Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / -4 ° wolkig

Navigation:
"Wie war das bei Dir in der Schule, Oma?"

Generationeninterview zum Schulstart "Wie war das bei Dir in der Schule, Oma?"

Großmutter, Mutter, Tochter: Birgit, Denise und Tahina Kohrt erzählen im HAZ-Generationeninterview vom Schulalltag, Leisegongs und ehrgeizigen Eltern - und was sich zwischen den drei Familienmitgliedern in der Schule verändert hat.

Voriger Artikel
Ein Kinderfest zur Einschulung
Nächster Artikel
Gibt es eine Wende in der "Strabs"-Debatte?
Quelle: Samantha Franson

Hannover. Birgit Kohrt ist 1964 in die Schule gekommen, ihre Tochter Denise 1988 und Enkelin Tahina 2014. Was hat sich in 40 Jahren geändert? Ein generationenübergreifendes Gespräch über Einschulungsrituale, Noten, und die Art, wie Lehrer für Ruhe sorgen: mit dem Stock oder mit dem Leisegong.

Frau Kohrt, am Sonnabend ist Einschulung. Heute ist das oft eine große Sache: mit aufwendiger Schultüte, Geschenken, Familienfest. Sie kamen 1964 in die erste Klasse. Wie war das damals?

Birgit Kohrt: Das war nichts Großes. Meine Eltern kamen mit mir in die Schule. Es gab eine Schultüte, ja. Aber gefeiert wurde nicht. Es war ein ganz normaler Tag. Zu Ostern übrigens. Auf den Schulanfang im Sommer wurde erst später umgestellt, durch die Kurzschuljahre. Ich bin deshalb eigentlich nur drei Jahre in die Grundschule gegangen.

Denise Kohrt: Ich weiß noch, wie aufgeregt ich beim ersten Mal in der Klasse war. Ich bin in die Grundschule der IGS Roderbruch gegangen. Das war ein riesengroßes Schulgebäude. Das hat mir schon ein bisschen Sorge bereitet (lacht). Aber ansonsten: Meine Eltern, mein Bruder und ich waren da, es gab eine Schultüte und nachmittags haben wir Kaffee getrunken ...

Tahina Kohrt: Was war denn in Deiner Schultüte?

Denise Kohrt: Süßigkeiten. Ein Anspitzer. Schön beklebt war sie, aber nicht selbst gebastelt.

Und Deine Schultüte, Tahina? (Tahina verschwindet ins Nebenzimmer und kommt kurz darauf stolz mit einem kegelförmigen Kissen zurück.)

Tahina: Guck mal. (Zeigt den aufgenähten Dinosaurier und ihren Namen, der groß auf dem Kissen prangt). Als es meine Schultüte war, war da noch eine Pappe drin. Jetzt ist es mein Lieblingsknuddelkissen.

Wolltest Du gerne in die Schule oder hattest Du eher Angst?

Tahina: Ich hab mich sehr auf die Schule gefreut. Ich musste ja noch gar nicht. Ich bin ein Kannkind. Anfangs fand ich sie auch ziemlich groß. Aber jetzt hab ich viele Freunde. Ich kenn’ sie in- und auswendig.

Freute man sich Anfang der Sechzigerjahre auf die Schule? Die Lehrer galten als sehr streng.

Birgit Kohrt: Der Lehrer damals war eine absolute Respektsperson. Ein Herr. Es gab bei uns ja noch was mit dem Lineal auf die Finger, wenn man mit dem Nachbarn flüsterte oder quatschte. Manchmal setzte es schon was, wenn man auf eine einfache Frage nicht die richtige Antwort wusste. Oder man musste still in der Ecke stehen, mit dem Gesicht zur Wand ...

Tahina: Das würde ich aber noch lieber machen als die Sache mit dem Lineal ...

Denise Kohrt: Für mich ist das heute unvorstellbar. Auf der IGS Roderbruch wäre niemand auf die Idee gekommen, uns zu schlagen. Im Gegenteil: Bei uns wurden die Lehrer von Anfang an geduzt. Das kannte ich allerdings so von keiner anderen Schule.

Und Du, Tahina, wie sprichst Du Deine Lehrer an?

Tahina: Wir sagen den Nachnamen. Wir wissen die Vornamen ja gar nicht. Außer bei meiner Klassenlehrerin. Die heißt Patricia. Die ist gar nicht so streng. Nur manchmal wird sie sauer, wenn die Kinder ganz lange Blödsinn machen oder quatschen ...

Was macht sie dann?

Tahina: Wir haben einen Leisegong. Der hat drei Klingeltöne (singt leise: Ding, dong, ding). Der sagt, dass wir leiser sein müssen.

Birgit Kohrt: Bei uns wurde noch mit dem Stock auf den Tisch geschlagen. (Seufzt). Oder gebrüllt: ‚Ruhe jetzt’.

Tahina: Wir haben auch eine Froschspieluhr. Die zeigt auch, dass wir zu laut sind.

Wann macht sie das?

Tahina: Zum Beispiel in der Freiarbeit.

Tahina, was Freiarbeit ist, weiß vielleicht gar nicht jeder. Kannst Du das erklären?

Tahina: Freiarbeit ist eine Arbeit, die wir uns selber aussuchen. Wir können im Arbeitsheft weitermachen oder lesen, schreiben, mit Bausteinen spielen. Es gibt ganz viele Sachen dafür. Wenn wir zu laut sind, kommt die Froschspieluhr. Dann ist die Stunde früher zu Ende. Das ist blöd.

