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Aha-Chef: Hannoveraner produzieren zu viel Müll

HAZ-Interview mit Thomas Schwarz Aha-Chef: Hannoveraner produzieren zu viel Müll

Der neue Chef Thomas Schwarz des Abfallwirtschaftsbetriebs Aha redet im HAZ-Interview Klartext. Der Sack könnte zum Auslaufmodell werden, die O-Tonne sei nur ein „strategischer Platzhalter“. Insgesamt verursachten die Hannoveraner zu viel Restmüll.

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Thomas Schwarz ist seit April dieses Jahres Geschäftsführer des Abfallwirtschaftsbetriebs Aha.

Quelle: Kutter

Herr Schwarz, die Regionsversammlung hat jetzt eine rot-schwarze Mehrheit. Für Sie heißt das: Im Streit um Sack oder Tonne beim Restmüll ändert sich gar nichts. Ist das nicht ungeheuer frustrierend?
Es ist, wie es ist. Und dann wird man mal sehen, wie sich das Thema entwickelt. Bisher liegt die Quote an Säcken im Umland, wo die Leute auswählen können, zwischen 40 und 55 Prozent, Tendenz fallend.

Aber Sie wären doch das Theater um das Nebeneinander zweier Systeme sicher gern schneller los.
Es gibt bei der Beibehaltung des Sacks für uns zwei Probleme. Erstens: Dieses Nebeneinander von zwei Systemen ist extrem unwirtschaftlich – und das wirkt sich am Ende auf die Abfallgebühren aus. Zweitens: Der Altersdurchschnitt unserer Mitarbeiter liegt bei 53 Jahren. Es ist unsere Aufgabe, die Arbeit so zu gestalten, dass sie zu bewältigen ist. Für ältere Mitarbeiter ist die Sackabfuhr auf Dauer nicht leistbar. Noch schlimmer ist es beim Papier. Der Papiersack kostet enorm viel Geld, weil die Arbeitswege wesentlich aufwendiger sind.

Was kostet es, dass sich die Region zwei Systeme leistet?
Insgesamt rund 1,5 Millionen Euro. Dazu kommt noch, dass der gelbe Wertstoffsack enorm viel für andere Zwecke genutzt wird, weil er kostenlos ist. Da gilt: Drei Säcke gibt man raus, nur einer kommt zurück.

Das kann aber auch daran liegen, dass er so schnell reißt.
Klar, die Produktion dieser Säcke ist ein Massengeschäft, und auch da müssen wir Qualitätssicherung betreiben. Aber das ist hier nicht das Problem. Die Leute machen eben auch gerne viele andere Dinge damit.

Gibt es einen Zielkonflikt zwischen politischen Entscheidungen der Regionsversammlung und den Bedürfnissen des Unternehmens? Oder anders: Kann man ein kommunales Abfallunternehmen überhaupt wirtschaftlich führen?
Ich finde, das ist gerade die Stärke eines kommunalen Unternehmens: dass es keine Rosinenpickerei gibt. Wir sammeln die Wertstoffe ein, egal, ob damit zurzeit auf den Weltmärkten kaum Einnahmen zu erzielen sind. Ein privates Unternehmen zieht sich dann vielleicht zurück, für die Verlässlichkeit bei der Abfallentsorgung ist das gefährlich. Wenn Politik funktioniert, wenn es eine vernünftige Abwägung zwischen Kosten und Nutzen gibt, ist das ein gutes System. Ob dann jeder Politiker immer so rational handelt? Nun gut. Anders herum: Wer es besser machen will, soll sich aufstellen lassen.

Zur Person

Thomas Schwarz ist seit April dieses Jahres Geschäftsführer des Abfallwirtschaftsbetriebs Aha. Der 56-jährige Vater von fünf Kindern lebt in Neustadt. Vor seinem Wechsel zu Aha arbeitete der ehemalige Bundeswehroffizier als Dezernent beim Landkreis Nienburg, dort war er unter anderem auch für den Müll zuständig. 2011 kandidierte das CDU-Mitglied im Nachbarkreis Nienburg für den Posten des Landrats, er verlor die Wahl. Zwischen 1993 und 2000 arbeitete Schwarz als kaufmännischer Leiter bei der Stadtentwässerung Hannover, anschließend in gleicher Funktion bei der Stadtentwässerung München.

