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Aus der Stadt „Ich bin froh, in Deutschland zu sein“
Hannover Aus der Stadt „Ich bin froh, in Deutschland zu sein“
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00:31 02.07.2015
„Es ist traurig, dass meine Landsleute für die Versäumnisse der Politik büßen müssen“, sagt Schneiderin Maria Chyti. Quelle: Schaarschmidt
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Hannover

„Wir müssen raus aus dem Euro! Die Griechen haben überhaupt nicht von der EU profitiert“, schimpft ein Grieche in einem Café im Gerichtsviertel. „Wir wollen die Drachme zurück“, sagt der 52-Jährige, der seit 30 Jahren in Deutschland lebt.

Maria Chyti, die in der Oststadt ein Änderungsatelier betreibt, sieht das anders. „Ich finde, wir sollten den Euro behalten“, sagt sie. Es sei außerdem nicht wahr, dass die Griechen keine Steuern zahlten. „Hier in Hannover gibt es mehr kleine Läden, die keine Kasse haben, als in Griechenland.“ Trotzdem sei die Situation der Menschen dort jetzt desolat. „Ich bin froh, dass ich in Deutschland bin“, sagt Chyti. Die Schneiderin sorgt sich vor allem um ihre Landsleute. Sie bedauert deren Situation und sieht die Schuld bei den Wohlhabenden und den Politikern: „Die einfachen Leute sind nicht schuld. Warum hat die Regierung nicht dafür gesorgt, dass die Steuergesetze eingehalten werden?“, fragt sie.

Die Schuldfrage treibt viele in Hannover lebende Griechen um. Viele, die man in griechischen Lokalen, vor der griechischen Gemeinde und anderen Kultureinrichtungen anspricht, wollen sich nicht äußern, und wenn, dann auf gar keinen Fall mit ihrem Namen. Sie fühlen sich in die Ecke gedrängt. „Wir sind nicht schuld! Die Deutschen denken immer, wir sind schuld!“, ruft ein älterer Herr in einem Restaurant in der Südstadt, noch bevor eine einzige Frage gestellt wurde. Die EU sei schuld, weil sie das Geld falsch zugewiesen habe, und jetzt, fünf Jahre später, sei alles verloren.

Auch ein griechischer Unternehmer in der Innenstadt unterstellt, man wolle mit dem Finger auf die Griechen zeigen. „Deutschland und die EU stellen sich quer. Die Anforderungen waren so hoch, dass man sie gar nicht erfüllen konnte, selbst wenn man wollte“, meint der Mann, der in Deutschland geboren und aufgewachsen ist. „Meine Großeltern mussten von Thessaloniki zurück aufs Land ziehen, weil sie da ihr Obst und Gemüse selbst anbauen können“, sagt er wütend.

Den Einspruch, dass einige Griechen in die eigene Tasche gewirtschaftet hätten und gegenüber deutschen Arbeitnehmern oft deutlich früher in Rente gehen, will er nicht gelten lassen. „Griechen leben eben anders. Ein Grieche, der 1000 Euro verdient, gibt auch 1000 Euro aus. Da kann man den Leuten keinen Vorwurf machen.“ Seit fünf Jahren, also seitdem die EU und Griechenland wegen der Finanzkrise verhandeln, tobe ein Kampf in Griechenland, sagt der Unternehmer, der sein Heimatland dreimal im Jahr besucht. „Es ist ein Krieg – nur mit Zahlen.“ Er habe aber nichts gegen Deutsche, betont er, und fügt an: „Die Griechen hätten den Euro gar nicht bekommen dürfen, das Land ist wirtschaftlich viel zu schwach dazu, das sieht man ja jetzt.“ 

Dass seine Landsleute am Sonntag gegen das Sparpaket von EU-Kommission, Europäischer Zentralbank und dem Internationalen Währungsfonds stimmen, hält er für sicher. „Jetzt ist auch alles egal. Die Leute haben nichts mehr zu essen – da spielt es keine Rolle mehr, ob du mit Drachme oder mit Euro verhungerst.“

Von Sabrina Mazzola

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