschaar füllt in der Dreifaltigkeitskirche den Altarraum.

Quelle: Hagemann

Hannover . Aufgeregt ist er nicht. Und den Text, na klar, den Text kennt er längst auswendig: „Jesus ist heut’ geboren, Jesus Christus, Gottes Kind. Licht kommt in unser Leben, Gott liebt uns, wer wir auch sind“, singt Justus. Gerne wäre er schon im vergangenen Jahr dabei gewesen. Doch das ging nicht. Aus Altersgründen. Jetzt ist er endlich vier geworden und darf mitmachen beim Krippenspiel in der evangelischen Dreifaltigkeitskirche in der List.

Justus hat eine Charakterrolle als Engel ergattert. Die Wahrscheinlichkeit, als Debütant in der Engelsschar zu landen, ist groß: Insgesamt machen in dieser Inszenierung 56 Kinder als Himmelsboten mit. Die Schafe spielen sie nebenbei auch noch. Das ist nicht weiter schwer: „Da müssen wir nur ,mäh!‘ machen“, sagt Justus souverän.

Krippenspiele füllen die Kirchen, und die Familien der Darsteller fiebern mit. Dazu muss es nicht einmal die Hauptrolle sein. Ein Besuch bei Engel und Schaf.

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Seine großen Schwestern haben bereits Krippenspielerfahrung: „Ich könnte mir schon vorstellen, irgendwann auch einmal den Verkündigungsengel zu spielen“, sagt die sechsjährige Astrid. Der Verkündigungsengel muss Maria die Geburt Christi ankündigen. Das ist eine große Sache. Und in einer klassischen Krippenspielkarriere muss man sich über die Jahre hochdienen, vom Engel zum Verkündigungsengel und vielleicht irgendwann sogar bis zur Jungfrau Maria. Viele Kinder sammeln im Altarraum ihre ersten Bühnenerfahrungen. Für viele bleiben es zugleich die letzten, doch ihre Freude trübt das nicht. Justus’ Schwester Tabea ist bereits im vierten Jahr dabei: „Ich spiele als Engel auch noch Bratsche“, sagt sie, „,Vom Himmel hoch‘ – das ist kein Problem.“

Bei Familie Dödtmann, die nur einen Steinwurf von der Kirche entfernt wohnt, läuft der Probenbetrieb auf Hochtouren. Wie die Orgelpfeifen stellen sich die drei Kinder im Flur auf und üben für ihren Einsatz. Mutter und Oma haben die Kostüme selbst genäht, seit Wochen geht es jeden Montag zur Probe in der Gemeinde. Mit dem weitärmeligen Engelsgewand lässt sich’s schwer bratschen. „Überhaupt ist es ganz schön anstrengend“, seufzt Engel Justus. Aber die Kinder wissen, was sie dem Publikum schuldig sind: „Da kommen Heiligabend ja mindestens ein paar Hundert Besucher“, sagt Astrid.

„Wir haben sogar noch Rollen hinzuerfinden müssen“

Tatsächlich sind Krippenspiele der Renner unter den kirchlichen Weihnachtsangeboten. Allüberall sind dieGotteshäuser überfüllt, wenn Kinder die wohl meisterzählte Geschichte der Welt lebendig werden lassen; diesen Gänsehauttext, emotional aufgeladen mit Kindheitserinnerungen, Spiritualität und Bratapfelgeruch.

„Unsere Krippenspiele sind inzwischen die bestbesuchten Gottesdienste an den Weihnachtstagen“, sagt Pastorin Stefanie Sonnenburg von der evangelischen Nordstädter Kirchengemeinde: „In einer Aufführung wird die Weihnachtsgeschichte erlebbar, die Besucher können praktisch in Bethlehem mit dabei sein – und es ist leichter, an der Krippe zu stehen, wenn Kinder vormachen, wie das geht.“ Auch in den katholischen Gemeinden haben Krippenspiele Konjunktur: „In den vergangenen Jahren waren die Aufführungen immer überfüllt“, sagt Pfarrer Heinrich Plochg von der St.-Josephs-Kirche in der List: „Wir haben vor der Kirche inzwischen Abstellplätze für Kinderwagen eingerichtet, weil es sonst zu eng wird.“

In der List ist es für viele Familien fast Ehrensache, dass die Kinder im Krippenspiel mitmachen: „Die Beteiligung der Gemeinde ist groß“, sagt Pastor Jürgen Kemper, der das Stück an der Dreifaltigkeitskirche als eine Art Musical präsentiert. „Wir haben sogar noch Rollen hinzuerfinden müssen“, gesteht er. Kein Theologe verändert leichtfertig ein Jota am Text des Evangelisten Lukas. Doch dass jetzt ein paar Kinder aus Bethlehem Maria und Josef den Weg weisen, ist wohl eine lässliche Sünde.

Ein Engel muss mal pieseln

Am Tag der Generalprobe herrscht dann großes Gewusel im Gemeindehaus. Dutzende Engel schlüpfen hinter den Kulissen in ihre Kostüme, Mütter tragen großflächig Goldstaub auf. „Die leichteste Rolle hat Linus, der muss nur bei seiner Mutter auf dem Schoß sitzen“, sagt der vierjährige Justus. Dabei hat Linus die Hauptrolle: Er spielt Jesus. Linus ist noch nicht einmal fünf Monate alt. Das passt zu einer Geschichte, in der sich das Größte im Kleinsten zeigt, weil Gott Mensch wird. „Ich hoffe, er verschläft die Vorstellung friedlich“, sagt seine Mutter Juliane Schaer, die als Maria gewissermaßen die Mutter alle Mütter spielt. Neben Volker Ruperti, der den Josef gibt, ist sie eine der wenigen Erwachsenen auf der Bühne.

Dann zieht die Engelsschar in die Kirche ein, die schon bei der Generalprobe überfüllt ist. Justus geht an der Hand seiner großen Schwester Tabea nach vorn. „Licht der Liebe, Lebenslicht – Gottes Geist verlässt uns nicht“, singen die Kinder. Pastor Kemper sitzt bei diesem Musical unterm neugotischen Schnitzaltar mit der Gitarre in der ersten Reihe. Diskret signalisiert er, dass singende Engel nicht am Tannenbaum herumzupfen dürfen, während die Gemeinde „Vom Himmel hoch“ singt.

Zwei Engel gähnen, als das Gebot von Kaiser Augustus ausgeht, dass alle Welt sich schätzen ließe. Ein Engel muss mal pieseln. Ansonsten keine besonderen Vorkommnisse. Einmal winkt Justus seiner Mutter im Publikum verstohlen zu. Das „Gloria in excelsis Deo“ dürfte die Originalbesetzung kaum eindrucksvoller hinbekommen haben, damals, als Quirinius Statthalter in Syrien war. Und bei „Stille Nacht“ glänzen in der Kirche alle Augen.

„Das habt ihr klasse gemacht“, lobt Pastor Kemper seine himmlischen Heerscharen nach der Probe. Justus nickt. Er hatte nichts anderes erwartet. Und seine Schwester Astrid packt langsam das Lampenfieber: „Jetzt“, sagt sie, „jetzt bin ich richtig aufgeregt auf Heiligabend.“

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