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Mühlenberg: So kontrovers diskutiert wurde im HAZ-Forum

Müll und fehlende Kita-Plätze Mühlenberg: So kontrovers diskutiert wurde im HAZ-Forum

Am Canarisweg hat die Stadt das Außengelände einer Kita gesperrt, weil die Anwohner Müll vom Balkon werfen. Ist Mühlenberg ein "abgehängter Stadtteil"? Darüber hat die HAZ in einem Forum mit Lesern und Politikern diskutiert. Hier können Sie das Protokoll der Veranstaltung nachlesen.

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Eine kontroverse Debatte haben sich Podiumsteilnehmer und Publikum beim HAZ-Forum zum Stadtteil Mühlenberg geliefert. 

Quelle: Franson

Er beginnt eigentlich ganz harmlos. Welche konkreten Maßnahmen zur Beseitigung der Missstände an der Grundschule Mühlenberg geplant seien, will Christian Schön wissen. Und dann legt der Vater eines neunjährigen Jungen los. Sein Sohn sei in der 3. Klasse der Grundschule Mühlenberg. In der Klasse hätten lediglich drei Kinder keinen Migrationshintergrund, sagt Schön. „Es lässt sich kein sinnvoller Unterricht betreiben, weil es schon allein an der Sprache hapert“, berichtet der Vater. „Hier herrscht ein akuter Notstand, der sofort behoben werden muss“, sagt er.

Am Canarisweg hat die Stadt das Außengelände einer Kita gesperrt, weil die Anwohner Müll vom Balkon werfen. Ist Mühlenberg ein "abgehängter Stadtteil"? Darüber hat die HAZ in einem Forum mit Lesern und Politikern diskutiert. 

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Beim HAZ-Forum um die Probleme im Stadtteil Mühlenberg am Dienstagabend ringt Hannovers Dezernentin für Bildung, Jugend und Familie, Maria Rzyski, in ihrer Antwort ein wenig um Worte. Es gebe keinen akuten Bildungsnotstand, sagt sie und ergänzt diplomatisch: „Wir haben eine Situation, die pädagogisch herausfordernd ist.“ Außerdem bilde sich an der Schule nur die Situation des Stadtteils ab. Eine Aussage, die den Vater allerdings nicht beruhigt. Und die geplanten Maßnahmen, von denen Rzyski berichtet, wie dem Einsatz von sogenannten multiprofessionellen Teams und der Umgestaltung zur Ganztagsschule, kommen für den Drittklässler voraussichtlich zu spät.

Polizei ermittelt im Kita-Fall

Am Mühlenberg ist die Verunsicherung groß. Bildungsexperten sprechen von einem „echten pädagogischen Notstand“ und „unerträglichen Zuständen“ im Stadtteil Mühlenberg. Das gilt auch für die Kita Canarisweg. Dort musste die Stadt vor wenigen Wochen das Außengelände sperren, weil von den Balkonen der Hausbewohner Müll, Aschenbecher und Flaschen auf das Kita-Außengelände fielen, während sich dort Menschen aufhielten.

Bildungsdezernentin Rzyski spricht in diesem Zusammenhang von „Unachtsamkeiten, die es immer mal wieder gibt“. Es sei nichts Ungewöhnliches, dass man etwas auf die Balkonbrüstung stelle, was dann herunterfalle, sagt sie in der von HAZ-Redakteurin Jutta Rinas gleiteten Podiumsdiskussion. Jesse Jeng, CDU-Landtagskandidat und voll im Wahlkampfmodus, nutzt die Vorlage und widerspricht vehement: „Wenn Kindern, die in einer Kita unterwegs sind, Glas und andere schwere Gegenstände auf den Kopf fallen, ist das nicht Unachtsamkeit sondern versuchter Totschlag“, betont er. Er habe den Eindruck, dass die Probleme verharmlost würden. Deshalb hat Jeng einen Sieben-Punkte-Plan für den Mühlenberg vorbereitet, den seine Wahlkampfhelfer dann auch gleich unter den rund 80 Besuchern im gut gefüllten Saal des Stadtteilzentrums Mühlenberg verteilten.

