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Was dürfen Hunde in der Stadt?

HAZ-Forum Was dürfen Hunde in der Stadt?

Es war eine spannende Diskussion um ein Thema, das beide Seiten aufregt: Hundehalter und Naturschützer trafen am Mittwoch beim HAZ-Forum an der Alten Bult aufeinander. Am Ende stand die Erkenntnis, dass mit Vernunft auf beiden Seiten am meisten zu erreichen wäre – nur ist das bei manchen Hundehaltern und ihren Gegnern eben so eine Sache.

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Besucher beim HAZ-Forum.

Quelle: Jan Philipp Eberstein

Hannover . Eine Eule guckt etwas betrübt, ihr Piktogramm ist eingefasst von einem dreieckigen Warnschild, „Landschaftsschutzgebiet“ steht darin. Darunter teilt ein weiteres Schild mit: Hunde sind vom 1. April bis 15. Juli jeden Jahres an der Leine zu führen, dann ist Brut- und Setzzeit. Das lesen nun am Beginn des beliebten Freilaufgebiets an der Bult und anderswo Besitzer von großen und kleinen Tieren. Manche Hunde laufen dennoch frei herum. Den Hinweis lesen indes auch Spaziergänger, Jogger und Radfahrer und Eltern mit Kindern. Nicht selten kommt es zum Streit, wenn die einen die anderen auffordern, sich an Regeln zu halten – und Hunde an der Leine.

Leinenzwang für Hunde, das war das Thema des HAZ-Forums am Mittwochabend unter freiem Himmel an der Bult. Knapp 100 Gäste, viele mit ihren Hunden, kamen und folgten der Debatte. HAZ-Redakteur Conrad von Meding stellte eingangs fest: „Das Klima ist weitgehend vergiftet.“

Rund 100 Gäste haben im HAZ-Forum auf der Alten Bult über den Leinenzwang diskutiert.

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Auf dem Podium waren die Meinungen tatsächlich stark geteilt. Ingo Nolte, Professor an der Tierärztlichen Hochschule, sammelt seit einem Jahr für die Initiative gegen Leinenzwang Unterschriften. 15 000 Menschen haben bislang unterzeichnet, das Ziel der Kampagne ist eine Änderung des Waldgesetzes. Er sieht auch im befristeten Anleinzwang einen Verstoß gegen das Tierschutzgesetz. „Hunde müssen Auslauf haben. Das wird länger als ein Vierteljahr unterbrochen.“ Von einer Vorschrift, die nach Ansicht von Nolte „eine unverhältnismäßige pauschale Regel“ sei, da es keine Zahlen darüber gebe, welche Schäden frei laufende Hunde im Unterholz während dieser Brut- und Setzzeit anrichteten.

Sein Kontrahent an diesem Abend war Stadtjägermeister Heinz Pyka. Dessen Erfahrung mit Hundehaltern bei morgendlichen Erkundungen im Revier sind offenbar nicht die besten: „An jedem Waldweg stehen Schilder, aber die werden nicht beachtet, viele Hundebesitzer sind undiszipliniert.“ Die Tiere brauchten einen geschützten Raum, um zu überleben, der Druck auf die Natur sei jedoch enorm gewachsen. Sein Fazit:  „Ich kann auf den Leinenzwang nicht verzichten.“

Aus dieser bedrängten Natur erzählte Pyka Beispiele. Scheuche ein nicht angeleinter Hund einen Brutvogel auf, sodass er nur eine halbe Stunde das Nest verlasse, dann seien sechs Eier tot. Und in diesem Jahr seien bereits drei Rehe gerissen worden, übrigens von den Geschlechtsteilen an aufwärts. Eine Stelle, in der das Publikum sehr empört reagierte. Ingo Nolte widersprach dieser drastischen Schilderung. Er bezweifelt nicht, dass es unter Hundebesitzern Menschen gibt, die regeln missachten, warnte aber davor, Halter unter Generalverdacht zu stellen – und kam auf sein Argument zurück: Weil niemand sagen könne, welche Rolle Hunde spielen, stehe der Anleinzwang während der Brut- und Setzzeit „ohne Grundlage“ im Gesetz. Er verwies auf weitere Ursachen: Mountainbiker, Landwirtschaft, Jäger – aber nur Hundebesitzer treffe es.

Unter den Zuhörern war der größte Teil auf Noltes Seite. Willi Lindhorst, Landtagsabgeordneter der CDU und im Parlament gerade in der Opposition, forderte: „Sie müssen ans Parlament ran und notfalls klagen.“ Es war der Moment, in dem eine Frau still Fotos herum zeigte, die tote Wildtiere zeigten. Ingo Nolte ergänzte da, man sei im Gespräch mit dem Landwirtschaftsministerium, um eine Gesetzesänderung zu erreichen. „Ich habe da ein gutes Gefühl.“

Bald drehte sich die Diskussion um Flächen. Auslaufflächen, von denen es nach Meinung vieler Forumsgäste deutlich mehr geben müsste. „Wir haben noch viel Platz in Hannover“, sagte Jäger Thomas Sporn. Eine Zuhörerin ergänzte das: „Es kann nicht sein, dass wir den Kronsberg komplett zu machen.“ Andrea Niebisch regte an, Halter vom Leinenzwang während der Brutzeit auszunehmen, die von der Stadt eine Befreiung für Grünflächen haben. Und warum überhaupt herrsche während der Brutzeit auch in der Alten Bult Leinenzwang, wenn es hier längst keine Bodenbrüter mehr gebe, fragte energisch ein älterer Herr.

