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Ein Phantom namens Moses

Graffiti-Sprayer in Hannover Ein Phantom namens Moses

Seit Jahren jagt die Ermittlungsgruppe Graffiti einen Sprayer, der überall in der Stadt seine Moses-Tags hinterlässt. Die Beamten glauben, den Urheber zu kennen, können ihm aber nichts nachweisen. Und je näher ihm die Polizei auf den Fersen ist, umso dreister wird der.

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Der Graffiti-Sprayer MOSES (wars) tagt nicht nur Zuege und Bahngelaende, sondern auch viele Haeuser in Hannover. (Foto: Katrin Kutter)

Quelle: Katrin Kutter

Hannover. Seit acht Jahren jagt Polizeihauptkommissar Dietmar Günther ein Phantom. Mit seinen sieben Kollegen der gemeinsamen Ermittlungsgruppe Graffiti der Landes- und der Bundespolizei hat er sich auf die Spur des deutschlandweit bekannten Sprayers geheftet, der sich einen Namen unter dem Pseudonym Moses gemacht hat. In Hannover gibt es kaum eine Bahnbrücke oder Unterführung auf der sich nicht wenigsten eine kleine Schmiererei des Mannes mit dem biblischem Alias finden lässt. Die Graffiti-Fahnder glauben ziemlich sicher zu wissen, wer sich hinter Moses verbirgt. Für den endgültigen Beweis müssten sie ihn allerdings auf frischer Tat ertappen - ein nahezu aussichtsloses Unterfangen, wie es scheint. „Die Szene arbeitet sehr eng zusammen, die Sprayer warnen sich gegenseitig vor der Polizei“, sagt Dietmar Günther.

Der Mann, der sich Moses nennt, davon sind die Ermittler überzeugt, ist heute 32 Jahre alt, hat lange studiert bis er schließliche seinen Abschluss, passenderweise einen Bachelor of Arts, in Grafikdesign gemacht hat und er ist mehrfach vorbestraft - in einem Fall gab es sogar eine Freiheitsstrafe, die aber zur Bewährung ausgesetzt wurde. Vor etwa einem halben Jahr gab er seine Wohnung im Ihme-Zentrum auf und zog nach Hamburg. Möglicherweise waren ihm die Wohnungsdurchsuchungen der Polizei zu viel geworden. Viermal weckte die Ermittlungsgruppe Graffiti Moses frühmorgens, um bei ihm Beweise sicherzustellen. „Früher hatten wir es auf seine Skizzenbücher, seine sogenannten black books, abgesehen, heute suchen wir eher Handys, Computer und Speichermedien aller Art“, sagt Günther. Denn die Sprayer stecken in einer Zwickmühle fest: Einerseits wollen sie mit ihren Werken möglichst großen Ruhm erziehlen, deswegen besprühen sie mit Vorliebe Züge, weil ihre Arbeiten im besten Fall durch die ganze Republik fahren. Zudem filmen sie ihre Arbeiten und fotografieren die Bilder, die in der Szene Tags und Pieces genannt werden. Andererseits möchten sie solange wie möglich nicht von den Behörden gefasst und verurteilt werden.

Seine Motive sind vielen in Hannover bekannt: An oft prominenten Stellen ist in der Stadt der Schriftzug des Künstlers "Moses (wars)" zu sehen.

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Im Fall Moses ist der Nachweis einer Straftat allerdings noch etwas komplizierter. Seit 2007 arbeitet er eng mit einem anderen bekannten Sprayer zusammen, der sich Taps nennt und bei dem es sich, nach Erkenntnissen der Polizei um einen 33-Jährigen aus Dortmund handelt. Die beiden tauschen ihre Pseudonyme, mal sprüht Moses als Taps und mal Taps als Moses. In einem Interview mit einem Szene-Magazin erklärten die Sprayer diesen für die Graffiti-Szene ungewöhnlichen Schritt: „Es sind ursprünglich zwei Decknamen. Mittlerweile identifizieren wir uns aber nicht mehr über ein Pseudonym - es ist beliebig, wer was malt.“

Dennoch waren Dietmar Günther und seine Kollegen zweimal kurz davor, den beiden Sprayern auf die Schliche zu kommen. In einem Fall stießen sie an einem Tatort in einem frischen Farbfleck auf eine Fußspur. Die Vermutung, der Abdruck der Sohle stamme von einem Sportschuh, den Moses bei der Tat getragen hatte, bestätigte sich bei der Durchsuchung der Wohnung des Verdächtigen. Dort fanden die Ermittler einen ähnlichen Schuh. Die Analyse der Kriminaltechniker ergab, dass der Schuh mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit mit dem Abdruck der Sohle vom Tatort übereinstimmte. „Der Schuh war sogar an einer Seite stärker abgenutzt als an der anderen, dass heißt, der Besitzer läuft verstärkt mit dem Außenrist - genau so wie unser Verdächtiger“, erinnert sich Polizeihauptkommissar Günther. Doch die Richter waren von diesem Beweis nicht überzeugt. „Auf dem Foto mit dem Sohlenabdruck im Farbklecks fehlte das übliche Maßband zur exakten Bestimmung der Größe der Spur“, sagt Günther. Das Verfahren wurde eingestellt.

