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So soll Schule in Bewegung geraten

Grundschulen So soll Schule in Bewegung geraten

Kinder müssen toben – doch viele Pausenhöfe sehen aus wie Parkplätze, und der Bau von Mensen und Erweiterungsgebäuden kostet zusätzlich Platz. Das Landesprogramm Bewegte Schule will gegensteuern.

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Grundschule Gross Buchholzer Kirchweg: Bewegte Schule, Einweihung des neuen Klettergeraets auf dem Schulhof.

Quelle: Katrin Kutter

Hannover. Endlich klettern. Die Schüler der Grundschule Groß-Buchholzer Kirchweg freuen sich schon auf die Zeit nach den Herbstferien, denn dann können sie endlich auf dem neuen, großen Holzklettergerüst balancieren, rutschen und entlangkriechen. Damit wirklich jeder der 410 Schüler zum Zuge kommt, hat Schulleiterin Nicole Dreyer mit der Schülervertretung schon einen genauen Kletterplan erstellt: In jeder Pause ist eine andere Klasse dran. Die Klasse 3a hat Glück. Sie darf das neue Spielgerät schon bei der Eröffnung ausprobieren.

„Schulhöfe wie Parkplätze“

„Kinder brauchen Bewegung“, sagt Hermann Städtler. Der langjährige Leiter der Fridtjof-Nansen-Grundschule betreut jetzt das Projekt Bewegte Schule des niedersächsischen Kultusministeriums. Die Mission des 65-Jährigen: „Schulhöfe so umgestalten, dass Kinder wirklich Platz haben, sich dort auszutoben.“ Die meisten Pausenhöfe, gerade an weiterführenden Schulen, seien aber viel zu trist, sie sähen eher aus wie Parkplätze, sagt er. Viel Beton, wenige Spielgeräte, vielleicht gerade mal ein paar Fußballtore. Da dürften sich Lehrer nicht wundern, wenn Schüler im Unterricht unruhig seien. Ihnen fehle einfach der Auslauf.

Endlich klettern. Die Schüler der Grundschule Groß-Buchholzer Kirchweg freuen sich über das neue Klettergerüst auf dem Pausenhof, das nun eingeweiht wurde.

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Grundschüler seien nicht dafür gemacht, sechs Stunden herumzusitzen und zu lernen, Heranwachsende eigentlich auch nicht. Durch Tablets und Smartphones, aber auch durch überbehütende Eltern werde der Aktionsradius der Kinder noch weiter eingeschränkt. „Schüler müssen raus aus der Trägheitsfalle“, fordert Städtler. Mindestens eine Stunde am Tag sollten sich Kinder bewegen, rät er, die Zeit draußen an der frischen Luft müsse das Doppelte von dem Zeitraum sein, den sie vor Bildschirmen verbrächten. Wer eine Stunde daddelt, soll zwei Stunden draußen Fußball oder Fangen spielen.

Klettern sei ideal, sagt der ehemalige Schulleiter bei der Eröffnung des Klettergerüsts an der Grundschule Groß-Buchholzer Kirchweg. Es sei sicher, weil man immer mindestens drei Haltepunkte am Holzstamm hätte, zwei Arme und ein Bein oder zwei Beine und einen Arm. Wer klettere, müsse sich selbst entscheiden und Verantwortung übernehmen, sich buchstäblich im Griff haben. „Das Kind kann nicht Mama oder Papa fragen, ob es schon bis an die Spitze klettern kann - es muss es einfach machen oder lassen.“ Auch das Fallen lerne man nur von Fall zu Fall, schiebt er nach. Durch Bewegung würden zudem positive Gefühle, sogenannte Endorphine, freigesetzt: „Das ist besser als Schokolade essen“, sagt Städtler. Man könne auch Streithähne, die zu wütend seien, um miteinander zu kommunizieren, einfach mal eine Viertelstunde zusammen klettern lassen. Da würde sich dann einiges von selbst regeln.

Die Stadt Hannover würde zwar immer neue Ganztagsschulen ausweisen, kritisiert Städtler, aber nicht auch den nötigen Freiraum für die Kinder. „Im Gegenteil, dann wird auf einen ohnehin zu kleinen Schulhof auch noch die Mensa gesetzt.“ Besonders schlimm sei das an der Grundschule Am Lindener Markt. Verschärft wird der Platzmangel vierlorts auch noch durch Container, die auch auf dem Außengelände stehen, weil die Gebäude schon aus allen Nähten platzen.

Das Klettergerüst – „richtig toll“

Seitens der Stadt heißt es, Freiflächenangebote seien ein wichtiger Bestandteil. Im aktuellen Standardraumprogramm werde pro Schüler eine Pausen- und Außenfläche von fünf Quadratmeter empfohlen. Das lasse sich aber nicht immer umsetzen, immer wieder scheiterte man an den baulichen Gegebenheiten. Die Grundschule Am Lindener Markt etwa liege in einem dicht bebauten Viertel und sei schwer erweiterbar. Hier versuche die Stadt, mit den Schulen individuelle Lösungen zu finden, indem man auf Sporthallen oder Mehrzweckräume ausweiche oder angrenzende Spielplätze, Grünanlagen und Sportplätze nutze.

An der Grunddschule Groß-Buchholzer-Kirchweg findet der achtjährige Marek das neue Klettergerüst jedenfalls „richtig toll“. Auch Mitschülerin Olivia ist kaum wieder herunterzuholen. Schulleiterin Dreyer hat lange für das 24.500 Euro teuere Klettergerüst gekämpft, 18.000 Euro hat die Schule selbst durch Sponsorenläufe beigesteuert. Die Elternratsvorsitzende Monika Griebel lobt Dreyers Hartnäckigkeit. Auf die neue Turnhalle werde die Grundschule leider wohl noch gut acht Jahre warten müssen, sagt Bezirksbürgermeister Henning Hofmann (SPD). Aber ein Sturm der Entrüstung bleibt aus. Man freut sich lieber über das Klettergerüst. Das ist auch schon was.

So soll Schule in Bewegung geraten

Das Programm „Bewegte Schule“ geht auf den Schweizer Urs Illi zurück, der schon in den Achtzigerjahren mehr Bewegung für die „Sitzschule“ forderte. In Niedersachsen geht es konkret um drei Handlungsfelder, die wie Zahnräder ineinander greifen – um den Lern- und Lebensraum Schule, den Unterricht und die Schulorganisation. In alle Bereiche soll mehr Bewegung kommen. Für den Lebensraum Schule heißt das: höhenverstellbare Stühle und Tische, Liegearbeitsflächen und Stehpulte, die Räume sollen ansprechend gestaltet sein. Auf dem Schulhof müssen Kinder reizvolle Spielgeräte, Platz zum Klettern, Bewegen und Hangeln haben, es soll Rückzugsorte und Lernnischen für die Kinder geben. Im Unterricht sollten Kinder frei und selbstständig lernen und Lehrer öfter mal den Unterrichtsort wechseln.

Längere Pausen seien besser als Fünf-Minuten-Pausen, in denen Lehrer von Klassenraum zu Klassenraum hetzten. Konferenzen sollten nicht länger als zwei Stunden sein. Pädagogen sollten eine echte 25-Minuten-Pause haben, ohne Eltern und Schüler. Und ohne kleine Dienstbesprechung.

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