Gesetz legt besonders harte Brut- und Setzzeit fest

Mehr als ein Vierteljahr müssen Hundehalter in Niedersachsen ihre Tiere in der freien Landschaft und in Waldgebieten an die Leine nehmen. Am 1. April beginnt die sogenannte Brut- und Setzzeit. Um Bodenbrüter wie Kiebitz, Feldlerche und Nachtigall sowie Jungwild zu schützen, dürfen Hunde bis zum 15. Juli in bestimmten Gebieten nicht frei laufen.

In Hannover betrifft das vor allem die Eilenriede, Seelhorst, Bornumer Holz und andere Waldgebiete, in denen der Hundefreilauf außerhalb der Brut- und Setzzeit erlaubt ist. Ihre Tiere von der Leine lassen können Hundehalter während dieser Periode vor allem auf den städtischen Hundeauslaufflächen, von denen viele ganzjährig freigegeben sind. Diskussionsstoff bieten dabei immer wieder die Auslaufflächen am Kronsberg. Diese Gebiete unterliegen dem Schutz der sogenannten Freien Landschaft, in dem die Stadt den Leinenzwang nicht aufheben darf. Sie sind somit nicht ganzjährig nutzbar. Da die Brut- und Setzzeit im Niedersächsischen Gesetz über den Wald und die Landschaftsordnung (NwaldLG) geregelt ist, gilt übrigens die Leinenbefreiung, die Hundehalter in Hannover zur individuellen Aufhebung des Leinenzwangs auf Grünflächen beantragen können, nicht.

Ausgebildete Blindenführhunde, Rettungs- oder Hütehunde sowie Hunde, die von Polizei, Bundesgrenzschutz und Zoll oder zur Jagd eingesetzt werden, sind vom Leinenzwang während der Brut- und Setzzeit aber ausgenommen. In Natur- und Wildschongebieten besteht darüber hinaus eine ganzjährige Anleinpflicht. Ein Verstoß gegen den Leinenzwang zwischen April und Mitte Juli kann mit einem Bußgeld zwischen 5 und 5000 Euro geahndet werden. sag

Es war der Punkt, der zu so etwas wie einer Annäherung der Kontrahenten führte. Stadtjäger Heinz Pyka sagte: „Mehr Auslaufflächen, aber die übrigen gefährdeten Bereiche umso stärker schützen.“ Die Ricklinger Kiesteiche, wo sich Tausende Menschen zum Baden und Sonnen treffen, etwa könne man ebenso vom Leinenzwang ausnehmen wie die Alte Bult. Auf den Leinenzwang im Gesetz, Bußgelddrohung inklusive, beharrt Pyka jedoch.

Natürlich winkte Nolte da ab. „Wir brauchen keinen pauschalen Leinenzwang. Aber es gibt Gebiete, wo Hunde nicht laufen sollen, da, wo es schützenswerte Tiere gibt, in Landschaftsschutzgebieten und Biotopen.“ Nun winkte Pyka ab. „Da halten sich die Leute nicht dran.“ Nolte setzte nach: „Weil es die Leute nicht verstehen.“ Dass die Situation aber für Hundehalter in Hannover derzeit völlig unbefriedigend ist – das war Konsens am Ende der Veranstaltung. Sowohl im Publikum wie auf dem Podium.

Initiativen für ein besseres Miteinander

Um ein besseres Miteinander geht es seit einigen Wochen 35 Mitgliedern des Vereins „Hundefreunde gegen Hundehasser“. Sie sammelten am 1. Mai am Maschsee, in der Eilenriede und auf der Bult Hundekot auf, den in Tüten zu tun die eigentlichen Besitzer der Tiere sich offenkundig keine Mühe machten. Das ist ein Dauerärgernis für Passanten: ständig Gefahr zu laufen, in Darmentleerungen von Hunden zu treten. Es erhöht jedenfalls nicht die Toleranz gegenüber Tieren und Haltern. Die Gruppe sorgt sich besonders um ausgelegte Giftköder. „Hundekot ist einer der Gründe für Hundehasser, diese Köder auszulegen. Wir wollen zeigen, dass nicht alle Hundebesitzer Hinterlassenschaften ihrer Tiere liegen lassen und sozialen Druck auf diejenigen erhöhen, die den Kot nicht einsammeln“, sagte Jennifer Schuster, Initiatorin der Gruppe, die auch auf Facebook aktiv ist und dort mittlerweile 2600 Unterstützer hat. Regionale Ableger in anderen Städten gründen sich derzeit.

Eine andere Aktion will Akzeptanz durch Abstand schaffen. Es soll ja Hunde geben, die nicht von Kindern gestreichelt werden möchten oder generell niemanden in ihrer Nähe haben wollen, den sie nicht kennen, auch keine Artgenossen. Um solche Tiere zu kennzeichnen, gibt es die Aktion Gelber Hund. Monika Kirchhoff hat die Idee aus Schweden übernommen. „Hunde, die mehr Freiraum und Abstand brauchen, werden mit etwas Gelbem gekennzeichnet.“ Das könne ein Band oder Tuch an der Leine sein, ein gelbes Halsband oder Geschirr. Es geht nicht um die Kennzeichnung aggressiver Hunde. Für Spaziergänger oder Radfahrer soll das Zeichen ein Hinweis sein, sich Tier und Besitzer möglichst nicht zu nähern.  gum

Von Gunnar Menkens und Sabine Gurol

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Diskussion über Leinenzwang
Für und Wider des Leinenzwangs in der Brut- und Setzzeit sind Dauerthema bei Hundehaltern.

Stadtjäger Heinz Pyka schlägt vor, Flächen wie die Alte Bult und Ricklinger Kiesteiche freizugeben, damit Hunde in Hannover mehr Auslaufflächen ohne Leinenzwang haben. Seine Hoffnung: Dadurch würden während der Brut- und Setzzeit Rehe und Vögel in den übrigen Schutzgebieten von frei laufenden Hunden eher verschont.

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