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Aus der Stadt Händler fürchten Dauerbaustelle in der Königstraße
Hannover Aus der Stadt Händler fürchten Dauerbaustelle in der Königstraße
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00:54 15.05.2017
Von Andreas Schinkel
Blick in die Königstraße. Quelle: Schaarschmidt
Hannover

Sonnenlicht flutet durchs Schaufenster und bricht sich in den schweren Kristallleuchtern. Antiquitätenhändler Wilhelm Peter blickt auf die vorbeigleitenden Limousinen in der Königstraße. „Diesen Ort werde ich vermissen“, sagt er. 30 Jahre hat er zusammen mit seiner Frau Elvira antike Lüster, Möbel, Vasen und Geschirr auf Hannovers Edel-Einkaufsmeile verkauft. Damit ist es demnächst vorbei. Das Ehepaar Peter gibt ihr Geschäft auf, am 3. Juni öffnet Antik & Art zum letzten Mal. Ein wesentlicher Grund für die Geschäftsaufgabe ist die kommende Dauerbaustelle an der Eisenbahnbrücke nahe dem Thielenplatz, die aus der Königstraße eine Sackgasse macht. „Das würden wir nicht überleben“, sagt Wilhelm Peter. Damit ist er schon der zweite Geschäftsmann, der auf der Königstraße wegen der drohenden Dauerbaustelle das Handtuch wirft. Weiter Richtung City, nahe der Bahnbrücke, gibt es bereits einen Ladenleerstand.

Die Königstraße wird ab 2018 für den Durchgangsverkehr gesperrt – für rund zwei Jahre. Schon jetzt werden Ladenbesitzer das Handtuch. Ein Rundgang.

Die Bahnbrücke muss erneuert werden, daran lässt die Deutsche Bahn als Bauherr keinen Zweifel. Etwa zwei Jahre werden die Arbeiten an dem denkmalgeschützten Bauwerk dauern, Beginn ist Anfang April 2018. Während der Bauarbeiten bleibt die Unterführung gesperrt, damit ist die Verbindung zwischen Thielenplatz und Königstraße gekappt. Der Autoverkehr wird über Nebenstraßen geleitet, etwa über die Augustenstraße am Bahndamm entlang.

„Letztlich werden viele Menschen die Königstraße als Sackgasse wahrnehmen“, sagt Elvira Peter. Das habe massive Auswirkungen auf den Kundenverkehr.

Täglich 10.000 Autos

Tatsächlich haben Verkehrsexperten errechnet, dass täglich etwa 10.000 Fahrzeuge durch die Straße fahren. Während der Bauphase sollen es nur täglich 1000 bis 2000 sein. Auch der Busverkehr wird aus der Königstraße herausgenommen.

Das alles gibt den Händlern zu denken. „Bisher war es so: Wenn die Autofahrer im Stau vor unserem Schaufenster standen, wurden sie auf unsere schönen Lüster aufmerksam“, erzählt Peter. Dann entschlossen sie sich, beizeiten einen Blick in den Laden zu werfen. Diese Laufkundschaft entfalle. „Wir haben das schon einmal erlebt, als die Königstraße vor Jahren umgebaut wurde“, sagt Wilhelm Peter.

An den großen Straßenumbau vor mehr als zehn Jahren kann sich Monika Voß noch gut erinnern. Ihren Laden für Bademode und Dessous betreibt sie nun seit 35 Jahren. Ein Nachthemd für 1100 Euro ziert eine Schaufensterpuppe, elegante Bademäntel für den Herrn und bunte Bikinis hängen an den Garderobenständern. Wie es für sie im nächsten Jahr weitergeht? Voß zuckt die Achseln. „Die Laufkundschaft, die vom Bahnhof kommt, wird es nicht mehr geben“, sagt die Geschäftsfrau. Sie überlegt, nur noch zwei oder drei Tage in der Woche zu öffnen. „Eigentlich müsste der Hauseigentümer mit den Mietkosten runtergehen“, meint die 74-Jährige. Den Ausfall könne er sich von der Deutschen Bahn zurückholen. Sie hofft, dass das Ambiente der Königstraße keinen Schaden nimmt.

Überstehen die Händler die Durststrecke?

