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Aus der Stadt Mühlenberg: So kontrovers diskutiert wurde im HAZ-Forum
Hannover Aus der Stadt Mühlenberg: So kontrovers diskutiert wurde im HAZ-Forum
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19:13 03.05.2017
Eine kontroverse Debatte haben sich Podiumsteilnehmer und Publikum beim HAZ-Forum zum Stadtteil Mühlenberg geliefert.  Quelle: Franson

Er beginnt eigentlich ganz harmlos. Welche konkreten Maßnahmen zur Beseitigung der Missstände an der Grundschule Mühlenberg geplant seien, will Christian Schön wissen. Und dann legt der Vater eines neunjährigen Jungen los. Sein Sohn sei in der 3. Klasse der Grundschule Mühlenberg. In der Klasse hätten lediglich drei Kinder keinen Migrationshintergrund, sagt Schön. „Es lässt sich kein sinnvoller Unterricht betreiben, weil es schon allein an der Sprache hapert“, berichtet der Vater. „Hier herrscht ein akuter Notstand, der sofort behoben werden muss“, sagt er.

Am Canarisweg hat die Stadt das Außengelände einer Kita gesperrt, weil die Anwohner Müll vom Balkon werfen. Ist Mühlenberg ein "abgehängter Stadtteil"? Darüber hat die HAZ in einem Forum mit Lesern und Politikern diskutiert. 

Beim HAZ-Forum um die Probleme im Stadtteil Mühlenberg am Dienstagabend ringt Hannovers Dezernentin für Bildung, Jugend und Familie, Maria Rzyski, in ihrer Antwort ein wenig um Worte. Es gebe keinen akuten Bildungsnotstand, sagt sie und ergänzt diplomatisch: „Wir haben eine Situation, die pädagogisch herausfordernd ist.“ Außerdem bilde sich an der Schule nur die Situation des Stadtteils ab. Eine Aussage, die den Vater allerdings nicht beruhigt. Und die geplanten Maßnahmen, von denen Rzyski berichtet, wie dem Einsatz von sogenannten multiprofessionellen Teams und der Umgestaltung zur Ganztagsschule, kommen für den Drittklässler voraussichtlich zu spät.

Polizei ermittelt im Kita-Fall

Am Mühlenberg ist die Verunsicherung groß. Bildungsexperten sprechen von einem „echten pädagogischen Notstand“ und „unerträglichen Zuständen“ im Stadtteil Mühlenberg. Das gilt auch für die Kita Canarisweg. Dort musste die Stadt vor wenigen Wochen das Außengelände sperren, weil von den Balkonen der Hausbewohner Müll, Aschenbecher und Flaschen auf das Kita-Außengelände fielen, während sich dort Menschen aufhielten.

Bildungsdezernentin Rzyski spricht in diesem Zusammenhang von „Unachtsamkeiten, die es immer mal wieder gibt“. Es sei nichts Ungewöhnliches, dass man etwas auf die Balkonbrüstung stelle, was dann herunterfalle, sagt sie in der von HAZ-Redakteurin Jutta Rinas gleiteten Podiumsdiskussion. Jesse Jeng, CDU-Landtagskandidat und voll im Wahlkampfmodus, nutzt die Vorlage und widerspricht vehement: „Wenn Kindern, die in einer Kita unterwegs sind, Glas und andere schwere Gegenstände auf den Kopf fallen, ist das nicht Unachtsamkeit sondern versuchter Totschlag“, betont er. Er habe den Eindruck, dass die Probleme verharmlost würden. Deshalb hat Jeng einen Sieben-Punkte-Plan für den Mühlenberg vorbereitet, den seine Wahlkampfhelfer dann auch gleich unter den rund 80 Besuchern im gut gefüllten Saal des Stadtteilzentrums Mühlenberg verteilten.

Der Leiter des für den Mühlenberg zuständigen Polizeikommissariats Ricklingen, Hans-Wilhelm Müller, will das Statement von Jeng so nicht stehen lassen. Man könne nicht einfach pauschal von Totschlag reden, meint er. „Jedem von uns ist schon einmal etwas heruntergefallen“, betont der Polizist. Die Beamten befänden sich in der Angelegenheit in Ermittlungen.

Dass es mit der Sicherheit am Mühlenberg insgesamt nicht zum Besten stehe, gibt aber auch Müller indirekt zu. „65 Prozent der Bürger hier fühlen sich unsicher, da muss ich etwas tun“, sagt der Polizeichef. Die Polizei unternehme viel in dem Stadtteil, berichtet er. Zum Beispiel würden zahlreiche Gespräche mit Jugendlichen geführt.

