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Wie gehen wir mit Flüchtlingen um?

HAZ-Forum im Anzeiger-Hochhaus Wie gehen wir mit Flüchtlingen um?

Mit welchen Problemen hatten Hilfsinitiativen für Flüchtlinge im vergangenen Jahr zu kämpfen, welche Erfolge konnten sie erzielen? Das HAZ-Forum im Anzeiger-Hochhaus ging diesen Fragen nach. Hier gibt es die Diskussion im Ticker zum Nachlesen.

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Die Diskussion beim HAZ-Forum zum Thema Flüchtlinge ist lebhaft.

Quelle: von Ditfurth

Hannover. "Ich bin die Stimme der Flüchtlinge – und es ist wichtig, dass wir Flüchtlinge in der Flüchtlingskrise auch eine Stimme haben“. Es ist plötzlich ganz still an diesem Abend im HAZ-Forum im Anzeiger-Hochhaus, als der syrische Flüchtling Fahad Al Hutaimi sich zum ersten Mal zu Wort meldet. Kein Wunder, schließlich haben zuvor ausschließlich andere über Flüchtlinge geredet: Vertreter von Hilfsorganisationen, Initiativen, Politik, Wirtschaftsverbänden. Von Ordnung war vorher die Rede gewesen, von Pflichtbewusstsein, Pünktlichkeit – und davon, dass Flüchtlinge, denen der Krieg in den Knochen steckt, sich mit diesen deutschen Tugenden manchmal schwer tun. Fahad Al Hutaimi allerdings widerspricht.

Er komme immer pünktlich, er sei sehr pflichtbewusst wie viele andere Flüchtlinge auch, sagt er, aber es verstreiche oft so viel Zeit, ehe ihm auf den Ämtern geholfen werde. „Also ist in Wahrheit das Jobcenter unpünktlich?“, fragt HAZ-Lokalchef Felix Harbart, der den Abend im Anzeiger-Hochhaus moderiert. Das Publikum lacht.

Rund ein Jahr, nachdem Bundeskanzlerin Angela Merkel Ende August vergangenen Jahres mit „Wir schaffen das“ jenen Satz sagte, der wohl wie wenige mit ihrer Kanzlerschaft verbunden bleiben wird, hat die HAZ zum Thema „Ein Jahr Flüchtlingskrise“ geladen. Themen gibt es genug: Wie hat ein Jahr Willkommenskultur die Stadt und Umland geprägt? Mit welchen Problemen hatten Hilfsorganisationen und Hilfsinitiativen zu kämpfen? Wie hat die Verwaltung, wie die Wirtschaft reagiert? Kurz: Wie war das Jahr – und wie geht es weiter?

Die Behörden kommen nicht nach

Auf dem Podium versammelt sind Praktiker – Menschen, die mit dem Flüchtlingszustrom konkret vor Ort fertig werden mussten. Cora Hermenau etwa, Regionsdezernentin für öffentliche Gesundheit und Sicherheit, erzählt von jenem schönen Sonntagmorgen im September, dessen Beschaulichkeit jäh durch die Nachricht zerstört wurde, dass ein Zug voller Flüchtlinge in Lehrte erwartet werde. Man habe sofort einen Krisenstab gebildet, der dem des Katastrophenschutzes vergleichbar gewesen sei, sagt sie: Ab Oktober habe man zeitweise täglich einen Zug mit 800 Flüchtlingen empfangen: „Irgendwann lief‘s.“

Hermenau zeichnet aber auch ein Bild von der Belastung, die ihre Mitarbeiter schultern mussten. Auf den Fluren in der Ausländerbehörde war es zwischenzeitlich Tag für Tag so voll, dass es kein Durchkommen mehr gab. Hermenau macht an einer einzigen Zahl deutlich, wie groß die behördliche Überforderung auch bundesweit ist. Über mehr als eine Million Flüchtlingsanträge habe das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 2016 entscheiden wollen. Jetzt würden es – trotz deutlicher Personalaufstockung „nur“ höchstens 700 000.

Mittendrin in der sogenannten Flüchtlingskrise ist auch Dirk Ewert vom Mandela-Team Lehrte. Das Team ist eigentlich eine Fußballmannschaft, aber es ist längst viel mehr. Er werde ständig angerufen und um Hilfe gebeten, sagt Ewert: Wohnungssuche, Übersetzungshilfe, manchmal gehe es schlicht darum, einen Umzug zu organisieren. Die Flüchtlinge würden im Alltag viel zu häufig allein gelassen, dabei bräuchten sie professionelle Unterstützung. Nicht nur Flüchtlinge, so lautet ein Fazit des Abends, haben zu kämpfen. Auch Behörden kommen mit ihrer Arbeit nicht nach.

Das Engagement hält an

Mareike Wulf von den Unternehmerverbänden Niedersachsen würde gerne viel mehr Flüchtlinge in Arbeit bringen. 85 Prozent der Firmen ihres Verbandes seien bereit, einen Flüchtling einzustellen, sagt sie. In der Praxis aber seien Probleme mit Paragrafen oft einfach zu groß. Auch Ehrenamtliche unter den Zuschauern beklagen an diesem Abend immer wieder die Langsamkeit der Behörden. Ein 19-Jähriger, der allein, ohne seine Familie nach Deutschland gekommen sei, jobbe seit sechs Monaten, erzählt eine Zuhörerin. Dabei warte er eigentlich auf ein Berufspraktikum. Andererseits, fragen andere: Ist es ein Wunder, dass unsere Behörden mit dieser Extremsituation überfordert sind?

Unter den Zuhörern sind an diesem Abend viele, die haupt- oder ehrenamtlich helfen. Ein Mann beschreibt, wie er jungen Flüchtlingen Eishockey- oder Fußballtraining gibt – und sie „hart rannimmt“, wie er sagt. Eine junge Frau, die zwei Syrer zum HAZ-Forum begleitet, entgegnet, eine harte Hand sei vielleicht die falsche Methode bei traumatisierten jungen Menschen. Auf dem Podium strahlt Renée Bergmann vom Unterstützerkreis Flüchtlingsunterkünfte großen Optimismus aus: Auch nach einem Jahr sei die Hilfsbereitschaft ihrer Ehrenamtlichen ungebrochen, ihre Zahl konstant. Auf die Frage, wie die Situation in einem Jahr sein wird, sagt sie: „Dann hat hoffentlich jeder Flüchtling seinen Paten.

Wir haben schon viel geschafft

Bei allen Schwierigkeiten klingt bei vielen Wortmeldungen Stolz darüber durch, wie gut die Strukturen in der Region gehalten haben. In der heißen Phase ab Oktober 2015 habe man Woche für Woche eine neue Flüchtlingsunterkunft eröffnet, berichtet Thorsten Rademaker vom DRK der Region Hannover: „Es ist erstaunlich, wie gut es läuft, wenn man einmal alles organisiert hat.“ Er geht davon aus, dass sich die reine Unterbringungssituation weiter entspannen wird.
Und dann, es hat gut anderthalb Stunden gedauert, fällt es doch noch, das Merkel-Wort: „Ich finde schon, wir haben das geschafft“, sagt Renée Bergmann. „Und wir schaffen das weiter.“     

So lief die Diskussion - der Live-Ticker zum Nachlesen

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