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Gymnasium trotz Down Syndrom

Inklusion in Schulen Gymnasium trotz Down Syndrom

Die 13-jährige Larissa hat das Down Syndrom – und sie ist das erste Kind mit dieser Behinderung, das in Hannover ein Gymnasium besucht. Ihre Mitschüler müssen sich darauf einstellen. So entsteht ein Gemeinschaftsgefühl, von dem alle profitieren.

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Gemeinsame Schulstunden: Larissa (4.v.l.) geht in die Klasse der 5a des Kurt-Schwitters-Gymnasiums.

Quelle: Poblete

Hannover. Larissa sitzt mitten in der Klasse an ihrem Tisch und legt Karten mit einer Tierfigur zusammen. Wenn sie das Bild richtig zusammenschiebt, kann sie den Namen des Tieres lesen. „Bär“ oder Maus“. „Larissa hat gerade ein Wort gelegt. Komm mal nach vorne und zeig es“, fordert Klassenlehrerin Franziska Jaap die 13-Jährige auf. Doch Larissa schüttelt den Kopf und schaut vor sich auf die Tischplatte. Mitschülerin Melissa springt ein und zeigt der Klasse die Tierkarte mit dem „Bär“.

Tierkarten gehören sonst für Fünftklässler am Gymnasium nicht gerade zum gängigen Arbeitsmaterial. Doch weil Larissa, das Mädchen mit Down Syndrom, in die Klasse 5a am Kurt-Schwitters-Gymnasium geht, verläuft der Deutschunterricht hier anders als üblich. Franziska Jaap nimmt die Karte zum Ausgangspunkt, um mit den anderen Schülern über Vokale wie „e“ und „u“ und Umlaute wie „ä“ zu sprechen.

Larissa dreht sich suchend um und strahlt, als ihr Blick auf den von Agnieszka Dikutz trifft. Die junge Frau begleitet Larissa im Unterricht und ist ihre wichtigste Bezugsperson während des Schultags. Manchmal setzt Dikutz sich neben das Mädchen, erklärt ihr die nächste Aufgabe und lässt sie nach einem freundlichen Streicheln über den Rücken wieder allein arbeiten.

„Wir wollen, dass Larissa ein Teil dieser Klasse ist und ihren Teil dazugibt“, sagt Franziska Jaap, die sich die Klassenleitung mit ihrem Kollegen Christian Wiese teilt. Die beiden jungen Lehrer stehen voller Engagement hinter der Idee, behinderte Kinder in die Regelschule zu integrieren. Auch wenn das alles andere als einfach ist.

Unterschiedliche Lehrpläne

Larissa lernt weiter nach dem Lehrplan der Förderschule für geistige Entwicklung, ihre Mitschüler sollen – mit allem damit verbundenen Druck – das Abitur erreichen. „Es ist sicher ungewöhnlich, ein Mädchen mit geistiger Behinderung am Gymnasium aufzunehmen“, sagt Schulleiter Winfried Baßmann. Schließlich stehe das Gymnasium in der allgemeinen Vorstellung für kognitives Lernen, also vor allem Wissenserwerb und abstraktes Denken.

Die Lehrer verfolgen dennoch den Ehrgeiz, beide Lehrpläne zu verschränken. Wenn bei Larissa das Thema Bauernhof ansteht, lernen die Gymnasiasten Flächenberechnung am Beispiel von Feldern und Zäunen. In Englisch, Musik, Erdkunde und Biologie beziehen die Lehrer die anstehenden Lerninhalte ebenfalls auf das konkrete Beispiel Bauernhof. „Davon profitieren alle Kinder. Für viele Schüler ist es wichtig zu wissen, warum sie überhaupt lernen“, sagt Agnieszka Dikutz.

Doch damit Larissas Aufgaben und die ihrer Mitschüler sich berühren, ist Vorarbeit erforderlich. „Ich mache mir für jede Stunde ein Konzept, weiche aber mindestens 15-mal davon ab“, sagt Jaap. Dafür sind erhebliche Konzentration und Flexibilität erforderlich. Denn manchmal will Larissa sich plötzlich mit einer anderen als der eingeplanten Aufgabe beschäftigen. Oder sie verweigert sich komplett und sitzt mit verschränkten Armen da. Genauso kann es passieren, dass Larissas Mitschüler in der Stunde schneller oder langsamer lernen als geplant.

Heute steht Larissa im Unterricht plötzlich auf und geht mit Brotdose und Trinkflasche ans Fenster. Doch die Pause gehört zum Konzept: Nach einer halben Stunde darf die 13-Jährige eine Unterbrechung einschieben. Justus, Melissa und die anderen arbeiten unverdrossen und offensichtlich mit Spaß weiter. Die Gruppe, die am besten abschneidet, darf ohne Hausaufgaben ins Wochenende gehen. Am Ende der Stunde hat Larissa noch einen Einsatz. Sie darf vorlesen, wie viele Wörter die Siegergruppe gefunden hat. „Zwei, sechs“, sagt sie. „Also 26“, ergänzt Agnieszka Dikutz. Larissa hält strahlend das Arbeitsblatt hoch und bringt es den Mitschülern.

Die beiden Klassenlehrer sind davon überzeugt, dass alle Schüler von der Situation profitieren. „Die Kinder sind sehr selbstständig und konzentrieren sich auch, wenn es unruhig ist.“ Und anders als von einigen Eltern befürchtet, seien die Noten ihrer Schüler mindestens so gut wie in den Nachbarklassen.