Der Leiter des für den Mühlenberg zuständigen Polizeikommissariats Ricklingen, Hans-Wilhelm Müller, will das Statement von Jeng so nicht stehen lassen. Man könne nicht einfach pauschal von Totschlag reden, meint er. „Jedem von uns ist schon einmal etwas heruntergefallen“, betont der Polizist. Die Beamten befänden sich in der Angelegenheit in Ermittlungen.

Dass es mit der Sicherheit am Mühlenberg insgesamt nicht zum Besten stehe, gibt aber auch Müller indirekt zu. „65 Prozent der Bürger hier fühlen sich unsicher, da muss ich etwas tun“, sagt der Polizeichef. Die Polizei unternehme viel in dem Stadtteil, berichtet er. Zum Beispiel würden zahlreiche Gespräche mit Jugendlichen geführt.

Bildung gegen Armut

Der SPD-Landtagsabgeordnete Stefan Politze meint, dass in den vergangenen Jahren unter der rot-grünen Landesregierung schon viel passiert sei. „Die beste Möglichkeit, Armut zu verhindern, ist Bildung“, betont er. Und dafür habe das Land unter anderem mit dem Ausbau der Schulsozialarbeit viel unternommen. Im Übrigen sei dem Stadtteil nicht damit geholfen, wenn er stigmatisiert werde.Unterstützung erhält Politze in der Debatte von Bezirksbürgermeister und Parteifreund Andreas Markurth. Den Canarisweg könne man nicht unbedingt mit dem Mühlenberg vergleichen, sagt er. „Hier am Mühlenberg kann man prima wohnen“, betont Markurth.

Auch der Fachbereichsleiter Planen und Bauen der Stadtverwaltung, Michael Heesch, meint, dass der Stadtteil keinesfalls abgehängt sei. Es gebe jedoch „strukturelle Mängel“, diese sollen durch das Programm „soziale Stadt“ beseitigt werden. „Das kann man jedoch nicht mit einem Fingerschnipp reparieren“, sagt er. Dafür brauche es etwas Zeit.

Überraschend für viele Zuhörerer der Debatte ist der Beitrag des Geschäftsführers des Wohnungsunternehmens Vonovia, Ulrich Schiller. „Wir würden hier gern weitere Bestände kaufen“, sagt er. Venovia gehört am Mühlenberg unter anderem der Wohnkomplex am Canarisweg. Das Unternehmen glaube an das Wohnquartier Mühlenberg, erläutert Schiller. Und er meint, der Stadtteil werde sich günstig entwickeln. Vater Christian Schön mag das im Moment nicht so richtig glauben.

Hier könnten Sie das Protokoll der Debatte nachlesen:

Verfehlte Städteplanung

Der Stadtteil Mühlenberg entstand in den Sechziger- und Siebzigerjahren, zunächst als Gebiet mit Reihenhäusern und mehrgeschossigen Mehrfamilienhäusern. Später wurden dann Hochhäuser gebaut. Als besonders krasses Beispiel für verfehlte Städteplanung gilt der Canarisweg mit rund 600 Wohnungen in einem langgezogenen Hochhausblock. Der Block ist von stark befahrenen Straßen umgeben und dadurch vom restlichen Stadtteil abgetrennt. Am Mühlenberg leben rund 7500 Menschen aus mehr als 60 Nationen. Der Anteil der Migranten liegt bei über 60 Prozent. Bei der Bezirksratswahl im vergangenen September holte die AfD in Mühlenberg 22,2 Prozent der Stimmen. Im Jahr 2014 nahm das Land den Mühlenberg in das Programm „Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbedarf – die soziale Stadt“ auf, das langfristig Verbesserungen bringen soll. mak

Von Mathias Klein

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