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„Ich wollte einfach, dass endlich genug Geld da ist“

Dirk Roßmann erinnert sich „Ich wollte einfach, dass endlich genug Geld da ist“

Dirk Roßmann, Hannovers erfolgreichster Firmengründer der Nachkriegszeit, wird in der nächsten Woche 70 Jahre alt. Mit der HAZ ist er zu einem Spaziergang auf den Spuren seiner Jugend durch die List aufgebrochen – und erzählt dabei viel über sich und den Werdegang der Drogeriekette Rossmann.

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Vor seinem 70. Geburtstag ist Dirk Roßmann mit der HAZ auf den Spuren seiner Jugend durch die List marschiert.

Quelle: Tim Schaarschmidt

Hannover. Er will’s einfach wissen. Er hat es sich in den Kopf gesetzt, und dann macht er es auch. Dirk Roßmann steht vor seinem Geburtshaus an der Lister Rubensstraße 7 und kann sich partout nicht an den Grundriss der Wohnung erinnern. Waren es nun drei oder vier Zimmer, in denen er mit Vater, Mutter und Bruder seine frühe Kindheit verbracht hat? „Wissen Sie was?“, sagt er. „Wir gehen einfach mal rein und gucken.“ Er drückt den Klingelknopf der Wohnung im zweiten Stock. Niemand öffnet. Er klingelt eine Etage tiefer. Wieder Fehlanzeige. Schließlich das Erdgeschoss. Endlich.

Vor seinem 70. Geburtstag ist Dirk Roßmann  mit der HAZ zu einem Spaziergang auf den Spuren seiner Jugend aufgebrochen.

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Die Studentinnen, die öffnen, kommen kaum zum Luftholen. Ohne Punkt und Komma erklärt ihnen der kleine, graue Herr, dass er der Inhaber von Rossmann Drogeriemärkte sei und sich gerade gemeinsam mit den drei Männern hier im Gefolge auf die Suche nach seinen Wurzeln begebe. Während er noch redet, stehen alle schon im Flur der Wohnung. Sie hat drei Zimmer und einen Balkon, den der ungebetene Gast gern noch sehen möchte. Dass man dafür durchs Schlafzimmer muss, ficht ihn nicht an. „Ich gucke auch nicht - nur nach draußen.“

Natürlich lässt man ihn gewähren - auch wenig später, als der Unternehmer den Antikmöbel-Laden einen Kilometer weiter an der Podbielskistraße 61 inspiziert, der über Jahrzehnte die elterliche Drogerie beherbergte. Selbst ins mickrig kleine Warenlager führt er seine Begleiter. „Da ist es aber sehr chaotisch“, will die Ladeninhaberin bremsen. Vergeblich. Mit einer Mischung aus charmanter Wirbelwindigkeit und selektiver Wahrnehmung hat er seinen Willen bekommen. „Ich kann ein absoluter Dickkopf sein“, sagt er später. Personalmanager würden heute von „Durchsetzungsstärke“ sprechen. Die 70 Jahre seines Lebens, die er kommenden Mittwoch vollendet, bieten Belege zuhauf dafür.

Aufgewachsen zwischen Eilenriede und Pelikan

Am 7. September 1946 kommt Dirk als zweiter Sohn von Hilde und Bernhard Roßmann zur Welt. Das jedenfalls glaubt der Filius 16 Jahre lang. Bis sich herausstellt, dass er Ergebnis eines Seitensprungs seiner Mutter mit dem Nachbarn von gegenüber in der ersten Silvesternacht nach Kriegsende ist. Sein rechtlicher Vormund habe das immer gewusst, ist er sich sicher. „Aber das Thema wurde totgeschwiegen.“ Daran hatte nicht zuletzt sein leiblicher Vater Theo Kaiser großes Interesse. Der hatte nämlich mit Frau Elfriede keine eigenen Kinder.

Kaiser ist ein Vollblut-Unternehmer, hatte schon drei Jahre nach Kriegsende am Lindener Hafen wieder eine Firma mit 200 Beschäftigten. Roßmanns Mutter kommt aus gutem Hause, die Familie hat mehrere Immobilien in Hannover und das exklusivste Pelzgeschäft der Stadt. Angeblich soll sie die zweite Frau im Umkreis gewesen sein, die überhaupt einen Führerschein hatte. Ihr Ehemann Bernhard dagegen „war etwas einfacher gestrickt“, sagt Roßmann. Manchmal, fügt er an, stelle er sich schon die Frage, „ob bei uns Menschen die Gene nicht doch eine Rolle spielen“.

