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Aus der Stadt „Die Kulturhauptstadt Hannover muss werden wie die Fete de la Musique“
Hannover Aus der Stadt „Die Kulturhauptstadt Hannover muss werden wie die Fete de la Musique“
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19:18 16.05.2018
„Wir müssen uns vernetzten“: Das HAZ-Forum zur Bewerbung Hannovers als Kulturhauptstadt 2025 (v.l.: Hartmut El Kurdi (Kolumnist), Robert Marlow (Präsident Architektenkammer), Melanie Botzki (Kulturhauptstadtbüro 2015), Harald Härke (Kulturdezernent), Matthias Görn (freundeskreis). Quelle: Katrin Kutter
Hannover

  Das Konzept ist noch nebulös, jegliche Inhalte fehlen vollständig – aber Diskussionsbedarf gibt es reichlich zur Bewerbung Hannovers auf den Titel der Europäischen Kulturhauptstadt 2025. Fast 200 Kulturschaffende und -interessierte sind zum HAZ-Forum gekommen um zu hören, wie weit Kulturdezernent Harald Härke und seine Kulturhauptstadt-Bürochefin Melanie Botzki nun eigentlich sind mit der Vorbereitung – und um eigene Ideen einzubringen. Zwei Stunden dauerte der muntere Abend mit teilweise sehr guten Vorschlägen. Erstaunlich aber: Obwohl das Projekt inhaltlich seit Monaten kontrovers diskutiert wird, obwohl das Bewerbungsverfahren von schweren Querelen in der Rathausspitze überschattet wird und vor allem die Freie Szene sich bislang ausgegrenzt fühlt, gab es nur vereinzelt und andeutungsweise kritische Stellungnahmen oder Fragen. Vielleicht ist das aber auch kein Wunder: Alle, die sich für das Thema interessieren, wollen am Ende irgendwie auch mitmachen dürfen. Da möchte man es sich nicht zu früh verscherzen.

Klar ist nach dem Abend: Es hat derzeit noch gar keinen Sinn, sich mit konkreten Einzelprojekten für 2025 im Kulturhauptstadt-Büro zu bewerben. Erstens, weil das Büro völlig unterbesetzt ist, weshalb jetzt drei neue Stellen geschaffen werden sollen. Zweitens, weil trotz mehrerer Vorbereitungstreffen noch gar keine ernsthafte inhaltliche Idee entstanden ist, was die Botschaft Hannovers an Europa sein könnte – falls die Stadt den Zuschlag bekommt. Die bisher diskutierten Bewerbungstitel „Hannover hat Nichts“ und „Nachbarschaften“ sind in ihrer Unspezifik vielleicht bester Ausdruck dieser Einfallslosigkeit. Da war es wohltuend, dass dem Autoren Hartmut El Kurdi auf dem Podium eine richtungsweisendes Statement gelang. 

Von einer Kulturhauptstadt Hannover müsse ein Signal ausgehen, wie es gelingen könne, Kinder und Jugendliche an Kultur heranzuführen, forderte El Kurdi. „Große Teile der Bevölkerung sind von Kultur abgeschnitten“, sagte er und prangerte an, dass Begriff der Kulturferne ganzer Stadtteilbewohnergruppen „inzwischen als normal akzeptiert“ werde. „Teile der Bevölkerung drohen uns wegzudriften, und darauf müssen wir mit Kultur reagieren: Wie kommen wir an Schulen ran, wie kommen wir an Kinder ran?“

Das gab großen Applaus. Und Kulturmanagerin Botzki bestätigte: Kinder und Jugendliche spielten für die Jury eine große Rolle, das habe man beim Studium der jüngsten Jury-Protokolle herausgefunden. Zweites wichtiges Thema sei, dass das Konzept der Bewerberstadt eine europäische Dimension haben müsse – aber das versteht sich ja fast von selbst. 