Bildung gegen Armut

Der SPD-Landtagsabgeordnete Stefan Politze meint, dass in den vergangenen Jahren unter der rot-grünen Landesregierung schon viel passiert sei. „Die beste Möglichkeit, Armut zu verhindern, ist Bildung“, betont er. Und dafür habe das Land unter anderem mit dem Ausbau der Schulsozialarbeit viel unternommen. Im Übrigen sei dem Stadtteil nicht damit geholfen, wenn er stigmatisiert werde.Unterstützung erhält Politze in der Debatte von Bezirksbürgermeister und Parteifreund Andreas Markurth. Den Canarisweg könne man nicht unbedingt mit dem Mühlenberg vergleichen, sagt er. „Hier am Mühlenberg kann man prima wohnen“, betont Markurth.

Auch der Fachbereichsleiter Planen und Bauen der Stadtverwaltung, Michael Heesch, meint, dass der Stadtteil keinesfalls abgehängt sei. Es gebe jedoch „strukturelle Mängel“, diese sollen durch das Programm „soziale Stadt“ beseitigt werden. „Das kann man jedoch nicht mit einem Fingerschnipp reparieren“, sagt er. Dafür brauche es etwas Zeit.

Überraschend für viele Zuhörerer der Debatte ist der Beitrag des Geschäftsführers des Wohnungsunternehmens Vonovia, Ulrich Schiller. „Wir würden hier gern weitere Bestände kaufen“, sagt er. Venovia gehört am Mühlenberg unter anderem der Wohnkomplex am Canarisweg. Das Unternehmen glaube an das Wohnquartier Mühlenberg, erläutert Schiller. Und er meint, der Stadtteil werde sich günstig entwickeln. Vater Christian Schön mag das im Moment nicht so richtig glauben.

Hier könnten Sie das Protokoll der Debatte nachlesen:

  • 02.05.17 18:44
    Das Haz-Forum zum Thema Mühlenberg ist beendet, die Zuschauer diskutieren angeregt weiter.
  • 02.05.17 18:40
    Die IGS-Mühlenberg sei ein Vorzeigeprojekt. "Wir investieren viel in Mühlenberg, und wir machen auch weiter - versprechen wir", sagt Rzyski.
  • 02.05.17 18:33
    Christian Schön kritisiert, dass 91 Prozent der Kinder an der Grundschule einen Migrationshintergrund hätten. "Allein auf Grund der Sprachbarrieren lässt sich kein sinnvoller Unterricht betreiben", sagt er. "Welche konkreten Maßnahmen zur Behebung des akuten Bildungsnotstands zu beheben sind geplant?"
    Eine Grundschule bilde immer die Struktur ihres Stadtteils ab, sagt Rzyski. "Wir müssen uns pädagogisch darauf einstellen, brauchen andere Konzepte und Bildungsstrukturen", sagt sie.
  • 02.05.17 18:27
    "Ich kann nicht hingehen und wegen einer Vermutung einen Vermieter abmahnen", sagt Ulrich Schiller, Geschäftsführer der Region Nord bei Vonovia. Er könne nicht glauben, dass Gegenstände mit Absicht auf die Kinder geworfen wurden. "Wir wissen, dass es Probleme am Canarisweg gibt und die wollen wir abstellen", sagt er.
  • 02.05.17 18:23
    Michaela Michalowitz fragt, wie Vovovia reagiert hat, als die Mitarbeiter von den Gegenständen erfahren haben, die vom Balkon flogen. "Mieter die neu einziehen werden regelmäßig beraten, bekommen Informationen in verschiedenen Sprachen", sagt er. Auch nach den Vorfällen seien alle Mieter angeschrieben worden. Neue Mieter bekämen eine Müllberatung, es gäbe Müllmanagement, ein Objektbetreuer sei vor Ort: "Wir tun viel", sagt Weinert. "Einer sei zu wenig", kritisieren zahlreiche Zuschauer.
  • 02.05.17 18:19
    "Der Canarisweg ist ein abgehängter Stadtteil im Stadtteil", kritisiert Bernd Stöver. "Teilweise hört man dort von 10 bis 12 Personen in einer Wohnung - das ist nicht menschengerecht und nicht richtig."
    Die Mieter würden zugewiesen und zehn Mieter in einer Wohnung seien zu viel. Wenn sie davon erfahren, würden sie etwas dagegen tun, sagt Vonovia-Regionalleiter Thomas Weinert. Rita Maria Rzyski weist darauf hin, dass die Stadt nicht kontrollieren könne, wie viele Menschen tatsächlich in der Wohnung wohnen. "Wir können nur sagen, wie viele Menschen dort gemeldet sind und das jeder Mieter das Recht hat, Besuch zu empfangen."
  • 02.05.17 18:11
    Mühlenberg sei ein schöner Stadtteil, aber auch einer mit Mängeln. Nur weil er die habe, ist noch lange nicht abgehängt. "Unser Anspruch ist, dass er wieder angehängt wird - wie Stöcken, Mittelfeld und andere Stadtteile", sagt Michael Heesch.
  • 02.05.17 18:04
    Bereits 2010 berichtete die HAZ über die schlechten Bedingungen an der Grundschule Mühlenberg. Schon damals sollte sie eine Ganztagsschule werden - doch das ist sie bis heute nicht. "Ich finde hier dauern manche Sachen echt lange, um nicht zu sagen zu lange", sagt Jutta Rinas.
    Ganztag sei in Niedersachsen verdreifacht worden, sagt Stefan Politze (SPD-MdL). Auch die Stellen der Schulsozialarbeit seien aufgestockt worden. Die Lehrinhalte müssten auch den Schülern gerecht werden. "Es nützt nichts über den Bau der Schulen zu diskutieren - die Schüler an der Peter-Ustinov-Schule haben andere Probleme", sagte er.
  • 02.05.17 17:53
    "Wir haben viele Sachen am Mühlenberg vorangebracht", sagt Markurth. "Wir haben hier Probleme, aber wir brauchen auch ein bisschen Zeit." Der Stadtteil sei es wert, dass man für ihn arbeitet. Es dürfe aber nicht Canarisweg mit dem gesamten Stadtteil gleichgesetzt werden. "Es ist ein Stadtteil im Grünen mit einer tollen Infrastruktur", sagt der Bezirksbürgermeister. Viele Menschen würden liebend gerne hier wohnen. "Wir dürfen nicht den ganzen Stadtteil stigmatisieren", sagt er.
  • 02.05.17 17:50
    65 Prozent der Menschen fühlen sich in Mühlenberg abends nicht sicher. "Deshalb fahren wir seit geraumer Zeit ein diskretes aber offenes Präsenzprogramm. Offensiv, ohne das an die große Glocke zu hängen", sagt Hans-Wilhelm Müller, Leiter des Polizeikommissariats Ricklingen.
  • 02.05.17 17:43
    Jeng kritisiert die Beschönigung von Problemen: "Dieser Stadtteil hat Probleme. Hier hat eine Ghettoisierung stattgefunden. Es muss auch ein Fokus auf Sicherheit gelegt werden", sagt er. 65 Prozent der hier lebenden Personen fühlten sich unsicher. Doch auch wirtschaftliche Unternehmen müssten gestärkt werden.
  • 02.05.17 17:40
    Samira Banar ist Kita-Mutter. Sie hat einige Fragen: "Gibt es ein Datum für Containerumzug? Wann ist der Neubau geplant?"

