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Aus der Stadt Aus dem Leben geworfen
Hannover Aus der Stadt Aus dem Leben geworfen
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12:09 23.11.2013
Von Thorsten Fuchs
"Ich wollte nie von jemandem abhängig sein": Sabine G. ist mit ihrer Tochter und den Katzen nach ihrer Erkrankung in eine kleinere Wohnung gezogen. Quelle: Surrey
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Hannover

Eine Grippe wahrscheinlich, dachte Sabine G., was sollte das sonst sein. Schwindel, Kopfschmerzen, Schwäche, so fing es an, und hatten nicht alle um sie herum gerade irgendeinen Infekt? Und noch als ihre linke Körperseite schon wie taub war und der Arzt etwas von Schlaganfall sagte, „da habe ich gedacht: Ach, red’ du nur“. Schließlich war Sabine G. gerade mal 48 und wollte nicht glauben, was mit ihr war.

Heute, ein Dreivierteljahr später, bewegt sie sich an Krücken durch ihre kleine Zweizimmerwohnung, in der sie mit ihrer Tochter lebt, eine große, schlanke Frau mit vorsichtigen Bewegungen. Sprechen, ihren Arm heben und beugen, alles das hat sie mühsam wieder gelernt. Das Bein jedoch gehorcht ihr noch nicht wieder. Was auch daran liegen mag, dass sie zwischendurch wochenlang die Krankengymnastik strich, weil sie das wenige Geld für Lebensmittel brauchte. „Ich würde am liebsten sofort den ganzen Tag wieder arbeiten“, sagt Sabine G. Sie hat sich noch nicht daran gewöhnt, dass das so vielleicht nicht wieder möglich sein wird.

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Ihre Geschichte handelt davon, wie man von einem Tag auf den anderen aus einem scheinbar abgesicherten Leben fällt – und wie zu den Ängsten um den eigenen Körper sehr schnell auch noch die Sorge um Geld kommen kann, um Wohnung, Kleidung und sogar das Essen.

Sabine G. hatte sich mit solchen Problemen nie zu sehr befassen müssen, auch wenn sie mit ihrem Kind von Anfang an allein war. Ihre Tochter war gerade sechs Wochen alt, da ging sie wieder zu ihrer Arbeit als Altenpflegerin zurück. Ihr Kind nahm sie mit. „Die Menschen haben sich gefreut, wenn sie sie gesehen haben“, sagt Sabine G. Sie selbst wiederum freute sich, weil sie auf diese Weise sicherstellen konnte, was ihr am wichtigsten war: „Ich wollte nie von irgendjemandem abhängig sein.“

Und wenn sie in den folgenden Jahren dann doch einige Monate nicht arbeitete, dann nur deshalb, weil ihre Tochter schwer erkrankte – an einem Hirntumor. Sabine G. nahm sich unbezahlten Urlaub. „Meine Chefs drohten, mir zu kündigen“, erzählt sie. Aber dieses eine Mal war ihr das egal.

Es blieb die einzige Phase, in der Sabine G. aussetzte. Später stockte sie die Arbeit sogar noch auf. Im Pflegeheim legte sie ihre Schichten in die Nacht, sodass sie zusätzlich als Tagesmutter Kinder betreuen konnte. Freizeit blieb ihr fast keine mehr. „Mein Sport, das waren die Kinder“, sagt sie lächelnd. Und auch wenn dies schon mehr als genug war, übernahm sie noch eine Aufgabe. Sie pflegte ihren Vater, als er an Krebs erkrankte. Sabine G.s Tage bestanden jahrelang vor allem darin, für andere Menschen da zu sein. Für Junge, für Alte, für Kranke. Dass sie selbst einmal Hilfe brauchen könnte, dieser Gedanke passte nicht in ihre Welt.

Der Schlaganfall, den sie im Februar erlitt, zwang sie plötzlich in jene Rolle, die sie stets um jeden Preis vermeiden wollte. „Vorher war ich immer die Powerfrau. Die, die alles schafft“, sagt Sabine G. „Und nun wusste ich auf einmal nicht mal mehr, ob ich jemals wieder auf die Beine komme.“

Dies zu verkraften, war das eine Problem. Das andere ist die finanzielle Not. Sabine G. und ihre Tochter leben vom Krankengeld. Doch weil die Zuschläge nicht angerechnet werden, ist dies weit geringer als ihr alter Lohn. Sie hat versucht, sich einzuschränken, wo sie nur konnte. Ist mit ihrer Tochter aus der großzügigen 96-Quadratmeter-Wohnung in eine bescheidene Zweizimmerwohnung gezogen. Hat die Abos der Zeitschriften gekündigt, die Tabletten gegen ihre Migräne gestrichen. Das Telefon hätte sie gern behalten. Die Telekom hat es abgestellt, als sie ihre Rechnungen nicht bezahlen konnte.

Es gab ja auch Dinge, an denen wollte sie auf keinen Fall sparen. Ihre Tochter macht eine Erzieherinnenausbildung. Sie braucht Schulgeld, Fahrkarten, Bücher. Und hätte sie ihre beiden Katzen nun fortschicken sollen, wo sie doch die längste Zeit des Tages allein war?
Also schränkte sie sich noch weiter ein. Verzichtete auf die Krankengymnastik, um Zuzahlungen und Fahrtkosten zu sparen. Oder sparte am Essen. Wenn ihre Tochter sie fragt, antwortet sie: „Ich bin schon satt.“ Was so nicht stimmt.

Wie es weitergeht? Sabine G. hofft. Darauf, dass irgendwann in ein paar Monaten wenigstens das Bafög für ihre Tochter bewilligt wird. Und darauf, dass sie bald vielleicht doch wieder besser laufen kann. In ihrem alten Beruf wird sie wohl nie wieder arbeiten können. Daran gewöhnt sie sich allmählich. Aber vielleicht kann sie ja eines Tages wieder als Tagesmutter anfangen. Es ist ihre große Hoffnung. „Einfach zu Hause zu sein und Hilfe anzunehmen“, sagt sie, „das kann ich mir einfach nicht vorstellen.“

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