Friseurin Marion Luttermann ist sich sicher, dass der Charme der Königstraße erhalten bleibt, trotz zweijähriger Großbaustelle. „Diejenigen, die sich hier etabliert haben, werden nicht untergehen“, meint sie. Der nur wenige Quadratmeter große Friseursalon nahe der Brücke ist gut gefüllt. „Wer etwas über die Königstraße erfahren will, ist hier richtig“, sagt ein Kunde grinsend. Friseurin Luttermann sieht die Sache positiv. „Nach der Brückenerneuerung soll die Unterführung besser ausgeleuchtet werden“, hat sie gehört. Ihre Kundin mit dem modischen Kurzhaarschnitt nickt eifrig. „Der Tunnel ist derzeit grauenhaft“, sagt sie. Luttermann räumt ein, dass sie niemandem empfehlen würde, zum aktuellen Zeitpunkt einen neuen Laden auf der Königstraße zu eröffnen.

Zwei andere Händlerinnen sind fest davon überzeugt, dass die Königstraße die Durststrecke durchsteht. „Wir wollen auch nicht von einer Sackgasse reden. Der attraktivste Weg in die City führt weiterhin über die Königstraße“, betont Ulrike Knab, Inhaberin des Geschäfts Neuer Schmuck. Alle Läden blieben erreichbar, meint auch ihre Kollegin Birgit Jürning-Bornemann, Inhaberin eines Musikladens. Die beiden Geschäftsfrauen teilen sich einen Verkaufsraum, Musikinstrumente auf der einen Seite, Ringe und Halsketten auf der anderen. „Klar ist aber auch: Es wird Irritationen geben, und wir werden darunter leiden“, sagt Knab. Daher fordert sie die Deutsche Bahn auf, sich an den Zeitplan zu halten und die Schilder für die Umleitung gut sichtbar anzubringen.

Das Antiquitätenhändler-Ehepaar hat mit der Königstraße abgeschlossen, aber nicht mit ihrem Geschäft. „Wir bauen den Online-Handel aus“, sagt Wilhelm Peter. In einem privaten Haus richte er jetzt einen Ausstellungsraum für die barocken Vasen und schweren Lüster ein. In Wettbergen, fernab vom Baustellengetöse. „Da findet man auch Parkplätze“, sagt Peter.

Umleitung führt durchs Quartier

Die Erneuerung der Bahnbrücke über der Königstraße gehört zu den größten Bauprojekten der Deutschen Bahn in Hannover. 23 Millionen Euro investiert das Unternehmen. Die Brücke steht unter Denkmalschutz, das Steingewölbe muss erhalten bleiben. Am 2. April 2018 beginnen die Bauarbeiten, die Königstraße wird dann für rund zwei Jahre unterhalb der Brücke voll gesperrt. Die Erreichbarkeit des Quartiers werde spürbar beeinträchtigt, meinen die Experten vom Ingenieurbüro SHP, das im Vorfeld ein Gutachten erstellt hat. Dennoch könnten alle Ziele rund um die Königstraße weiterhin angefahren werden. Mit Leuchttafeln und Blechschildern soll der Verkehr umgeleitet werden. Veränderte Ampelschaltungen an den umliegenden Kreuzungen sollen Staus verhindern.

Autofahrer können weiterhin von der Berliner Allee in die Königstraße einbiegen, die Durchfahrt zum Thielenplatz ist aber versperrt. Der Verkehr wird über die Augustenstraße abgeleitet. Auf der schmalen Straße wird die Richtung der Einbahnstraße umgedreht. Auch in der Hinüberstraße kehrt sich die Einbahnstraßenregelung teilweise um. Busse fahren während der Baustellenphase nicht mehr durch den Abschnitt der Königstraße zwischen Brücke und Berliner Allee. An der Kreuzung Berliner Allee/Königstraße gibt es eine Haltestelle. Fußgänger und Radfahrer müssen den Tunnel an der Fernroder Straße benutzen, um auf die andere Seite des Bahndamms zu gelangen. Im Fernroder-Tunnel wird der Autoverkehr auf Tempo 30 gedrosselt, um Radlern mehr Sicherheit zu geben.

Ende 2019 sollen die Bauarbeiten beendet sein, wenn alles klappt.

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