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„Architektur muss nicht jedem gefallen“

Die Elite der Planer „Architektur muss nicht jedem gefallen“

Die Elite der Planer trifft sich an diesem Wochenende zum Deutschen Architektentag in Hannover. Wie steht es um die Baukunst? Warum sehen viele Neubauten einander so ähnlich? Und wo kommen schnell neue Wohnungen her? 
Fragen an Wolfgang Schneider, den Präsidenten der Architektenkammer Niedersachsen.

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 mehr sozialen
 Wohnungsbau“

Quelle: Michael Thomas

Hannover. Herr Schneider, 400 Architekten treffen sich am Wochenende im Neubau des Sprengel-Museums. Der dunkle „Sarkophag am See“ war anfangs stark umstritten in der Bevölkerung. Ist es ein Bekenntnis der Planer zu dieser Architektur?
Der Deutsche Architektentag wird nur alle vier Jahre ausgerichtet. Wenn man sich mit einer Stadt dafür bewirbt, dann muss man architektonisch schon auch etwas vorzuweisen haben. Und das hat Hannover. Der Architektentag selbst findet am Montag im Schloss Herrenhausen statt, der Auftakt am Sonntagabend im Museumsanbau am Maschsee, zuvor tagt die Bundeskammerversammlung im Alten Rathaus, und es gibt eine spannende Ausstellung in der Architekturfakultät der Universität, deren Gebäude aus den Siebzigerjahren stammt. Die Besucher sehen also die gesamte Bandbreite. Und von dem Museumsbau bin ich selbst tatsächlich begeistert – der Calder-Saal mit der umlaufenden Spirale ist großartig.

Zum Tagungsort im rekonstruierten Schloss dagegen könnte es mehr Vorbehalte in der Architektenschaft geben. Viele Architekten schätzen ja keine Kopien.
Der Schlossbau in Herrenhausen, übrigens wie auch der Museumsanbau das Ergebnis eines Architektenwettbewerbs, lebt von der Spannung einer rekonstruierten klassizistischen Fassade und eines hochmodernen Tagungszentrums im Inneren. Damit bietet er für Architekten interessante Möglichkeiten zu Diskussionen. Und genau das ist es doch, was das Treffen eines Berufsstands aus Architekten, Innen- und Landschaftsarchitekten sowie Stadtplanern ausmacht: spannende, gerne auch kontroverse Diskussionen. Und darüber hinaus zeigt Herrenhausen mit den barocken Gärten natürlich eine großartige Kulisse und mit Galerie, Orangerie und Arne-Jacobsen-Foyer zudem bedeutende Architektur.

Kommen wir von dieser herausragenden Architektur mal zu aktuellen Innenstadtbauwerken. Manch einem wird das alles zu einförmig. Architekt Kleihues hat am Kröpcke-Center angefangen mit Sandsteinfassaden und Schießschartenfenstern, sich dann selbst kopiert am Deutsche-Hypo-Haus in der Osterstraße, jetzt hat BKSP mit dem Deloitte-Bau am Aegi weitergemacht, und auch die beiden geplanten Neubauten auf dem Marstall sehen ähnlich aus. Fällt Architekten eigentlich nichts Neues mehr ein?
Ich sehe zwischen diesen sehr qualitätsvollen Bauwerken durchaus eine Differenzierung.

Die Differenzierung, sagen wir bei der Nord/LB, Gehry-Tower, Torhaus am Aegi und dem Medienzentrum von Mendini erscheint uns aber größer.
Architektur bezieht ihre Stärke aus der Antwort der Architekten auf den jeweiligen Ort und auf die Funktion des Gebäudes in der Stadt. Jedes dieser von Ihnen genannten Bauwerke ist wichtig, aber ich bin froh, dass unsere Stadt nicht mit Gehry-Towern vollgestellt ist. Der mag ein Hingucker am Steintor sein, ein architektonisches Statement, aber er taugt sicherlich nicht als Vorbild für eine Bebauung an jedem Standort. Auch die gläserne Nord/LB ist sichtbar ein Solitär seiner Zeit – unter Bedingungen heutiger Energiediskussionen würde man sie wohl anders bauen. Und so darf man auch bei den von Ihnen erwähnten Sandsteinarchitekturen in der Innenstadt gerne ablesen, dass sie Ausdruck einer Zeit sind. Trotzdem wird ja sehr differenziert gebaut. Hannover hat inzwischen die Klinkerarchitektur wiederentdeckt. Im Pelikan-Viertel entstehen mit dem Projekt „Vier“ sehr unterschiedliche, ausdrucksstarke Gebäude. Und an anderen Stellen, etwa am Herrenhäuser Markt, haben Sie die weiße Putzarchitektur. Ich finde: Man kann wirklich nicht sagen, dass in Hannover einförmig gebaut wird.

