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Ist die Inklusion auf dem richtigen Weg?

Diskussion im HAZ-Forum Ist die Inklusion auf dem richtigen Weg?

So viel Interesse hat noch kein HAZ-Forum geweckt: Mehr als 350 Leser drängten sich am Montagabend im Pressehaus in Kirchrode, weil der gemeinsame Unterricht für Kinder mit und ohne Behinderung viele Fragen aufwirft.

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Wollen wir eine Rolle rückwärts? HAZ-Redakteurin Saskia Döhner (3. v. r.) moderiert das Forum im Verlagshaus an der Bemeroder Straße.

Quelle: Alexander Körner

Hannover. Die entscheidende Botschaft vieler Teilnehmer formulierte Brigitte Naber: Ohne ausreichend Lehrer funktioniere Inklusion nicht. Die Leiterin der IGS Roderbruch war eine von fünf Teilnehmern auf dem Podium. Neben Naber diskutierten Kultusministerin Frauke Heiligenstadt, Elternsprecher Matthias Ahäuser, Inklusionsaktivistin Elke Lengert und die kleinwüchsige Autorin Ninia La Grande auf dem Podium.

„Wir haben als Schulleiter dafür gesorgt, dass sich die Haltung ändert. Die Kollegen sind bereit für die Inklusion“, sagte Naber. Doch die Motivation der Lehrer sei nur zu halten, wenn sie eine Chance bekämen, jedem Kind gerecht zu werden. „Zwei Stunden pro Woche mit dem Förderschullehrer in der Klasse reichen nicht. Wir lernen ja voneinander, deshalb brauchen wir möglichst viele Stunden in Doppelbesetzung“ – und dazu Ergotherapeuten und Physiotherapeuten an der Schule. Die IGS Roderbruch ist seit mehr als 40 Jahren auf körperbehinderte Schüler eingestellt. Der Unterricht für Kinder, die ein anderes Leistungsspektrum als der Rest der Klasse aufweisen, sei jedoch eine große Herausforderung.

Klappt die Inklusion in den Schulen? Welche Probleme gibt es - und wie können Lösungen aussehen? Diese Fragen stehen im Mittelpunkt des HAZ-Forums am Montag im Pressehaus - unter anderen mit der niedersächsischen Kultusministerin Frauke Heiligenstadt.

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Ein Lehrer der IGS Mühlenberg ließ seine Empörung spüren: Bei 92 Prozent Unterrichtsversorgung „schieben wir Lehrer reichlich Überstunden“, sagt er. Er unterrichtet eine 5. Klasse mit fünf Inklusionskindern. Nur in drei Fächern arbeitet eine Förderschullehrerin an seiner Seite. In der Klasse lernen Kinder, die Haupt- und Realschulabschluss oder Abitur machen werden. „All diesen Kindern soll ich gerecht werden, und dazu den Ansprüchen ihrer Eltern. Wie soll das gehen?“ Dafür erntete er großen Applaus.

Matthias Ahäuser, selbst Vater einer Tochter mit Sprachbehinderung, kritisierte die überstürzte Einführung der Inklusion. „Meiner Ansicht nach sind wir in die Inklusion gestartet, ohne die Schulen darauf vorzubereiten. Das bisschen Grundversorgung reicht nicht aus.“ Aktuell arbeiten Förderschullehrkräfte nur wenige Stunden pro Woche in der Regelschule, die restliche Zeit unterrichten Grundschullehrer überwiegend allein. „Es geht in der Förderschule Sprache nicht nur um ein bisschen Stottern. Wenn Eltern ihr Kind nicht verstehen, ist das ein Problem.“ Von der Grundschule um die Ecke sei keine Hilfe zu erwarten gewesen.

Ahäusers Forderung nach einem Moratorium wies Kultusministerin Frauke Heiligenstadt zurück. „Sollen wir nach vier Jahren wieder Kinder in die Förderschule Lernen einschulen?“ Vom gemeinsamen Unterricht gab sie sich überzeugt, zeigte sich aber offen für Ideen wie einen Pool von Mitarbeitern, die eine Schule flexibel einsetzen kann. Unterstützung bekam sie von Förderschullehrerin Elke Lengert, deren zweiter Sohn im Mutterleib einen Schlaganfall erlitt. „Als ich so weit war, ihn anzunehmen, habe ich gemerkt, dass die Gesellschaft ihn nicht will.“ Lengert setzt sich seit Jahren für die Inklusion ein.

Bloggerin Ninia La Grande, selbst kleinwüchsig, plädierte fürs Durchhalten. „Mir war ganz lange nicht klar, dass ich anders bin, weil wir einfach die Schulen genommen haben, die wir wollten.“ Ärzte und Lehrer hatten vorhergesagt, sie würde es nur bis zur Förderschule schaffen. Sie hat längst ihren Uni-Abschluss. „Manches, was richtig ist, muss man einfach machen und nicht lange hinterfragen.“

Ist die Inklusion auf dem richtigen Weg?

Vom Modell zur Wirklichkeit

Brigitta Holte

Quelle: Alexander Körner

"Nein, denn die Lehrer sind völlig überfordert. Sie schaffen es auch nicht, die Kinder ohne Handicap aufzufangen.Mein Sohn hat eine Lese- und Rechtschreibschwäche. Wir haben deshalb viele Gespräche geführt, aber die Situation hat das nicht verbessert. Dennoch bin ich nicht gegen Inklusion."