Jetzt hat die Region den Streit über Sack oder Tonne über ein Bürgergutachten lösen wollen, über Mitsprache engagierter, normaler Menschen. Die haben überraschenderweise vorgeschlagen, den Sack abzuschaffen. Was ist daraus eigentlich geworden?
Es ist von den politischen Gremien behandelt worden.

Was heißt behandelt?
Die zuständigen Gremien haben es zur Kenntnis genommen.

Wie lange also wird es die Sackabfuhr noch geben?
Das kommt auf die Entwicklung an. Möglicherweise entsteht ja auch aufgrund der zweiwöchentlichen Abfuhr bei vielen Menschen auch eine Präferenz für die Tonne. Die Abfuhr alle zwei Wochen wiederum ist für uns schlicht aus wirtschaftlichen Gründen das System der Wahl, weil sich so einfach mehr pro Tour abfahren lässt (s. Text unten, d. Red.). Und wenn die Müllabfuhr nur alle zwei Wochen kommt, ist die Tonne möglicherweise komfortabler.

Was wird denn aus dem Mindestvolumen, das die Leute bezahlen müssen? Soll das gesenkt werden?
Es soll überprüft werden. Man braucht allerdings ein Mindestvolumen, dessen Teilungswert zu den Behältern passt.

Viele Kunden aber lehnen die Tonne ab, weil sie nur für den Müll bezahlen wollen, den sie tatsächlich machen. Kann man die beiden Systeme nicht miteinander verbinden – etwa dadurch, dass der Müll in der Tonne gewogen wird?
Ich halte Wiegen für eine Scheingenauigkeit. Nehmen Sie meinen Mülleimer: Darin sind im Wesentlichen Katzenstreu, Kaminasche und dann vielleicht noch die Knochen vom Gänsebraten. Das ist schwer – das sagt aber noch nichts darüber, wie schwierig das Material zu verarbeiten ist. Man müsste also genau bewerten, was in der Tonne ist – das aber ist deutlich zu aufwendig. Also wird über ein Solidarsystem ein Durchschnittswert hergestellt. Außerdem: Jeder sagt, er selbst mache kaum Müll. Die Wirklichkeit aber sagt etwas anderes. Das sieht man schon an all dem Müll, der in der Gegend herumliegt.

Wie liegen die Hannoveraner denn bei der Müllmenge?
Was mir wehtut, ist der hohe Anteil an Restmüll. Der liegt in der Region Hannover bei 180 Liter pro Kopf und Jahr. In Schaumburg sind es 80. In Hamburg allerdings ist es noch mehr als bei uns.

Kann es angesichts steigender Kosten und Gebühren sein, dass die Wertstoffhöfe von Aha bald nicht mehr kostenlos sind?
Das ist bisher nicht vorgesehen. Die Gefahr ist doch, dass der Müll dann stattdessen in die Landschaft gekippt wird – Bauschutt beispielsweise.

Was ist mit Sperrmüll?
Das ist ein ständiges Dilemma. Bisher sind fünf Kubikmeter pro Abholung kostenlos.

Und das soll so bleiben?
So ist die Beschlusslage.

Was meinen Sie denn?
Wir machen nur Vorschläge.

Und welche?
Das sehen wir dann mal.

Im gelben Sack sammelt Aha für das Duale System Deutschland die Wertstoffe ein. Funktioniert die Verwertung, wie sie soll?
Klar ist: Wir müssen dazu kommen, dass wir viel mehr Kreislaufwirtschaft betreiben. Das aber schafft man nur mit Glaubwürdigkeit. Wenn die Leute den Eindruck haben, was sie in den gelben Sack werfen, kommt ohnehin in den Ofen, dann trennen sie auch nicht.

Welcher Anteil des Wertstoffs in den gelben Säcken geht denn in den Ofen?
Geschätzt etwa die Hälfte. Das liegt derzeit an den niedrigen Wertstoffpreisen bei gleichzeitig niedrigen Ölpreisen, die wiederum die Herstellung von Kunststoff billig machen.

