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Aus der Stadt So anstrengend ist ein Abend als Gespenst
Hannover Aus der Stadt So anstrengend ist ein Abend als Gespenst
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00:17 10.07.2016
HAZ-Volontär Nils Oehlschläger hat sich für einen Tag als Gespenst in der Geisterbahn versucht. Quelle: Von Ditfurth
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Hannover

Ein bisschen muffig riecht die Maske schon. Wer die wohl schon alles getragen hat? Egal, wir sind in der Geisterbahn und nicht im Krankenhaus, denke ich mir. Hier muss es nicht steril, sondern gruselig zugehen. Trotzdem geht mir ein Schauer über den Rücken. Passt ja irgendwie. Meine Aufgabe ist heute, Menschen zu erschrecken. Dafür haben sie schließlich bezahlt. Mein Aufzug dürfte dafür gut geeignet sein. Die giftgrüne Maske aus dem Fundus der „Geisterschlange“ – so heißt die Geisterbahn von Edgar Lehmann – ist mit roten Narben überzogen. Unheilvoll formen die furchigen Gesichtszüge eine finster dreinblickende Fratze. Gekrönt wird das ganze noch von einem beachtlichen Unterbiss. Wenn gleich ein Zahnarzt an mir vorbeifahren könnte – Albträume würde er kriegen! Aber darauf allein kann ich mich nicht verlassen. Also: Umhang um, Kapuze auf und ab auf die düstere Bahn.

Ich verstecke mich hinter einem metallenen Bauzaun, der mit einer blauen Plane bespannt ist. Rechts daneben steht noch eine flachere, rot-weiß gestreifte Straßenabsperrung. Ich höre einen Wagen auf den Schienen herannahen und verstecke mich in der Dunkelheit. Durch ein Loch im Sichtschutz kann ich erahnen, dass der Wagen kurz vor meiner Position ist. Plötzlich geht das Licht an. Das ist mein Zeichen. Ich schnelle hinter der Plane hervor – und schaue in die weit geöffneten Augen eines etwa fünfjährigen Mädchens.

Bis auf das Rattern des Wagens ist es still. Noch immer erhellt ein Strahler die Schienen und mein Versteck. Das Mädchen sitzt seelenruhig neben ihrer Mutter und schaut mich mit ihren großen Augen an, während ihr Gefährt knatternd weiter rollt. Sie sieht alles andere als erschrocken aus. Wenn doch nur das blöde Licht ausgehen würde. Dann könnte ich mich aus dieser peinlichen Situation befreien und zurück in die Finsternis flüchten. Zum Glück geschieht das kurz darauf. Ich verschwinde in meiner Ecke.

Verdammt, das war nichts. Beim nächsten Wagen muss mehr kommen. Aber es gibt gewisse Grenzen. Anfassen ist tabu, die Zone hinter der Absperrung verlassen ebenfalls, hatte Junior-Bahnbesitzer Edgar Lehmann erklärt. Eine weitere Anweisung: „Jedes Fahrzeug muss in der angewiesenen Art erschreckt werden“, heißt es im Arbeitsleitfaden der Geisterbahn. Einmal habe ich also schon versagt. Das muss besser werden.
Ich beschließe, mehr Radau zu machen. Monster müssen wohl lauter sein. Kann ich das überhaupt? Ich denke an die Fußballer aus Island. Wie sie von ihren Anhängern mit einem mächtigen „Huh!“ in der Heimat empfangen wurden, hatte Eindruck hinterlassen. Irgendwas in der Art brauche ich auch.

Schon rattert es wieder auf den Schienen. Der nächste Wagen kommt. Also schnell ins Versteck und auf den richtigen Moment lauern. Das Licht geht an. Ich springe auf und gebe mein gruseligstes Grollen von mir. Im Licht des Strahlers sehe ich eine junge Frau, die ihren Kopf unter den Armen des Mannes neben ihr versteckt hat. Dieser zuckt kurz zusammen und schaut mich an. Kurz darauf entspannen sich seine Gesichtszüge. Doch auch er blickt mir nach, bis nach wenigen Sekunden das Licht ausgeht und der Wagen um die Ecke biegt.

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HAZ-Volontär Nils Oehlschläger hat sich auf dem Schützenfest für einen Tag als Gespenst in der Geisterbahn versucht.

Das war schon besser. Aber meine Mit-Erschrecker sorgen für wesentlich mehr Horror. Insgesamt sind wir zu viert auf der Bahn verteilt, drei unten, einer oben. Einer steht nur wenige Meter vor mir und bringt eine Gruppe Kinder zum Kreischen. Das kann ich auch, denke ich. Als das Licht erneut angeht, schlage ich meine Handflächen mit voller Wucht gegen den Bauzaun und ziehe mich nach vorn. Das Metall scheppert. „Uaaaarrrhhh!“ Vier Mädchen kreischen mir aus dem Wagen entgegen. „Hör auf damit!“, ruft eines. Ups, war das jetzt zu viel? Zum Glück können sie mein verdutztes Gesicht hinter der Maske nicht sehen. Zwei lachen, atmen schnell und halten eine Hand auf ihren Brustkorb, während ihr Blick an mir haften bleibt. Eine guckt stur nach vorn, eine schaut erschrocken! Da haben wir es doch. Ich habe mich von fürchterlich zu furchterregend gemausert. So mache ich weiter.

Noch einige Wagen kommen an mir vorbei. Bei einer Familie ist der Vater derjenige, der am lautesten schreit. Manche Kinder schauen mich einfach nur stumm an, andere sagen Sätze wie „Ey, du bist voll gruselig – Nicht!“ Von zwei Frauen kommt ein kurzes „Huch!“, andere schrecken auf und lachen, als würden sie sich über den kurzen Horror freuen. Nach einiger Zeit tun mir die Hände und die Kehle weh. Als Erschrecker in der Geisterbahn hat man viel Spaß – es ist aber auch schrecklich anstrengend.

Von Nils Oehlschläger

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