Bei einem Modellversuch zur Integration behinderter Kinder in die Grundschule hatte Brigitta Holte in den Neunzigerjahren mitgemacht. Die Bedingungen für die damaligen Integrationsklassen waren nach Einschätzung der heute 59-Jährigen optimal. Brigitta Holte, selbst Förderschullehrerin, arbeitete mit einer Grundschullehrerin im Team. In die Integrationsklasse der Grundschule Aerzen im Raum Hameln gingen insgesamt 18 Kinder, von denen fünf behindert waren. Die beiden Lehrerinnen unterrichteten die Schüler grundsätzlich immer zu zweit.
„Das war eine super Konstellation. Wir konnten für alle gute Arbeit leisten“, berichtet Brigitta Holte. Der Schulversuch wurde damals von Fachleuten einer Universität wissenschaftlich begleitet. „Wir haben lange Berichte für das Kultusministerium geschrieben“, erinnert sich die Lehrerin. „Wir sind natürlich zu dem Ergebnis gekommen, dass der gemeinsame Unterricht allen Kindern nützt“, berichtet die Förderschullehrerin.
Doch wenn sie sich jetzt die Situation an den Regelschulen ansieht, fühlt sich die Verfechterin der Integration tief enttäuscht. An den Grundschulen stehen jeder Klasse zwei Stunden pro Woche mit einem Förderschullehrer zu. Diese sogenannte Grundversorgung ist unabhängig davon, wie viele Schüler ein Handicap aufweisen. „Meine Kollegen springen nur für kurze Zeit in die Klasse. Und die Grundschullehrer allein können den Kindern nicht gerecht werden.“

Gesamtschulen besonders gefragt

Hans-Jürgen Ladewig

Quelle: Alexander Körner

In Hannover scheint die Inklusion sich an bestimmten Schulformen zu konzentrieren. Eine Lehrerin aus dem Leitungsteam der IGS Kronsberg berichtet, dass sie dieses Schuljahr keine Mitarbeiter für 50 sonderpädagogische Wochenstunden finden konnte. „Und da bekomme ich jetzt einen Brief mit der Frage, wie viele Kinder mit Handicap wir nächstes Mal aufnehmen können. Dabei weiß ich jetzt schon nicht, wo mir der Kopf steht.“ Die Schule würde gerne weiter Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam unterrichten, betont die Frau. Aber wenn schon jetzt so viele Förderschullehrer fehlten, würde die Lücke nächstes Schuljahr noch größer.
Tatsächlich zeigt sich im fünften Jahrgang ein großes Ungleichgewicht. 210 Schüler und damit 5,1 Prozent der 4126 Fünftklässler haben ein Handicap. 121 dieser Kinder gehen an eine IGS. Gewünscht hatten sich einen Platz an einer IGS sogar 160 Familien für ihr behindertes Kind. An den 17 Gymnasien gibt es 39 Fünftklässler mit Einschränkungen, macht 1,8 Prozent im Jahrgang.
Es zeichnet sich eine steigende Zahl von Inklusionskindern im fünften Jahrgang ab. „Die Eltern dürfen sich die Schulform aussuchen. Aber wir werden nicht alle an den IGS unterbringen können“, sagt Förderschulleiter Hans-Jürgen Ladewig. Dieses Mal haben drei Gymnasien auch geistig behinderte Kinder aufgenommen, nächstes Mal sind drei andere an der Reihe.

Spezialisten verzweifelt gesucht

IGS Vahrenheide

Quelle: Alexander Körner

An der IGS Vahrenheide fehlen Förderschullehrer.

Förderschulen und ihre Lehrer sind stark spezialisiert. Denn Kinder mit Handicap können ganz unterschiedliche Unterstützung brauchen. Autisten verhalten sich anders als Schüler mit Downsyndrom, Kinder mit Lernstörungen benötigen andere Hilfe als Körperbehinderte. An den allgemeinbildenden Schulen fehlen aktuell Förderschullehrer. Noch schwieriger ist es allerdings, Sonderpädagogen mit der passenden Spezialisierung für die Schüler zu finden.
Auf die Integrierte Gesamtschule Vahrenheide gehen dieses Schuljahr 600 Schüler, von denen 50 einen sonderpädagogischen Förderbedarf haben. Neun dieser Kinder sind das, was man früher als verhaltensauffällig bezeichnete. Ohne das Recht der Eltern auf freie Schulwahl würden die Kinder eine Förderschule für emotional-soziale Entwicklung besuchen. „Für diese Schüler bekommen wir in Hannover keine Förderschullehrer“, berichtet Konrektorin Angelika Schoenheit. Der Schule stehen für die Kinder Förderstunden zu, die mehr als einer Lehrerstelle entsprechen.
„Wir möchten dafür Heilpädagogen einstellen. Da die Berufsgruppe weniger verdient, könnten wir viele Stunden doppelt besetzen“, argumentiert die Konrektorin. Dann könnten sich zwei Erwachsene gleichzeitig um eine Klasse kümmern. Weil eine Erlaubnis ausbleibt, will die Schule nun Fakten schaffen.

Was meinen Sie?

Die Motivation ist da, aber nicht genug Lehrer – ist die Inklusion dennoch auf dem richtigen Weg?

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