Bevor das erste Schuljahr am Gymnasium losging, hatten auch die Kinder Angst, wie das wohl wird mit einer geistig behinderten Mitschülerin. Vielleicht würde Larissa beißen, spucken oder die anderen einfach hauen? So ist es nicht gekommen, aber Probleme gibt es durchaus. Am Vortag hat Larissa sich geärgert, weil sich gerade keiner der Erwachsenen mit ihr beschäftigte. Voller Wut malte sie mit einem Stift auf dem Rücken ihrer Mitschülerin herum. Das T-Shirt war bekrakelt und Talina weinte erschrocken und gekränkt. „Sie war umso enttäuschter, weil sie und Melissa sich besonders viel um Larissa kümmern“, sagt Jaap. Am nächsten Tag entschuldigte sich Larissa mit einer Tüte Weingummi. Sie hatte sich selbst sehr über ihren Wutausbruch geärgert.

Rasante Fortschritte

„Wir versuchen, ihr Alternativen zu zeigen. Wenn sie sich zum Beispiel mehr Aufmerksamkeit wünscht, kann sie sich melden oder zu uns Erwachsenen kommen“, sagt Integrationsassistentin Agnieszka Dikutz. Das Gymnasium ist für das geistig behinderte Mädchen eine Herausforderung. Sie geht mit 22 Kindern in eine Klasse statt mit sechs bis acht an der Förderschule. Doch Therese Krol, Larissas Mutter, bereut die Entscheidung nicht. Auch vorher an der Heinrich-Ernst-Stötzner-Schule hätten die Lehrer sich sehr engagiert. „Doch die Hälfte der Kinder in der Klasse konnte nicht sprechen.“ Jetzt erlebt Krol rasante Fortschritte bei ihrer Tochter. Zu Beginn des Schuljahres konnten Kinder und Lehrer kaum ein Wort Larissas verstehen. Inzwischen macht die 13-Jährige auch außerhalb ihrer Klasse im Chor und in der Zirkus-AG mit.

Für die Fortschritte ist auch Förderschullehrerin Ina Teigler verantwortlich, die fünf Stunden pro Woche den Unterricht in der Klasse unterstützt. Ohne die Fachfrau hätten die Lehrer sich der neuen Aufgabe kaum stellen können. Entlastung für all ihr zusätzliches Engagement bekommen sie nicht. „Wir betreiben alle viel mehr Aufwand, als anerkannt wird“, sagt Integrationsassistentin Dikutz. Manche Lehrer im Kollegium verweisen deshalb darauf, dass sie für die Arbeit mit behinderten Schülern nicht ausgebildet sind.

Das Kurt-Schwitters-Gymnasium will dennoch zum Sommer noch zwei geistig behinderte Kinder in die Klasse aufnehmen. Damit kämen auch mehr Förderlehrer zur Unterstützung der Klassenlehrer. „Eltern aus der Klasse haben das gewünscht“, sagt Schulleiter Baßmann. Nach einem knappen Jahr sehen die meisten die Vorteile des Unterrichts mit behinderten Schülern. Die Kinder zeigten ein besonders starkes gemeinschaftliches Verhalten. Leistungsdruck am Gymnasium ist aus Ina Teiglers Sicht dabei kein Hindernis: „Auch Schüler am Gymnasium sollen lernen, mit anderen Menschen umzugehen.“

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Eltern behinderter Kinder haben bald die Wahl

Geistig behinderte Kinder sind an weiterführenden Schulen, und besonders an Gymnasien, bisher noch eine große Ausnahme. Am Hölty-Gymnasium Wunstorf gibt es bereits seit einiger Zeit eine Integrationsklasse. In Hannover hat das Kurt-Schwitters-Gymnasium jetzt als erstes Gymnasium eine geistig behinderte Schülerin aufgenommen. Mit dem neuen Schulgesetz zur Inklusion, das den Einbezug Behinderter in die Regelschule vorsieht, könnte das anders werden. Eltern behinderter Kinder haben vom Schuljahr 2013/14 an die Wahl, ob sie ihr Kind in eine Förderschule schicken oder vor Ort in eine Regelschule.

Bisher ist die Integration Behinderter eine Einzelfallentscheidung, für die Eltern oft viel Glück und Durchsetzungskraft benötigen. Das ändert sich: Die Grundschulen nehmen ab 1. August 2013 in der ersten Klasse auch alle Kinder mit Lernverzögerungen oder -störungen auf, bis nach vier Jahren in allen Jahrgängen auch Kinder mit Unterstützungsbedarf beim Lernen zu finden sind. Die Förderschulen für Lernen lösen ihren Grundschulbereich gleichzeitig schrittweise auf. Die weiterführenden Schulen wie Haupt-, Real-, Gesamtschulen und Gymnasien sollen im Sommer 2013 zunächst im fünften Jahrgang auch Kinder mit jeglicher Art von Behinderung aufnehmen, wenn deren Eltern das wünschen.

Die Kommunen können für einen Übergangszeitraum bis 2018 festlegen, dass einzelne Schulen dabei Schwerpunkte bilden. Bisher hat das Land allerdings noch nicht festgelegt, wie die Schulen mit Fachpersonal ausgestattet werden oder ob Lehrer an Regelschulen sich per Fortbildung vorbereiten können. Experten befürchten deshalb bereits jetzt, dass eine womöglich unzureichende Qualität der Betreuung Eltern behinderter Kinder abschrecken wird.

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