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Aus der Stadt Hätte Klinik Selbstmord eines 20-Jährigen verhindern können?
Hannover Aus der Stadt Hätte Klinik Selbstmord eines 20-Jährigen verhindern können?
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00:18 09.11.2017
Von Michael Zgoll
Hätte das Krankenhaus Sicherungsmaßnahmen ergreifen müssen, um den Polen am Verlassen des Geländes zu hindern? Quelle: Tobias Kleinschmidt
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Hannover

Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen einen Arzt der psychiatrischen Klinik in Wunstorf wegen fahrlässiger Tötung. Am 9. Oktober 2016 hatte sich ein junger, drogenabhängiger Patient nahe Wunstorf-Luthe vor einen Nahverkehrszug geworfen, nun macht die Mutter die Einrichtung der Region Hannover dafür verantwortlich, dass diese den Tod ihres Sohnes nicht verhindert hat.

Immerhin hatte die 41-Jährige an jenem Sonntag gegen 16.20 Uhr - unmittelbar nach einem sie stark beunruhigenden Telefonat mit ihrem Sohn - die Station der Klinik über einen wahrscheinlichen Selbstmord des 20-Jährigen informiert. Doch ein Pfleger, so sagt der die Mutter vertretende Rechtsanwalt Michael Timpf, habe die Frau beruhigt: Man habe den jungen Polen im Auge, auch habe es erst gegen Mittag ein Gespräch mit einem Arzt gegeben. Um 18.20 aber warf sich der Patient vor den Zug.

Zuständig für 150 Patienten

Dem damaligen Gespräch mit dem Mediziner, begleitet von einem Dolmetscher, mag Anwalt Timpf nicht allzu viel Bedeutung beimessen. Es habe sich bei dem Arzt um einen Weiterbildungsassistenten gehandelt, der erst 15 Monate in Wunstorf beschäftigt und noch kein ausgebildeter Facharzt gewesen sei. Zudem sei er an jenem Tag für 150 Patienten zuständig gewesen. Die Verlaufsnotizen aus der Patientendokumentation sind laut Timpf widersprüchlich. „Einmal steht dort: ,Berichtet von Suizidalgedanken‘, an anderer Stelle heißt es: ,Distanziert sich aber von suizidalen Handlungen, kein massiver Todeswunsch‘.“ Beides zeitgleich gehe aber nicht, so der Anwalt.

Seiner Mutter hatte der 20-Jährige am Nachmittag gesagt, dass er sie liebe und sie nicht Schuld sei an allem, was an diesem Tag noch passiere. Die Großmutter bat er, ganz viel für ihn zu beten.

Zu hinterfragen sei, so Timpf, ob die bloße Befragung durch einen in der Ausbildung befindlichen und an jenem Sonntag wahrscheinlich überlasteten Mediziner ein probates Mittel war, um Selbstmordabsichten eines Patienten auszuschließen. Timpf wirft dem Klinikum namens der Mutter vor, keinen qualifizierten Arzt zur Begutachtung des 20-Jährigen herangezogen und keine Sicherungsmaßnahmen ergriffen zu haben, um ihn am Verlassen des Klinikgeländes zu hindern. Sollte es zudem keine festen Regeln geben, wie Pflegepersonal mit „Hilferufen“ und Hinweisen von Angehörigen auf suizidgefährdete Patienten umzugehen habe, liege auch ein grobes Organisationsverschulden der Klinik vor.

20-Jähriger lebte zeitweise in Obdachlosenheim

Die Mutter stammt aus Polen, lebt schon länger in Deutschland und hat einen deutschen Pass. Ihr Sohn wuchs bei der Großmutter in Polen auf und kam erst 2013 nach Hannover. Wegen einer Selbstmordgefährdung hatte der Drogensüchtige schon damals sechs Wochen in der geschlossenen Psychiatrie verbracht, war 2016 für eine Entgiftung nach Wunstorf gekommen. Zuvor hatte der 20-Jährige, den Anwalt Timpf eine „verlorene Seele“ nennt, in einem Obdachlosenheim in der Region gelebt.

Nachdem ein Facharzt im Juli 2017 ein medizinisches Gutachten vorgelegt hatte, war das Verfahren gegen den Wunstorfer Weiterbildungsassistenten zunächst eingestellt worden. Doch aufgrund einer Beschwerde von Anwalt Timpf und dem ausführlich begründeten Vorwurf, dass dem Mediziner ein „grober Diagnoseirrtum“ unterlaufen sei, hat der Staatsanwalt die Ermittlungen nun wieder aufgenommen.

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