Der Sohn wächst auf in einer zerbombten Stadt zwischen Eilenriede und dem Werk des Traditionshauses Pelikan. Wenn die Kinder mal nicht im Wald spielen oder im Kino Indianerfilme sehen, besuchen sie am anderen Ende ihrer Straße die Pelikane, die der Schreibwarenhersteller immer über die Sommermonate aus dem Zoo in seinen Vorgarten holt. „Das war ein Stück heile Welt im zerstörten Hannover“, erinnert sich Roßmann. Schon damals beeindruckt ihn die imposante Fabrikantenvilla der Beindorffs, der Pelikan-Eigentümer. „Ich fand es als Kind toll, dass Familien so viel besitzen können und so große Namen haben.“ Wie die Beindorffs, die Bahlsens, die Buhmanns.

Roßmann half schon mit zehn Jahren im Laden mit

Im Hause Roßmann ist das anders. „Wir waren ganz kleine Drogisten.“ Geld sei daheim „ein furchtbares Thema“ gewesen, erinnert sich der Sohn. „Es fehlte immer.“ Großvater Rudolf Roßmann hatte 1909 das erste Geschäft an der Lortzingstraße eröffnet, das im Krieg zerbombt wurde. Vater Bernhard startet nach Kriegsende mit einem neuen Laden quasi gegenüber an der Podbielskistraße. Ein gutes Dutzend Drogerien habe es allein auf dieser Straße gegeben, erinnert sich Roßmann.

Schon mit zehn Jahren muss der Sohn bei den Inventuren mithelfen. In der Schule hinkt der Junge, der zu Hause Schopenhauer liest, hinterher. „Sehr aufgeregt“ sei er oft gewesen, „überfordert, aber nicht doof“. Heutzutage hätte man ihm wohl „jeden Tag drei Tonnen Ritalin“ gegeben. Für mehr als Volksschule reicht es nicht.

Der Junge hat auch andere Sorgen. Sein rechtlicher Vater stirbt, als Dirk zwölf ist. Kurz zuvor hatte er noch einen Mercedes auf Pump gekauft. Obwohl das Geschäft alles andere als rund läuft. Die Schulden übersteigen den Wert des Warenbestands. Den Roßmanns, inzwischen an die Straße Im Klingenkampe umgezogen, droht der Bankrott. Gleich gegenüber gibt es viele heruntergekommene Baracken. „Wir hatten eine Riesenangst, dass wir jetzt dahin umziehen müssen.“

Augsteins waren schon bei den Großeltern Kunden

In diesen Tagen reift in ihm eine Idee: ein Lieferservice der nachbarschaftlichen Art. Damals unterlagen Drogerieartikel noch der Preisbindung - aber natürlich nicht innerhalb der Familie. Roßmann lässt sich die Ware von seiner Mutter mit 10 Prozent Rabatt geben und liefert sie einmal in der Woche mit dem Fahrrad zum vollen Preis Im Klingenkampe aus. Es dauert nicht lang, da kommt er auf 7000 D-Mark Monatsumsatz - und natürlich 10 Prozent Gewinnmarge. Schon bald lässt er den zweieinhalb Jahre älteren Bruder die Auslieferung übernehmen. Die Einkünfte bringen die Familie wieder in die Spur. „Ich wollte einfach, dass endlich genug Geld da ist“, sagt Roßmann heute.

Mit 14 macht er den Schulabschluss, lässt sich bei einem Drogisten am Moltkeplatz ausbilden. Da habe er im Keller nur Wein und „Lister Edelkorn“ mit 32 und 38 Prozent Alkoholanteil abgefüllt, erinnert sich Roßmann. Ein halbes Jahr vor dem Ende der Ausbildung reicht es ihm. „Wenn du mich nicht morgen aus der Lehre nimmst, habe ich keine Achtung mehr vor dir“, droht er der Mutter. Und setzt sich durch. Bis zum Abschluss arbeitet er im elterlichen Laden. Inzwischen laufen die Dinge rund. Vom Geld aus dem Lieferdienst kann er schon 1962 das Startkapital für eine Eigentumswohnung an der Liliencronstraße aufbringen. Aber: Die Großeltern, die inzwischen etwas kränkelnde Mutter, der studierende Bruder - alle hängen zu dieser Zeit von einem 17-Jährigen ab. Das geht eine Zeit lang gut. Bis ihn die Bundeswehr einzieht.

Roßmann fordert die gesetzlich mögliche Freistellung wegen der Unterstützung Hilfsbedürftiger. „Ich muss die Familie ernähren“, argumentiert er. Wehrdienst hält er per se für völlig in Ordnung, verweigern kommt deshalb nicht infrage. Es geht ihm ums Prinzip. Er bittet Josef Augstein, den Bruder des „Spiegel“-Herausgebers, um Hilfe. Die Augsteins waren schon bei den Großeltern Stammkunden. Doch selbst der findige Jurist kann nicht helfen. Am 1. April 1965 muss Roßmann beim Flugabwehrbataillon Hannover-Langenhagen antreten.