Es gibt viele Leute, die sich sehr bemühen beim Mülltrennen. Verstehen Sie, wenn die sich veralbert vorkommen, wenn die Hälfte verbrannt wird?
Das kann ich verstehen, gleichzeitig ist es traurig. Unsere Wegwerfmentalität wird uns sonst irgendwann einholen.

Was wird aus der O-Tonne?
Die soll auf Sicht die Verpackungen aus dem gelben Sack aufnehmen, das ist der politische Auftrag. Die Frage ist, ob das für das Duale System wirtschaftlich ist. Zudem müssten wir uns im Umland mit Remondis verständigen, das dort die Säcke einsammelt.

Wozu ist die O-Tonne dann im Moment überhaupt da?
Im Moment konfektionieren wir damit Müll. Derzeit kommen Materialien mit besonders hohem Heizwert hinein, dadurch werden die Verbrennungskosten reduziert. ,

Da wandern also die mühsam gesammelten Textilien ins Feuer?
Nein, Textilien, Metall und größere Hartplastikteile werden aussortiert. Das passiert am Band, von Hand.

Aber im Kern ist die O-Tonne dafür da, dass es in Lahe besser brennt?
Man kann darüber sagen, was man will. Aber wir müssen einen bestimmten Heizwert erreichen, die Verbrennung muss wirtschaftlich sein.

Ist die O-Tonne ein Klotz am Bein, den Sie von Ihrer Vorgängerin geerbt haben?
Sie ist ein strategischer Platzhalter.

Ein Platzhalter ist sie vor allem bei vielen Leuten in der Garage.
Das sicher auch, ja.

Herr Schwarz, in Wettbergen ergab sich Protest, weil die Leute ihre Tonnen rund 300 Meter zur nächsten Ecke schieben sollten. Grund: In der engen Straße können die Müllautos nicht rangieren. Sie schaffen nun neue, kleinere Autos an, obwohl Sie das rechtlich nicht müssten. Warum?
Es ist richtig, dass wir das nicht müssten. Aber es würde auch an der Lebenswirklichkeit vorbeigehen, wenn wir es nicht tun würden, wenn man die Leute zwänge, ihre Tonnen Hunderte Meter durch die Gegend zu schieben. Auch diese Maßnahme kostet natürlich Geld, auch darüber muss die Allgemeinheit abstimmen. Ich finde aber, wir als kommunaler Entsorger können da nicht auf billig machen.

Das verursacht aber eben Kosten, die auf die Müllgebühr aufgeschlagen werden.

Klar. Und: Es gibt tatsächlich Menschen, die in einzelnen, abgelegenen Häusern weit abseits der Straße wohnen – vor allem auf dem Dorf. Da muss man auch überlegen, ob die nicht im Einzelfall ihre Tonnen zur nächsten Straße schieben müssen, anstatt dass jedes Mal ein Vierundzwanzigtonner bei ihnen vorfährt.

Interview: Mathias Klein, Hendrik Brandt und Felix Harbart

Kleines Müll-Abc

Sack und Tonne: Im Umland wurde der Müll bis vor wenigen Jahren ausschließlich in Säcke gepackt. Jetzt führt Aha in den einzelnen Kommunen nach und nach die Tonnen ein. Weil es aber viele Menschen gibt, die den Sack sehr lieb gewonnen haben, gibt es keinen Zwang zur Tonnenabfuhr. Wer will, kann weiter die Säcke nutzen.

Mindestmüllmenge: Die festgesetzte Mindestmüllmenge in der Region liegt bei 10 Litern pro Person und Woche. Das ist vielen Bürgern zu viel. Vor allem von Bewohnern von Einfamilien- und Reihenhäusern heißt es, fünf Liter seien ausreichend.

O-Tonne: Die O-Tonne wurde in einigen Gebieten im Umland der Stadt Hannover verteilt. Derzeit werden dort vor allem Bekleidung und Altmetall gesammelt. Wegen stark gesunkener Preise für Wertstoffe macht die O-Tonne derzeit Verluste von rund 1,5 Millionen Euro pro Jahr.

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