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Aus der Stadt Geologen wollen in Hannover Erdwärme anzapfen
Hannover Aus der Stadt Geologen wollen in Hannover Erdwärme anzapfen
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20:40 04.11.2009
Von Bernd Haase
Der Mann für den Überblick: Michael Kosinowski leitet das Erdwärmeprojekt. Quelle: Martin Steiner

Auf den ersten Blick sieht es so aus, als befinde sich Mario Stowasser in einem Flugzeugcockpit. Bildschirme mit Zahlenreihen und Grafiken hat er vor sich, Steuerpulte mit Knöpfen und Hebeln neben sich. Stowasser hebt aber nicht ab, sondern steuert etwas, das unter der Erde arbeitet – den Bohrer, der sich derzeit in mehr als 3500 Meter Tiefe durch mittleren Buntsandstein der Detfurth-Folge frisst. „Wir sind da, wo wir hin wollten“, sagt Michael Kosinowski. Der Geologe ist Leiter des hannoverschen Erdwärmeprojektes in Groß-Buchholz. Weiter als hier wurde von Hannover aus noch nie ins Erdreich vorgedrungen.

Dass der Bohrmeißel dort ist, wo er auch sein sollte, ist gar nicht so selbstverständlich. Kosinowski hat die Bohrung einmal mit dem Versuch verglichen, mit der Spitze einer vier Meter langen Spaghettinudel ein Centstück zu treffen. Außerdem sehen die Bohrarbeiter keine Bilder von unten – „vor der Hacke ist es dunkel“, wie der Projektleiter sagt. Stowasser und seine Kollegen steuern den Apparat anhand von Daten wie Pumpdruck, Drehmoment, Tiefe (der Bergmann sagt Teufe), Sauerstoffgehalt und vielem mehr.

Die Geologen wollen die Erdwärme als Energiequelle für das nahe gelegene Hochhaus der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in Groß-Buchholz anzapfen und dazu vom Jahr 2012 an 135 Grad heißes Tiefenwasser nach oben holen. Das allein würde die Kosten von mittlerweile 16,8 Millionen Euro für das Großprojekt aber nicht rechtfertigen. Es geht auch darum, zu beweisen, dass Erdwärme grundsätzlich auch in Norddeutschland genutzt werden kann, obwohl hier die geologischen Verhältnisse deutlich ungünstiger sind als im Süden.

Für die große Bohrung haben die Techniker ein 53 Meter hohes Stahlungetüm in Groß-Buchholz aufgestellt, von dem viele Autofahrer auf dem nahe gelegenen Messeschnellweg denken, es diene dazu, jetzt auch in Hannover Öl zu fördern. Rund um die Uhr wird gebohrt. Das eigentliche Loch sieht dabei unspektakulär aus: Es hat einen Durchmesser von nicht einmal 50 Zentimetern und ist damit kleiner als ein Gully. In ihm dreht sich ein Gestänge aus aneinandergeschraubten Metallrohren mit dem Bohrmeißel an der Spitze langsam, aber möglichst stetig mit 180 Umdrehungen in der Minute. „Wichtig ist, dass alles rundläuft. Der Super-Gau wäre es, wenn sich das Bohrgestänge verkantet, bricht und ins Loch fällt“, sagt Kosinowski.

Das ist zum Glück bislang nicht passiert, aber Anlaufschwierigkeiten gab es trotzdem. Einige der bis zu 90.000 Euro teuren Spezialmeißel büßten ihre Diamantzähne schneller ein als erwartet und erhofft. Dann müssen die Bohrarbeiter um den eigens aus Holland engagierten Spezialisten Harm Palmers jedes Mal das gesamte Gestänge nach oben holen, dabei in seine 20-Meter-Abschnitte zerlegen und einen neuen Meißel aufsetzen. Zwanzigmal hat sich dieses Prozedere schon wiederholt – mit der Folge, dass sich das Gesamtprojekt um mindestens 1,8 Millionen Euro verteuert.

Direkt am Fuß der Anlage qualmt und dampft es. In der Luft liegt ein Geruch, der entfernt an denjenigen erinnert, der auch durch Töpferwerkstätten zieht. Er stammt von einem fein abgestimmten Gemisch aus Wasser, Schwerspat, Salz und Ton. Es sieht aus wie flüssige Schokolade. Dieses Gemisch jagen die Bohrarbeiter durch das Gestänge mit einem Druck in die Tiefe, der etwa hundertfach so hoch ist wie derjenige in einem Autoreifen. Unten kühlt es nicht nur den Bohrer, sondern zerbröselt auch das Bohrgut. Dann strömt es außen an den Stahlrohren vorbei wieder nach oben, wo es über Leitungen auf Schüttelsiebe transportiert wird.

Die vibrierenden Apparate trennen das Bohrgut vom Spülgemisch. Hierhin begibt sich der Geologe Andreas Perschke mehrmals am Tag und nimmt mit einer Kelle Bodenproben ab. Die trocknet er dann auf einer Elektroheizplatte, analysiert sie unterm Mikroskop und füllt sie schließlich in kleine Glasröhrchen. Von denen sind mittlerweile einige Hundert zusammengekommen. So erhalten die Geologen durch die Rekordbohrung auch das bisher genaueste Profil des Bodens unter der Landeshauptstadt. „Es entspricht dem, was wir auch erwartet haben“, sagt Perschke. Bis 1500 Meter waren es Schichten aus der Kreidezeit, dann bis 2700 Meter die Juraschichten Dogger, Malm und Lias. Derzeit dreht sich der Bohrer in den mehr als 200 Millionen Jahre alten Schichten des Trias. Keuper und Muschelkalk hat er schon durchstoßen, jetzt ist Buntsandstein an der Reihe.

Weniger als 500 Meter sind es noch, die gebohrt werden müssen. Dann ist Kosinowskis imaginäres Ein-Cent-Stück erreicht. Der Projektleiter schätzt, dass es in einem Monat so weit sein wird. Das Stahlungetüm, von dessen Art es in Deutschland nur vier Exemplare gibt, wird noch länger in Hannover bleiben. Die Bohrstelle für den Anschlussauftrag in Bayern ist noch nicht vorbereitet. Dort wird man – na klar – nach Erdwärme bohren. „99 Prozent der Materie im Erdinneren sind heißer als 1000 Grad und vom Rest sind weitere 99 Prozent heißer als 100 Grad“, sagt Kosinowski. Es liege auf der Hand, diese Energiequelle zu nutzen – auch in Hannover.

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