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Aus der Stadt Herr Junker und ich: Wiedersehen mit einem Lehrer
Hannover Aus der Stadt Herr Junker und ich: Wiedersehen mit einem Lehrer
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00:15 08.09.2015
Zurück in der Kulisse seiner Jugend: HAZ-Redakteur Simon Benne (links) trifft auf dem Hof der St.-Ursula-Schule seinen früheren Lehrer Norbert Junker. Quelle: Surrey
Hannover

Das Treppengeländer hängt viel tiefer als damals. Und der Flur zum Lehrerzimmer war früher irgendwie länger. Alles hier scheint kleiner geworden zu sein. Nur die Türen zu den Klassenzimmern sehen noch immer so aus, als würden gleich wir hinausstürmen, raus auf den Schulhof. Dabei sitzen wir ja längst in irgendwelchen Büros, Kanzleien oder Redaktionen. Wenn man nach 25 Jahren in die Kulissen seiner Jugend zurückkehrt, braucht man oft einen Moment, bis man merkt, dass nicht die Umgebung, sondern dass man selbst sich verändert hat.

Mit seinem rheinischen Lachen begrüßt er mich am Direktorenzimmer, als wäre ich nur kurz in der großen Pause gewesen:
„Guten Tag, Simon!“
„Guten Tag, Herr Junker!“
„Setz dich!“
Er duzt mich, ich sieze ihn. Das hat seine Ordnung; alles andere käme mir affektiert vor.
„Abi ‘90“, sage ich.
„Ich weiß“, sagt er: „Eure 9c war meine erste Klasse hier.“

„Ich probte den Aufstand, und er war eigentlich ein bisschen zu konservativ“: HAZ-Redakteur Simon Benne (links) Ende der Achtzigerjahre bei einer Klassenfahrt in Florenz. Quelle: privat

Vom "Schimmelreiter" und Goethes Affären

Als er 1985 aus Mönchengladbach an die St.-Ursula-Schule nach Hannover kam, war er 29 Jahre alt. Inzwischen ist er Schulleiter, seine Haare sind grauer geworden, und Tausende Schüler haben hier ihr Abi gemacht. Ich bin mir sicher, dass Norbert Junker sich an jeden einzelnen erinnert. Als er damals kam, hatte ich lange Haare und probte den Aufstand. Ich war ein Pädagogen-Albtraum. Eine Mischung aus Rebell und Klassenkasper. Meine damaligen Lehrer haben heute mein aufrichtiges Mitgefühl.

Er war eigentlich ein bisschen zu konservativ für einen 29-Jährigen. Oft trug er im Unterricht Krawatte, was schon damals selten war. Aber was man tun oder lassen sollte, machte er eben nicht von Mode oder Mehrheitsmeinungen abhängig. Er wurde schnell mein Lieblingslehrer. Vielleicht, weil er uns ernst nahm und weil unsere Neugier in ihm einen Verbündeten fand.

Im Deutschunterricht machte er den „Schimmelreiter“ zu meinem literarischen Erweckungserlebnis. In Geschichte brachte er uns bei, dass wir wissen müssen, woher wir kommen, wenn wir wissen wollen, wer wir sind. Etwas verschämt berichtete er – das war er der Wahrheit schuldig – von Goethes Affären. Und in der Literatur-AG schrieb er an die Tafel: „Kunst entsteht aus Ungenügen an der Realität“. Für einen Sekundenbruchteil denke ich noch heute jedes Mal daran, wenn ich ein Buch aufschlage. Die Erkenntnis, dass ein Text der Eingang in eine Gegenwelt sein kann, in einen unendlichen Kosmos, habe ich von ihm. Danke dafür, Herr Junker!

Lehrer Norbert Junker bei einem Landheimaufenthalt in Eutin. Quelle: privat

"Pädagogik ist ein Gespräch"

„Die Literatur-AG mache ich immer noch“, sagt er und schenkt Kaffee ein. Im vergangenen Jahr hat er außerdem zwei Leistungskurse übernommen, neben seinem Job als Schulleiter: „Lehrer ist man nur, wenn man unterrichtet“, sagt er fast entschuldigend: „Ich genieße das.“ Aber leiden denn nicht viele Lehrer an ihrem Beruf? Unlust? Burn-out? Frühverrentung? Ernst schaut er über seine Brille: „Der Mangel an Resonanz ist schon ein Problem“, sagt er dann.

Ein Maurer sieht am Ende seines Arbeitstages die Mauer, die er gebaut hat. Beim Lehrer ist das anders. Er sät ständig und erntet nie. Wenn er einen Schwung halb fertiger Menschenkinder ins Leben entlassen hat, kommt auch schon der nächste Durchgang. Vielleicht wären weniger Lehrer ausgebrannt, wenn sie wüssten, was aus ihren Schülern wird. Und wenn sie wüssten, wie wichtig sie selbst sind.