    Rzyski: "Wir haben ein angrenzendes Gelände direkt vor der Kita. In zwei Wochen 1000 Quadratmeter. Der Umzug wird aber erst Mitte/Ende 2018 sein. Wir sind auch dabei, ein großes Familienzentrum zu planen. Das soll 2020/21 umgesetzt werden.


  • 02.05.17 17:32
  • 02.05.17 17:32
    "Bildung ist der beste Weg, um Armut zu verhindern", sagt Bezirksbürgermeister Andreas Markurth. In diesem Bereich habe sich viel getan in Niedersachsen. "Ich glaube das Thema Schulsozialarbeit ist in Mühlenberg ein wichtiger Punkt."
  • 02.05.17 17:29
    Rechtsanspruch auf Kita-Platz: Im Stadtbezirk Ricklingen, zu dem Mühlenberg gehört, ist mit 84 Prozent der am schlechtesten versorgte in ganz Hannover. "Wir haben hier einen hohen Bevölkerungszuwachs verzeichnet", sagt Rzyski. Es sei allerdings sofort geplant und reagiert worden. Eltern würden unter anderem beraten werden, wo ihre Kinder - bis genug Plätze in ihrem Stadtteil geschaffen wurden - einen Kita-Platz bekommen.
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Verfehlte Städteplanung

Der Stadtteil Mühlenberg entstand in den Sechziger- und Siebzigerjahren, zunächst als Gebiet mit Reihenhäusern und mehrgeschossigen Mehrfamilienhäusern. Später wurden dann Hochhäuser gebaut. Als besonders krasses Beispiel für verfehlte Städteplanung gilt der Canarisweg mit rund 600 Wohnungen in einem langgezogenen Hochhausblock. Der Block ist von stark befahrenen Straßen umgeben und dadurch vom restlichen Stadtteil abgetrennt. Am Mühlenberg leben rund 7500 Menschen aus mehr als 60 Nationen. Der Anteil der Migranten liegt bei über 60 Prozent. Bei der Bezirksratswahl im vergangenen September holte die AfD in Mühlenberg 22,2 Prozent der Stimmen. Im Jahr 2014 nahm das Land den Mühlenberg in das Programm „Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbedarf – die soziale Stadt“ auf, das langfristig Verbesserungen bringen soll. mak

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