Dann erklären Sie doch mal: Was macht gute Architektur heute aus?
Darüber kann man Bücher schreiben – ich versuche es in Kurzform: ortsprägend, nachhaltig, gestalterisch auf hohem Niveau, funktional, energieeffizient. Und gern darf man sich auch am Ergebnis reiben – Architektur muss nicht immer jedem gefallen. Was gab das für eine hitzige Debatte um die Fassade des Sprengel-Anbaus – aber sie ist verstummt. Ihre Leser haben das Schlagwort „Brikett am See“ geprägt – das Museum hat dies in eine Werbekampagne umgemünzt. Da sehen Sie, was Architektur leistet.

Jetzt erleben wir zeitgleich eine Re-Urbanisierung – die Leute ziehen wieder vermehrt vom Umland in die Städte – und einen Zustrom von Menschen aus Krisengebieten. Gleichzeitig ist Bauen so teuer geworden, dass sich nur eine gehobene Schicht Wohnungen in Neubauten leisten kann. Welche Antworten geben Architekten darauf?
Es sind tatsächlich dramatische Herausforderungen. Zwei Aspekte sollten unterschieden werden. Bei den Flüchtlingsbauten muss unser Fokus jetzt auf unbürokratischen, kostengünstigen Bauprojekten liegen. Eine Abschwächung einiger Bauvorschriften sollte möglich sein, beispielsweise lässt sich die Anzahl der auszuweisenden Pkw-Stellplätze reduzieren. Getrennt davon brauchen wir eine Renaissance des sozialen Wohnungsbaus.

Die Niederländer experimentieren zum Beispiel mit Studentenunterkünften in gestapelten, aber gestalteten Stahlcontainern – aber ohne das Stigma einer Billiglösung, sondern sehr innovativ und modern. Könnte so etwas eine Idee zur Lösung unserer Wohnraumprobleme sein?
Nein. Wir bauen für Menschen. Wir wollen sie nicht dauerhaft in Containern unterbringen.

Sondern?
Unser Berufsstand steht dafür, kreative Lösungen zu finden. Wir haben auf dem Deutschen Architektentag ein Extra-Forum zu der Flüchtlingsfrage eingerichtet.

In den Großstädten wird jetzt auch viel über Verdichtung gesprochen – in Hannover etwa sollen auf dem Gelände der Wasserstadt statt ursprünglich 600 jetzt bis zu 1800 Wohnungen entstehen. Kommen wir wieder zu gettoartigen Bauweisen wie in den Siebzigern zurück – Stichwort das abgerissene Hochhaus Klingenthal in Vahrenheide?
Diese Gefahr muss ausgeschlossen werden. Weg von ökologisch fragwürdigem Flächenfraß durch Einzelbauten und hin zu stadträumlichen Quartieren mit einer angemessenen Nutzungsvielfalt und angemessener Höhenentwicklung. Deshalb bin ich ausdrücklich für eine Verdichtung auch in Limmer. Übrigens ist diese auch Voraussetzung dafür, dass Infrastruktur Sinn macht – vom Supermarkt über den Bau von Kitas und Schulen bis zum gewünschten Stadtbahnanschluss. Das können Sie nicht für ein paar Hundert Wohnungen leisten.

Also: Besteht nun Gettogefahr?
Architekten entwickeln Konzepte dafür, dass die Verdichtung qualitätsvoll geschieht – sehen Sie sich beispielsweise die Planungen für den Köbelinger Markt an. Chapeau an die Planer, das sind wirklich keine Gettos. Unabhängig davon, dass qualitätsvoll und verdichtet gebaut werden muss, brauchen wir tatsächlich dringend mehr sozialen Wohnungsbau, und den nicht geballt an einzelnen Orten, sondern gemischt in der Stadt.

Wird der Architektentag für all diese Fragen Lösungen anbieten?
Lassen Sie sich überraschen. Es ist eine „Hannoversche Erklärung“ in Vorbereitung, die zu zahlreichen Themen Stellung bezieht und in der sich die Architektenschaft klar positioniert. Der Deutsche Architektentag steht unter dem Motto „Zukunft planen“. Dafür sind Architekten prädestiniert.

Interview: Daniel Alexander Schacht 
 und Conrad von Meding

Zur Person: Wolfgang Schneider

Wolfgang Schneider (67) ist seit 2003 Präsident der Architektenkammer Niedersachsen. Zuvor war er von 1999 bis 2003 Landesvorsitzender des Bundes Deutscher Architekten (BDA). Im Hauptberuf ist er freischaffender Architekt und Stadtplaner, aus seinem Büro ASP stammen unter anderem die VGH-Neubauten im Warmbüchenviertel, das umgebaute Nord/LB-Gebäude am Georgsplatz und die Messehalle 14. Er ist Vorstandsmitglied der Bundesarchitektenkammer, des Instituts für Bauforschung IFB sowie Vorstandsvorsitzender der Lavesstiftung.

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