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Grundschulen setzen auf Bewegungskonzepte

Bewegter Unterricht Grundschulen setzen auf Bewegungskonzepte

Immer mehr
 Grundschulen setzen auf spezielle
 Bewegungskonzepte – um Gesundheit und 
Lernvermögen der Schüler zu fördern. Auch die Grundschule am Mengendamm in der List. Redakteurin Julia Pennigsdorf hat ein turbulentes Klassenzimmer besucht.

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Wer sagt denn, dass man auf Bänken nur stillsitzen kann? In der Freien Waldorfschule am Maschsee werden die Tische und Bänke der Erstklässler auch zum Balancieren oder Klettern genutzt.

Quelle: Burkert

Die Szenerie ist an Lebenslust, Energie und Elan nicht zu überbieten. Dutzende Kinder haben die Aula der Grundschule Mengendamm lautstark erobert. Es ist zehn Minuten vor zehn Uhr, die erste große Pause. Eine halbe Stunde können sich die Sechs- bis Zehnjährigen austoben. Nicht viel Zeit angesichts der Fülle von Spielmöglichkeiten. Katarina stellt sich schnell am Spielekiosk an, um sich ein Springseil zu leihen, Astrid wirbelt mit Schwung einen Hula-Hoop-Reifen um ihre Hüften. Paulina und Maha stehen auf einem wackeligen Holzbrett und versuchen, durch geschicktes Balancieren eine Kugel durch ein Labyrinth zu steuern. Und Zoe und Jennifer aus der 1b sind vollauf damit beschäftigt, auf einem Spieleteppich von Insel zu Insel zu hüpfen. „Wir dürfen nicht ins Wasser fallen“, sagt Jennifer lachend und rudert mit den Armen, um ihr Gleichgewicht zu halten.

Ein solch turbulentes Treiben findet sich nicht nur in der Lister Grundschule. Immer mehr Grundschulen versuchen, ihre Schüler gezielt zum Bewegen zu animieren. Und das nicht nur in der Pause, sondern auch während des Unterrichts. Begriffe wie die „bewegte Schule“ und das „mobile Klassenzimmer“ prägen die Grundschulpädagogik. Das Engagement ist vielfältig. So rief das Kultusministerium bereits vor elf Jahren das Projekt „Bewegte, gesunde Schule“ ins Leben. Das Ziel: Das Bewusstsein von Pädagogen für die Bedeutung von Bewegung für das Lernen zu schärfen. Unter anderem besuchen Expertenteams Grundschulen, um den Pädagogen zu zeigen, wie sie unkompliziert Bewegungseinheiten in den Unterricht einbauen sowie abwechselnde Phasen von körperlicher Aktivität und Ruhe gestalten, um so den Kindern zu Konzentration zu verhelfen. Zudem gibt es den Aktionsplan „Lernen braucht Bewegung“, an dem sich neben dem Kultusministerium der Landessportbund beteiligt, auch Kindergärten sind eingebunden. Bereits 120 Einrichtungen wurden mit dem Gütesiegel „Bewegungskindergarten“ gewürdigt.

Hintergrund für die Bemühungen ist die Erkenntnis, dass die mangelnde Bewegung vieler Kinder nicht nur Gesundheitsrisiken birgt, sondern oft auch Auslöser für schlechte schulische Leistungen ist – weil wichtige Anreize für die kindliche Entwicklung fehlen. „Bewegung ist die Grundvoraussetzung für gute schulische Leistungen, ein regelrechter Entwicklungsbeschleuniger“, erklärt Hermann Städtler, Rektor der hannoverschen Fridtjof-Nansen-Schule und Projektleiter der „bewegten Schule“.

Die Erkenntnisse sind in der Tat alarmierend: Bereits Grundschüler sitzen mehr als neun Stunden täglich, 43 Prozent der Viertklässler leiden unter Kopf- und Rückenschmerzen, 48 Prozent haben Haltungsschäden, immer mehr Unfälle sind auf ungeschicktes Bewegungsverhalten zurückzuführen – so schildert es das Kultusministerium in seinen Erläuterungen zur „bewegten Schule“. Die Ursachen sind bekannt: Vor allem Stadtkinder haben wenig Möglichkeiten, sich gefahrlos und lustvoll auszutoben. Eine Michel-aus-Lönneberga-Idylle, in der Kinder Butzen bauen, auf Bäume klettern, durch den Wald stromern und sich selbstständig die Welt erobern, ist für sie in weite Ferne gerückt.