Startpunkt an der Jakobistraße

Von diesem Tag an werden die Vorgesetzten von ihm nur drei Sätze hören: „Mein Name ist Dirk Roßmann. Ich bin hier nur unter Protest. Ich werde keinen Befehl ausführen.“ Sie streichen ihm die Wochenenden, sie sperren ihn ein, schicken ihn schließlich in die Langenhagener Nervenklinik. Nichts wirkt. Als er zurück muss in die Kaserne, zieht sich Roßmann seine Ausgehuniform an, klettert auf den höchsten Baum vor der Anlage und streikt.

Mehr als fünf Stunden harrt er aus, der Rest des Bataillons feixt längst unter ihm. Schließlich kommt die Feuerwehr mit einer langen Leiter und holt ihn herunter. Roßmann geht freiwillig mit. Schließlich muss er dringend mal. In dieser Nacht baut ihm der Oberstabsarzt eine Brücke. Ob er selbstmordgefährdet sei, fragt er ihn. „Der Druck ist schon groß“, antwortet der Kanonier - und darf gehen. Es ist der frühe Morgen seines 19. Geburtstags.

Fast sieben Jahre später, 1972, fällt schließlich die Preisbindung für Drogerieartikel. Die Vorschrift, die ihm als Jugendlicher einen einträglichen Nebenerwerb gesichert hatte, schützte die heimische Drogerie nun nicht mehr. Der 25-jährige Roßmann ist der Erste, der die Chance dahinter erkennt. Er setzt auf Preisaktionen und Selbstbedienung. Den Laden an der Podbielskistraße überlässt er wieder der Mutter und zieht weiter - wieder nur ein paar Hundert Meter, in ein viel größeres Geschäft an der Jakobistraße. Es ist der Startpunkt des wohl erfolgreichsten hannoverschen Start-ups der Nachkriegsgeschichte.

Unternehmensgründer Dirk Roßmann hatte 1972 in Hannover seinen ersten Laden eröffnet. Am Sonnabend kam die 34. Filiale in Hannover und damit die 2000. bundesweit hinzu. Der Mega-Store im Drachentöterhaus ist der bisher größte Laden des Unternehmens.

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An dem Laden hat Roßmann auch deshalb lange gehangen. 2010 macht er ihn dann doch dicht - zu klein. Heute befindet sich darin ein indisches Restaurant. Das kleine Gedenkschild, das an den Grundstein des Drogerie-Imperiums erinnerte, hat man abgeschraubt. Ein wenig enttäuscht es ihn, als Roßmann daran vorbeigeht. War es doch ein kleines Dokument dafür, dass er es selbst längst zu einem der „großen Namen“ Hannovers gebracht hat.

Von einem Laden zu 3500 Filialen

Mehr als 60 Jahre lang ernährt eine Drogerie drei Generationen der Roßmanns – zunächst an der Lortzingstraße, schließlich an der Podbielskistraße. Dirk Roßmann legt schließlich mit Deutschlands erstem Drogeriemarkt mit Selbstbedienung und Preisaktionen den Grundstein für einen Handelskonzern, der heute auf mehr als 3500 Filialen und 47?000 Beschäftigte in sechs Ländern kommt. In diesem Jahr soll der Umsatz erstmals die Marke von 8 Milliarden Euro überspringen. In Deutschland zählt Rossmann zu den wenigen Gewinnern der Konsolidierung unter den Drogeriemärkten. Bundesweit gibt es de facto nur noch den inzwischen von Burgwedel aus geführten Konzern und den Karlsruher Konkurrenten DM.

Der Firmengründer hat inzwischen Teile des Managements an seine Söhne abgegeben. Raoul sitzt mit in der Geschäftsführung, Daniel steuert den Immobilienbereich. Auch Roßmanns zweite Frau Alice gehört zum Top-Management. Die Familie hält noch 60 Prozent an der Drogeriemarktkette, 40 Prozent hatte vor Jahren der Hongkonger Mischkonzern Hutchison Whampoa übernommen. Auch Roßmann hat in den vergangenen Jahren einige Aktienpakete gekauft. So hält er ein Viertel an der Deutschen Beteiligungs-AG, einem Finanzinvestor und auch 20 Prozent an der Profisparte von Hannover 96. Das Vermögen der Familie wird auf 2,4 Milliarden Euro taxiert. Dirk Roßmann wohnt heute in der Lüneburger Heide.

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