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Zukunftsmodell jahrgangsgemischte Klassen?

Grundschulen in Hannover Zukunftsmodell jahrgangsgemischte Klassen?

An der Gebrüder-Körting-Schule in Badenstedt wird – wie an vier weiteren Schulen in Hannover – jahrgangsgemischt unterrichtet. Nicht nur im ersten und zweiten Jahrgang, sondern seit 2013 sogar alle vier Grundschuljahrgänge zusammen. Das Land fördert dieses Prinzip.

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„Wenn Kinder etwas erklären können, haben sie es auch verstanden“: Klassenlehrerin Julia Steinbrecher im Unterricht der Gebrüder-Körting-Grundschule.

Quelle: Hagemann

Hannover. In der Erdmännchen-Klasse der Gebrüder-Körting-Grundschule braucht man manchmal gar keinen Lehrer. Da fragt Bedirhan (7) die achtjährige Sabina, ob sie ihm helfen könne, einen im Überraschungsei versteckten Zettel zu lesen. Und Tischnachbarin Tamana (6), die mit dem Wort Regenbogen kämpft, weiß dank Sabinas Unterstützung schnell, was sie gleich malen soll. Bedirhan und Tamana sind im vergangenen Sommer eingeschult worden, Sabina schon ein Jahr zuvor. Dennoch gehen die drei in eine Klasse.

An der Gebrüder-Körting-Schule in Badenstedt wird jahrgangsgemischt unterrichtet. Nicht nur im ersten und zweiten Jahrgang, sondern seit 2013 sogar alle vier Grundschuljahrgänge zusammen. Sitzenbleiben gibt es nicht. Wer länger braucht, bleibt einfach in derselben Klasse. „Jeder lernt in seinem Tempo“, sagt Schulleiterin Anke Berndt. Hier bekommen nicht nur Schüler mit Handicap besondere Aufgaben, sondern jedes Kind. So kann es sein, dass ein Schüler schon sicher im Zahlenraum bis 1000 rechnen kann, aber mit dem Lesen noch Probleme hat. „Genormtes Lernen, bei dem jeder zur gleichen Zeit etwas Bestimmtes machen muss, halten wir nicht für sinnvoll“, sagt die stellvertretende Schulleiterin Tanja Köntopp. Altersgemischtes Lernen sei nichts Besonderes, sondern eigentlich für Kinder normal, fügt sie hinzu. „Dass Große und Kleine von- und miteinander lernen, sind Kinder von ihren Geschwistern in der Familie oder aus dem Kindergarten gewohnt“, sagt auch Berndt.

Altersunterschiede können gewaltig sein

Julia Steinbrecher, Klassenlehrerin bei den Erdmännchen sieht sich denn auch als eine Lernbegleiterin, mehr Coach, keine Alleinunterhalterin, die vorne steht und redet. „Je besser ich ein Kind kenne, desto besser kann ich auf seine Bedürfnisse eingehen.“ Schon in einem Jahrgang können die Unterschiede gewaltig sein, betont Andreas Kathmann, Rektor der Grundschule Mengendamm: Da seien siebenjährige Kinder, die zunächst vom Schulbesuch zurückgestellt worden seien, auf einmal mit Fünfjährigen zusammen, die vorzeitig eingeschult würden.

Auch an der Lister Grundschule werden Erst- und Zweitklässler seit einigen Jahren zusammen unterrichtet. Schüler, Schulleitung und Lehrer sind vom Prinzip der sogenannten flexiblen Eingangsstufe überzeugt: Der Blick für den einzelnen werde geschärft. „Ich weiß viel besser, wo jedes Kind genau steht, ich bin nicht so eingeschränkt auf die Lerninhalte eines Jahrgangs, der Blick wird weiter“, sagt Lehrerin Janin von Eye. Da kann auch schon mal ein in Mathematik besonders fitter Erstklässler einem Zweitklässler beibringen, was gerade und was ungerade Zahlen sind.

Gemeinsames Lernen für Verbundenheit

„Wenn Kinder etwas erklären können, dann haben sie den Stoff auch wirklich verstanden“, sagt Julia Steinbrecher, Klassenlehrerin der Erdmännchen an der Gebrüder-Körting-Schule, Nicht immer ist die Hilfe der Älteren gefragt: „Halina muss ich gar nichts beibringen“, sagt die siebenjährige Ida aus der Mäuse-Klasse an der Grundschule Mengendamm, „die weiß schon alles.“ Und fast klingt es, als bedauere sie dies.