Schon ein einzelner hingesagter Satz von ihnen – wie der vom „Ungenügen an der Realität“ – kann sich in Schülerhirnen festsetzen und ganze Weltbilder formen. Das ahnen Lehrer oft nicht, wenn sie vom Kopierer zur Konferenz hetzen: Sie sind es, die darüber entscheiden, was in den Köpfen der nächsten Generation steckt. Was wir denken. Was wir wissen. Was wir wissen wollen. Und ob wir uns etwas zutrauen.

„Als ich am Tag meiner Einschulung nach Hause kam, sagte ich: ,Mama, ich werde Lehrer!’“, sagt Herr Junker mit der Kaffeetasse in der Hand, „und davon bin ich nie abgegangen.“ Ich kenne die Anekdote, er hat sie auch schon 1985 erzählt. Auch nach 30 Jahren gerät er noch ins Schwärmen, wenn er vom Unterrichten spricht: „Da findet etwas Zwischenmenschliches statt“, sagt er: „Pädagogik ist ein Gespräch, und Bildung besteht darin, dass man mental gemeinsam unterwegs ist.“ Man spürt noch immer, dass Herr Junker sich den richtigen Job ausgesucht hat.

Gute Lehrer brauchen Mut, authentisch zu sein

Der Lehrerberuf schwebt ja permanent in der Gefahr, dass die Falschen ihn ergreifen; dass gute Rechner Mathelehrer werden und gute Lateiner verbeamtete Lateinlehrer. Man unterrichtet aber nicht Mathe oder Latein. Man unterrichtet Schüler. Dazu muss man Schüler mögen. „Ein guter Lehrer muss in seinem Fach aber trotzdem sattelfest sein“, sagt Herr Junker: „Sonst hat er den Kopf nicht frei für seine Schüler.“

Es gibt da das Missverständnis, dass Kumpeltypen die besten Lehrer sind. Damals gab es viele Latzhosenpädagogen, die alles ausdiskutieren wollten. Herr Junker ist kein Kumpeltyp. Nie gewesen. Er war aber auch nicht der letzte Preuße, der sich gerade durch Disziplin die Achtung seiner Schüler erwarb. Er war schon streng. Aber er zeigte uns damit: Es ist nicht egal, was ihr tut. So denkt jemand, der Schüler ernst nimmt.

„Verkumpelung ist den Schülern gegenüber genauso respektlos wie Kasernenhofton“, sagt er heute. Wahrscheinlich macht nicht ein bestimmter Typus den guten Lehrer aus. Sondern eine Persönlichkeit. Gute Lehrer brauchen den Mut, authentisch zu sein. Sie dürfen nicht versuchen, etwas zu sein, das sie nicht sind. „Wer eine Rolle spielt, wird nicht glücklich“, sagt Herr Junker.

Die größten Veränderungen sind nicht struktureller Art

Zwei Stunden lang sitzen wir jetzt in seinem Zimmer. Er sagt, dass der Beruf auch anstrengend sei: „Man steht ja ständig vor 30 Augenpaaren auf der Bühne.“ Und er sagt, dass sich seit meiner Zeit hier viel verändert habe: Abschaffung der Orientierungsstufe, Zentralabitur, Schulzeitverkürzung auf zwölf Jahre. „Aber die größten Veränderungen sind gar nicht struktureller Art.“

Eltern, sagt Herr Junker, widmeten ihren Kindern heute viel mehr Aufmerksamkeit als früher: „Wenn Fürsorge übergroß wird, können Kinder aber gar nicht mehr lernen, mit Niederlagen und Fehlern umzugehen.“ Er kann davon berichten, dass Familien immer häufiger zerbrechen und wie sehr Kinder darunter leiden. Und er kann von den Dramen berichten, die sich heute in den sozialen Netzwerken abspielen, wo Freundschaften öffentlich verhandelt werden: „Es ist nicht leichter geworden“, sagt er.

Wir plaudern noch ein bisschen. Über den Umbau der Schule und darüber, was aus Sophie oder Andi geworden ist. Dann muss ich los.
„Auf Wiedersehen, Herr Junker.“
„Auf Wiedersehen, Simon.“
Das Du ist geblieben, das Sie auch. Gut so. Natürlich weiß ich, dass auch ein Schulleiter so seine Sorgen hat. Herr Junker ist weder allmächtig noch allwissend. Mein Lieblingslehrer ist er trotzdem. Und ich hänge sehr an der Vorstellung, dass da in meiner alten Schule ein kluger Mann sitzt, der im Zweifel mehr Antworten kennt als ich. Mein Lehrer eben.

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