Der andere wichtige Beitrag ergab sich aus einer Frage des Moderators Jans Sedelies an den Präsidenten der Architektenkammer, Robert Marlow. Weil am Abend immer wieder Vergleiche zur Expo gezogen wurden und wie diese geholfen habe, die Stimmung und das Selbstverständnis in Hannover zu verbessern, fragte Sedelies, was denn anders werden müsse als bei der Expo. Spontan antwortete Marlow: Die Abgeschlossenheit der Weltausstellung sei ein Manko gewesen; dass man sich Tickets habe kaufen müssen, habe den Zugang erschwert. „Ich stelle mir die Kulturhauptstadt Hannover eher vor wie eine Fete de la Musique“, sagte er. Das wurde ein vielzitierter Spruch an dem Abend. 

Ansonsten war auch viel erwartbar. Der Landessportbund würde sich gern mit Projekten einbringen, weil Sport ja auch Kultur sei; das Hammermuseum aus Linden und das Exposeum vom Kronsberg würden gern von der Kulturhauptstadt profitieren, Iyabo Kaczmarek betont, wie wichtig die Freie Kulturszene für solche Projekte sei, „aber wir brauchen auch Geld“, der DGB würde die Kulturhauptstadtbewerbung gern als Vehikel für die Diskussion über einen anderen Bildungsbegriff nutzen. Freundeskreis-Chef Matthias Görn sagt: „Nicht jede Idee ist es wert, umgesetzt zu werden, aber jede Idee muss angehört werden.“ Dezernet Härke wird deutlicher: „Wir können sicherlich nicht das gesamte Bildungswesen diskutieren bei der Kulturhauptstadt“, und: „Es wird eine Konkurrenz der Projekte geben.“ Im Moment aber sei es zu früh für konkrete Festlegungen, bremsen er und Botzki immer wieder. Görn drängt trotzdem: „Viel Zeit haben wir ja nicht mehr“, es müsse jetzt „endlich mal losgehen“. 

Ganz vereinzelt kommt dann doch noch Kritik. Sabine Bußmann vom Musikzentrum bemängelt, dass die „Strukturen derzeit relativ undurchschaubar“ seien, man wisse nicht, wer Ansprechpartner sei. Kulturaktivistin Gil Koebberling ergänzt: Zumindest wäre es gut, wenn man auf Anregungen wenigstens eine Eingangsbestätigung erhalte. Kunlturmanagerin Iyabo Kaczmarek bemängelt, dass von dem mehrtägigen Auftaktprojekt an der Lavesstraße keinerlei Ergebnisse kommuniziert wurden: „Wenn da 400 Leute Ideen eingebracht haben, hätte ich doch gern gewusst, was dabei rausgekommen ist.“ Und Gerd Dallmann von der Landesarbeitsgemeinschaft Soziokultur fragt, ob denn das Umland im Sinne eines Regionsgedankens auch eine Rolle spiele. Ja, vertröstet Härke, das werde sicherlich so sein, aber bewerben dürfe sich zunächst mal nur eine einzelne Stadt – alles weitere werde man später sehen. 

Die Vertreter der sogenannten Hochkultur, also von Opernhaus bis Kestnergesellschaft, hielten sich an dem Abend zurück. Bei denen aber, die das Forum nutzten, zeichnet sich eine Hoffnung für das Projekt 2025 ab: Dass Hannover durch die Veranstaltung noch lebendiger wird, dass neue, vielfältige Projekte schon in der Vorbereitungsphase entstehen und der Geist der Kulturhauptstadt über das Jahr 2025 hinausstrahlt. Die Aufbruchstimmung jedenfalls ist da. Wie sagte Architekt Marlow am Ende? „Ich hoffe, dass man 2030 sagen wird: Das Projekt ist nicht 2025 losgegangen, sondern 2018.“

Hier lesen Sie ab 19.30 Uhr den Liveticker zur Diskussion

Von red

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