Volltextsuche über das Angebot:

11 ° / 6 ° wolkig

Navigation:
Ermittlungspanne im Fall der Leiche im Fass

Geschwister werfen Polizei Versäumnisse vor Ermittlungspanne im Fall der Leiche im Fass

Die Geschwister der vor 24 Jahren getöteten Franziska S. erheben massive Vorwürfe: Die Polizei habe schwere Versäumnisse begangen. Die Hinterbliebenen haben einen Rechtsanwalt eingeschaltet. Die Behörden räumen derweil Fehler ein.

Voriger Artikel
Alligatoah begeistert 5000 Fans
Nächster Artikel
Mousse T. und Sennheiser stellen 3-D-Mikro vor

Bruder Hubertus S. (rechts) hat gemeinsam mit seinen Schwestern Rechtsanwalt Matthias Waldraff beauftragt, die Akten im Fall seiner Schwester zu sichten.

Quelle: Tim Schaarschmidt

Hannover. Massive Vorwürfe erheben die Geschwister von Franziska S., die vor 24 Jahren von ihrem Ehemann getötet wurde und deren Leiche bis vor wenigen Wochen unentdeckt in einem Fass versteckt war, gegen die Behörden. Sie werfen ihnen schwere Versäumnisse und Verunglimpfung vor. Die Staatsanwaltschaft Hannover hat am Freitag gegenüber der HAZ Fehler eingeräumt. Die Hinterbliebenen haben einen Rechtsanwalt eingeschaltet, um den Fall gründlich prüfen zu lassen.

Der Bruder und die drei Schwestern der Ermordeten kritisieren das Vorpreschen der Strafverfolger, die den Fall als verjährt einstufen, obwohl die Ermittlungen noch nicht abgeschlossen sind. Die Staatsanwaltschaft ging bisher von einem Totschlagsdelikt aus, das nach 20 Jahren verjährt. Gäbe es hingegen Mordermittlungen, könnte das Verbrechen auch noch nach Jahrzehnten geahndet werden. Außerdem wehren sie sich gegen die Darstellung der Behörden, die Angehörigen hätten all die Jahre nichts unternommen, um Franziska S. wiederzufinden, und sie erst 2013 als vermisst gemeldet. Das sei nachweislich falsch. „Wir sind öffentlich verunglimpft worden - und das zu Unrecht“, sagt Hubertus S. im Gespräch mit der HAZ.

Die Geschwister haben den Strafverteidiger Matthias Waldraff damit beauftragt, Einsicht in die Ermittlungsakten zu nehmen. „Wir wollen die Angelegenheit gründlich aufarbeiten, um zu sehen, was dokumentiert worden ist und wo möglicherweise Fehler gemacht worden sind“, sagt Waldraff.

Täter lenkte die Geschwister ab

Denn fest steht: Franziska S. ist zuletzt im Februar 1992 lebend in Hannover gesehen worden. Bereits im Herbst wurden die Geschwister bei der Kripo Hannover vorstellig, um eine Vermisstenanzeige aufzugeben. „Dort sind wir einfach nur abgeblitzt“, sagt Bruder Hubertus S. Die Frau sei volljährig und verheiratet, deswegen sei es Sache des Ehemanns, eine derartige Anzeige zu erstatten, lautete die Antwort der Ermittler. Die Polizei riet ihnen, sie sollten sich doch an den Ehemann Jörg L. halten, um weitere Informationen über ihre Schwester zu erhalten. Doch zu diesem Zeitpunkt war der heute 52-Jährige schon nach Neumünster gezogen. Das Fass mit der darin eingeschweißten Leiche seiner Frau hatte er mitgenommen und in einer Garage versteckt.

Die Geschwister lenkte er mit abstrusen Geschichten über Franziska S. ab. Sie sei in Norwegen, um eine gemeinsame Wohnung zu suchen, erklärte er einmal. Sie habe ihn Hals über Kopf verlassen, hieß es ein anderes Mal. Als im Jahr 1994 in Bothfeld eine ermordete junge Frau gefunden wurde, erschienen die Geschwister abermals bei der Polizei und wiesen auf ihre verschwundene Schwester hin. Jörg L. wurde zwar vernommen, die Ermittlungen zu seiner verschwundenen Ehefrau aber erneut nicht aufgenommen. „Zum damaligen Zeitpunkt gab es keine Hinweise auf eine Straftat zum Nachteil der 26-Jährigen, deshalb wurden keine Ermittlungen aufgenommen“, sagt ein Polizeisprecher.

Auch nach diesem Rückschlag ließen die Geschwister nichts unversucht. Als der Bruder beruflich nach Berlin umzog, schaltete er dort das Landeskriminalamt ein. Doch auch dort wurde er abgespeist. „Auf jeder Familienfeier, bei jedem Geburtstag, bei jeder anderen Gelegenheit - Franziskas Schicksal hat uns immer beschäftigt“, sagt eine der Schwestern. Erst im Jahr 2013 gelang es den Geschwistern endlich, eine Vermisstenanzeige zu erstatten. Die Ermittlungen nahmen Fahrt auf. Bei seiner Vernehmung im September dieses Jahres nun brach Jörg L. endlich sein Schweigen und führte die Ermittler zum Versteck der Leiche.

Oberstaatsanwalt Thomas Klinge räumte ein, von den Bemühungen der Angehörigen, eine Vermisstenanzeige zu erstatten, bisher nichts gewusst zu haben, weil ihm nur die Akten des Falls seit 2013 vorgelegen hätten. Es sei allerdings auch klar, dass die Behörden alles daransetzten, den Fall aufzuklären. „Wir tun, was möglich ist, das sieht man schon allein daran, dass wir ihn jetzt öffentlich gemacht haben und nach Zeugen suchen“, sagt er. Klar ist: Auch die zügigere Aufnahme von Ermittlungen hätte den Tod von Franziska S. nicht verhindern können. Jörg L. hätte aber zumindest wegen Totschlags angeklagt werden können.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr Aus der Stadt
Es war einmal in Hannover. Aber wo?

Auf in eine neue Runde: Sie kennen sich in Hannover aus? Zeigen Sie es! Schauen Sie sich die historischen Stadtansichten an, und erraten Sie, wo die Aufnahmen gemacht wurden. Direkt hinter dem historischen Foto sehen Sie die Auflösung – in Form eines aktuellen Vergleichsbildes.

Neue Fotoausstellung im Sprengel-Museum

Unter dem Titel "Und plötzlich diese Weite" eröffnet am 10. Dezember im Sprengel Museum eine neue Ausstellung.