Der Misserfolg des Sitzenbleibens, den laut Kathmann etwa sechs bis sieben Prozent eines Jahrgangs normalerweise erleben, bleibt den Kindern in der flexiblen Eingangsstufe erspart. „Man verhindert Brüche und vermittelt den Schwächeren Erfolgserlebnisse.“

Gemeinsames Lernen fördert die innere Verbundenheit. An der Gebrüder-Körting-Schule wird dies besonders deutlich. Da kommt der Fußballtrainer, der sich eigentlich um die Flüchtlinge kümmert, einfach mal in die Sportstunde der Erst- bis Viertklässler und zeigt einem Jungen, wie man richtige Kniebeugen macht. Da hilft eine Mutter bei der Frühstücksausgabe, obwohl ihre drei Kinder inzwischen längst auf die weiterführende Schule gehen. Mit dem jahrgangsgemischten Lernen hat Ulrike Ehlert nur gute Erfahrungen gemacht. Sie hat einen Sohn mit Handicap: „Diese Kinder sind sonst immer diejenigen, die auf Hilfe angewiesen sind, hier gehören sie irgendwann auch zu den Großen und können anderen etwas erklären.“ Die Inklusion von behinderten Schülern gelingt in jahrgangsgemischten Klassen anscheinend leichter. „An einer Sprachförderschule ist der einzige, der richtig sprechen kann, der Lehrer“, sagt Sonderpädagoge Jens Kögel, „an unserer Schule gibt es für Kinder mit Sprachproblemen ganz viele Vorbilder.“ Immer wieder loben Lehrer, wie sehr das gemeinsame Lernen den sozialen Zusammenhalt fördere, aber auch die Selbstständigkeit.

Der Lernentwicklungsbaum

Die Kinder entscheiden selbst, was sie lesen oder rechnen möchten: „Wenn man weniger von außen etwas aufgedrückt bekommt, ist man zufriedener“, sagt Köntopp, „das gilt für kleinere Menschen genauso wie für größere.“

Lernfortschritte werden an der Badenstedter Grundschule nicht durch Noten, sondern durch einen Lernentwicklungsbaum widergespiegelt: Da hat jedes Fach einen eigenen Ast, je mehr Blätter ausgefüllt sind, desto weiter ist das Kind in diesem Bereich. Statt Zeugnissen mit Zahlen gibt es Lernentwicklungsberichte in Form von Briefen an die Kinder.

Fortschritte zeigt der Lernentwicklungsbaum.

Fortschritte zeigt der Lernentwicklungsbaum.

Quelle: Hagemann

Heißt Unterricht für mehrere Jahrgangsstufen nicht, dass man eine Stunde nicht einmal, sondern zweimal oder viermal vorbereiten muss? Schulleiterin Berndt und ihre Stellvertreterin Köntopp schütteln den Kopf: Die Stunden würden im Team geplant. Oft wird der Klassenlehrer durch einen zweiten Pädagogen im Raum unterstützt. Zudem sind die älteren Kinder eine große Hilfe, gerade bei der Eingewöhnung der Erstklässler. „Ich hatte mir eine aufwendigen Plan gemacht, was ich den neuen Schülern am ersten Schultag alles zeigen wollte“, erinnert sich Lehrer Dominik Meyer, „aber die Großen hatten das in fünf Minuten erledigt, sie haben die Kleinen einfach an die Hand genommen und ihnen alles erklärt.“ Der Schulstart verlaufe einfach angenehmer, sagt auch Svenja Mach, Lehrerin an der Grundschule Mengendamm.

Wichtig sei es, dass neue Lernkonzepte nicht einfach von oben übergestülpt werden, sagt Rektorin Berndt. Sie müssten gemeinsam erarbeitet werden, auch die Eltern müssten mitziehen. „Die Welt entwickelt sich weiter“, fügt Köntopp hinzu. „Da kann man natürlich an den Grundschulen nicht weiter unterrichten wie vor 150 Jahren.“ Neue Konzepte seien aber nicht wie ein fertiges Paket, das man beim Land bestellen könnte, sie entstünden über Jahre.  

Das Prinzip Durchlässigkeit

Vielfalt und Vielseitigkeit sowie ein hohes Maß an individueller Förderung – das bietet nach Angaben des Kultusministeriums die jahrgangsgemischte Eingangsstufe, in der Kinder der ersten und zweiten Jahrgänge zusammen unterrichtet werden. Leistungsstarke Schüler können den Lernstoff von zwei Klassen in einem Jahr absolvieren, und Kinder, denen das Lernen etwas schwerer fällt, können sich dafür bis zu drei Jahre Zeit nehmen, ohne nach traditionellem Muster sitzen zu bleiben. Offene Unterrichtsformen sind grundlegendes Prinzip.

Derzeit gibt es landesweit 142 Schulen, 
die eine flexible Eingangsstufe führen. In Hannover sind es fünf Schulen, neben der Glockseeschule als Vorreiterin die Gebrüder-Körting-Schule, die als eine von 15 Hospitationsschulen im Land Nachahmer berät, sowie die Grundschulen Mengendamm, Marienwerder und Ahlem. Inzwischen fördert das Ministerium ausdrücklich nicht nur die Zusammenlegung der ersten und zweiten Klassen, sondern auch der dritten und vierten Jahrgänge, möglich ist auch die Mischung der vier Grundschulklassen.

dö     

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