Denise Kohrt: Unser Klassenraum war in viele Lernorte unterteilt: eine Kuschelecke zum Beispiel oder eine Druckerei. Ich bin mir sicher, wir haben sogar die Gänge genutzt, wenn es nötig war. Es war alles doch sehr frei damals.

Wie haben Ihre Lehrer für Ruhe gesorgt?

Denise Kohrt: Manche haben auch mal geschrien. Andere nicht. Wir hatten aber auch viel Gruppenarbeit. Da war es erforderlich, dass wir miteinander reden. Es durfte ruhig auch mal lauter werden. Stille war gar nicht unbedingt erwünscht.

Gab es Noten?

Denise Kohrt: Nein, lange nicht. Wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht, erst in der achten Klasse. Vorher gab es individuelle Lern-Entwicklungsberichte. Eine dicke Mappe, mit einer DIN-A 4-Seite für jedes Fach.

Birgit Kohrt: In den Berichten standen oft so warmherzige Worte über die Kinder. Das war auch gut für uns Eltern, dass da nicht bloß eine Note stand, sondern auch etwas anderes, Schönes.

Tahina, Du kommst jetzt in die dritte Klasse - und kriegst zum ersten Mal Noten. Wie findest Du das?

Tahina: Ich finde es eigentlich gar nicht so schlecht. Ich bin ganz gut in der Schule. Ich würde mich sehr wundern, wenn ich irgendwo eine Sechs bekäme.

Wie war das in den Sechzigerjahren?

Birgit Kohrt: Ich glaube, bei uns gab es in der ersten Klasse nur ein paar Sätze. Ab der Zweiten gab es Noten, sogar fürs Betragen. ‚Verhalten in der Schule’ nannte sich das.

Wie fanden Sie das?

Birgit Kohrt: Es war nicht toll. Aber man kannte es auch nicht anders. Heute sehe ich es kritischer: Wenn ein Kind lebhaft war, bekam es schlechte Noten. Wenn es brav und sittsam war, hatte es eine Eins. Aber will man ein Kind, das immer brav und sittsam ist?

Wie wichtig war es, dass man das Gymnasium erreichte? Heute ist es vielen Eltern ja sehr wichtig.

Birgit Kohrt: Das war früher ganz anders. Die Kindern von Rechtsanwälten oder Ärzten, die kamen aufs Gymnasium, ganz klar. Aber die Mittelschicht ging in der Regel auf die Realschule. Ich auch. Und die allermeisten gingen zur Hauptschule. Das war damals ganz normal.

Wie war es für Sie als Mutter von Denise in den Neunzigern?

Birgit Kohrt: Ich glaube, wir waren anders als die Eltern heute. Natürlich war es schön, wenn die Kinder gute Noten hatten. Aber es war nicht unbedingt nötig. Es war auch wichtig, dass sie Freunde hatten. Spaß.

Viele Kinder müssen heute viel leisten, werden aber zugleich auch sehr behütet. Geht Tahina zum Beispiel schon allein in die Schule?

Tahina: Ja, klar.

Denise Kohrt: Tahina geht schon lange mit einem Nachbarskind. Mir war wichtig, dass sie früh selbstständig wird. Das ist nicht überall so, was man schon an Rundschreiben an die Eltern merkt, in denen darum gebeten wird, die Kinder wenigstens nicht bis vors Schultor zu fahren. Manche Eltern fahren ihre Kinder bis zum Ende der vierten Klasse.

Birgit Kohrt: Früher es war viel natürlicher, dass die Kinder auch Dinge alleine machten. Denise zum Beispiel ist sehr früh mit einer Gruppe von Schulkameraden alleine zur Schule gefahren - obwohl sie einen Weg von einer Dreiviertelstunde hatte. Aber das war auch eine andere Zeit damals. Man wurde von den Medien noch nicht ständig damit konfrontiert, was alles passieren kann. Heute, bei Tahina, bin ich auch ängstlicher.

Tahina, Abschlussfrage: Wenn Du Erstklässlern erklären müsstest, wie Schule ist, was würdest Du sagen?

Tahina: Schule ist etwas sehr Wichtiges und macht viel Spaß - (denkt nach) - und die Pausen sind auch sehr schön.

Interview: Jutta Rinas

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr Aus der Stadt
Es war einmal in Hannover. Aber wo?

Auf in eine neue Runde: Sie kennen sich in Hannover aus? Zeigen Sie es! Schauen Sie sich die historischen Stadtansichten an, und erraten Sie, wo die Aufnahmen gemacht wurden. Direkt hinter dem historischen Foto sehen Sie die Auflösung – in Form eines aktuellen Vergleichsbildes.

Von Singapur nach Hannover: Journalistin Sophie Mühlmann

Sophie Mühlmann hat 13 Jahre lang als Asienkorrespondentin in Singapur verbracht. Von dort aus bereiste und beschrieb sie die riesige Region zwischen Afghanistan, Ozeanien und Nordkorea. Zuvor war sie für den ARD-Hörfunk mehrmals als Korrespondentenvertretung und „Feuerwehr-Reporterin“ in China im Einsatz. Seit dem vergangenen Sommer ist sie nun Neu-Hannoveranerin.