Die Pädagogen an Hannovers Grundschulen versuchen nun, diesen Zustand zu kompensieren. Die Rahmenbedingungen sind höchst unterschiedlich. „Wir haben zum Glück ein schönes, großes Außengelände“, sagt Jutta Voß-Hadamla, die die Grundschule Mengendamm seit acht Jahren leitet. Draußen kicken die Kinder, bauen sich aus Reifen Hütten und genießen so ein kleines Stück Freiheit. Doch „bewegte Schule“ bedeutet mehr. In der Fridtjof-Nansen-Schule mitten im durch Betonbauten geprägten sozialen Brennpunkt Vahrenheide fehlen häufig großflächige Freigelände. Als Ausgleich haben Städtler und seine Kollegen dafür gesorgt, dass es schon auf den Schulfluren viele Kletter- und Hangelmöglichkeiten gibt, zudem integrieren die Lehrer Bewegungsübungen in ihren Unterricht. „Sitzen ist eigentlich die ungünstigste Lernform“, sagt Städtler.

Das hat auch die Waldorfschule am Maschsee erkannt. Seit fünf Jahren haben die Erst- und Zweitklässler keine Stühle und Tische mehr in ihren Klassenräumen, sondern Sitzkissen und kleine Bänke. Diese lassen sich umdrehen und zum Balancieren nutzen, oder die Schüler bauen daraus Rutschen und Klettertürme. Zudem lassen die Waldorfschüler ihre Materialien im Regal: Wer etwas braucht, steht auf und holt es sich – auch diese Bewegung ist gewünscht. „Mithilfe des Mobiliars kann der Klassenlehrer viel eher auf Unruhe in der Klasse eingehen“, sagt Lehrer Michael Vagt. Denn die Bänke ließen sich schnell zum Sitzkreis umgruppieren oder zum Spielen umfunktionieren. Der Pädagoge, der seit 1988 an der Waldorfschule unterrichtet und das „mobile Klassenzimmer“ mit auf den Weg gebracht hat, bestätigt die Beobachtung vieler Kollegen: „Die Schulreife der Kinder hat abgenommen, das hat auch mit unzureichend entwickelter Fein- und Grobmotorik zu tun.“

Ein gesundes Lernumfeld fördert auch die Stadtverwaltung: Seit drei Jahren können hannoversche Schulen bei der Stadt Hannover Geld für ergonomische Möbel beantragen. Rund anderthalb Millionen Euro sind bisher geflossen. Langfristiges Ziel ist es, zunächst alle Grundschulen und später auch weiterführende Schulen entsprechend auszustatten. Aufgrund der wesentlich höheren Kosten – sie betragen für eine Klasse 12 000 Euro im Vergleich zu 1600 Euro für herkömmliches Mobiliar – gibt es pro Schule und Schuljahr nur jeweils einen Klassensatz.Die Grundschule Mengendamm hat bereits drei bekommen. Schulleiterin Voß-Hadamla freut sich darüber – rechnet aber auch vor, dass es, wenn es bei dem Tempo bliebe, an ihrer Schule noch 13 Jahre dauern würde, bis alle Kinder in den Genuss der ergonomischen Möbel kämen. Der Vorteil ist unbestritten: Die Stühle haben Rollen und eine flexible Sitzfläche, sodass der Oberkörper in Bewegung bleibt. Die Tische sind nicht nur höhenverstellbar, sondern können auch in verschiedene Winkel geneigt werden. „Das ist einfach super – vor allem, wenn größere und kleinere Kinder zusammenarbeiten“, sagt Klassenlehrerin Janin von Eye. Auch Städtler ist von dem Konzept überzeugt. „Aus orthopädischer Sicht ist es ohnehin sinnvoll“, sagt er. „Aber wir haben auch die Konzentration der Schüler um 35 Prozent steigern können.“
Mehr Informationen gibt es hier im Internet.

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