Im anderen Fall konnten die Ermittler im Ausbesserungswerk der Deutschen Bahn am Pferdeturm eine große Anzahl Sprühdosen sicherstellen. Sprayer waren in das Gebäude eingebrochen und hatten frische Schmierereien hinterlassen. Auf einer Dose entdeckten die Kriminaltechniker Fingerabdrücke von Taps. Doch auch dieses Verfahren wurde eingestellt. „Der Anwalt hat argumentiert, sein Mandant habe früher in einem Geschäft gearbeitet, in dem diese Dosen massenhaft verkauft wurden und deswegen könne es gut möglich sein, dass man Fingerabdrücke von ihm gefunden hätten - das hat gereicht“, sagt Dietmar Günther.

Der Umstand, dass sie in diesen Fällen gerade noch einmal mit einem blauen Auge davon gekommen waren, verunsicherte die beiden Sprayer allerdings nicht. Im Gegenteil, sie gingen sogar noch dreister vor als bisher. Als Dietmar Günther und sein Kollege Matthias Brust mal wieder einen Durchsuchungsbeschluss gegen Moses erwirkt hatten, entdeckten die Kollegen in Nienburg vier Tage nach der Razzia einen Eisenbahnwaggon. „Der gesamte Wagen, auch das Dach, war weiß grundiert, an der Seite hatte er unsere Original-Unterschriften vom Durchsuchungsbeschluss ausgesprüht - keine Ahnung, wie er das hinbekommen hat“, sagt Günther.

In jüngster Zeit gibt es verstärkt Hinweise darauf, dass Moses und sein Partner Taps ihr Betätigungsfeld möglicherweise erweitert haben. Im Sommer entdeckten die Kollegen in Hamburg eine S-Bahn mit einer zugemauerten Tür. Kurz darauf tauchte im Internet ein Video auf, das zwei vermummte Männer zeigt, die am hellen Tag die Tür der Bahn mit Ytong-Steinen zumauern. Am Ende des knapp sechsminütigen Film wird ein Name eingeblendet: Moses. „Ich rechne fest damit, dass auch wir hier in Hannover bald wieder von dem Moses-Mann hören und sehen werden, ans Aufhören denkt der noch lange nicht“, sagt Dietmar Günther. Die Jagd nach dem Phantom wird wohl noch eine Weile weiter gehen.

Hoher Schaden

Das Besprühen von Zügen, Brücken oder Fassaden ist eine Sachbeschädigung und somit eine Straftat. Das Vergehen kann mit bis zu zwei Jahren Haft geahndet werden. Neben den strafrechtlichen Konsequenzen müssen die Täter in der Regel auch mit zivilrechtlichen Konsequenzen rechnen. Werden sie überführt, tragen sie die Kosten für die Reinigung der von ihnen besprühten Flächen, unter Umständen kommen noch Ansprüche auf Schadenersatz oben drauf. Die Deutsche Bahn hat im vergangenen Jahr 19.350 Graffiti-Schmierereien bei der Polizei angezeigt. Dabei ist ein Schaden von 8,1 Millionen Euro entstanden – die Summer liegt um 20 Prozent höher, als im Jahr zuvor. Auch die Üstra hat mit einem Sprayer-Problem zu kämpfen. Jährlich muss das Unternehmen im Schnitt etwa 500.000 Euro für die Reinigung bemalter Stadtbahnen ausgeben. „Wir ziehen eine besprühte Bahn sofort aus dem Verkehr und reinigen sie, damit die Täter nicht auch noch die Genugtuung haben, ihr Werk durch die ganze Stadt fahren zu sehen“, sagt Üstra-Sprecher Udo Iwannek. Auch die Stadt hat auf die zunehmenden Aktivitäten der Sprayer-Szene reagiert. Spraydosen dürfen zwar legal erworben und zu Hause aufbewahrt werden. Ein Mitführen der Farbbehälter nach 22 Uhr ist dagegen nicht gestattet. „Wer dagegen verstößt, begeht eine Ordnungswidrigkeit und muss ein Bußgeld bezahlen“, sagt Bundespolizist Dietmar Günther. tm

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