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Aus der Stadt Hainholz: Ein Gefühl von Unzufriedenheit
Hannover Aus der Stadt Hainholz: Ein Gefühl von Unzufriedenheit
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23:02 06.03.2010
Von Thorsten Fuchs
Der zugemauerte Eingang des alten Hainhölzer Bahnhofs. Quelle: Martin Steiner

Wo einst der Eingang war, ist jetzt eine Wand aus weißen Steinen. Darüber prangt noch der Schriftzug „Hainholz“ in großen Lettern, aber darunter ist alles verschlossen. Wenn man ein Symbol sucht für das, was der 85-jährige Karl Tepperwien über seinen Stadtteil denkt, dann muss es dies sein, die Südfassade des alten Bahnhofs mit den zugemauerten Türen. Für jeden, der sich über den Engelbosteler Damm und die Bahnbrücke Hainholz nähert, ist dies der erste Anblick. „Wir wurden hier abgeschnitten“, sagt Tepperwien.

Karl Tepperwien hat sein ganzes Leben in Hainholz verbracht, 85 Jahre. Er ist in der Schulenburger Landstraße geboren worden, gegenüber von dort, wo heute die Sparkasse ist. Jetzt wohnt er in der Legienstraße, nur ein paar Schritte entfernt. Gearbeitet hat er als Elektriker bei der Conti in Vahrenwald, und er hat nie daran gedacht, von hier fortzuziehen. Aber aus dem, was er heute sagt, klingt Enttäuschung. „Wenn ich hier nicht schon so lange wohnen würde ...“, sagt er. Er beendet den Satz nicht. „Ach, es ist ein Trauerspiel“, sagt er nur.

6700 Menschen leben in Hainholz, und das, was Karl Tepperwien sagt, ist offenbar nicht untypisch für seinen Stadtteil. Die Stadt hat in dieser Woche eine Umfrage veröffentlicht, bei der gerade mal 21 Prozent der Bewohner gesagt haben, die Lebensqualität in ihrem Stadtteil sei gut oder gar sehr gut. Das ist ein dramatisch schlechter Wert, der mit Abstand niedrigste der Stadt; der Durchschnitt für ganz Hannover liegt bei 77 Prozent. Und da bleibt nun die Frage nach den Gründen. Es gibt viele Hartz-IV-Empfänger in Hainholz, viele Arbeitslose, soziale Probleme. Aber die gibt es in anderen Stadtteilen auch. Eine Suche nach Erklärungen also, bei Herrn Tepperwien, bei den Müllers, die ja auch schon seit mehr als 50 Jahren im Bömelburgviertel wohnen, und zum Beispiel bei Monika Hunold, die streng genommen schon in Vahrenwald lebt, aber darauf besteht, dass sie Hainhölzerin ist.

Fragt man Karl Tepperwien nun, was ihn an seinem Stadtteil denn so verbittert, dann fällt ihm als Erstes sein Geburtstag ein. Er hatte Freunde aus der Südstadt eingeladen. „Aber vor denen habe ich mich fast ein wenig geschämt“, sagt er, und zur Erklärung zeigt er auf den Bürgersteig vor dem Nachkriegsmietshaus, in dem er lebt. Verpackungen liegen dort, eine Plastikplane, Papier. Man muss kein Sauberkeitsfanatiker sein, um dies auffällig zu finden, auch störend. Für Tepperwien aber ist dies nicht einfach ein aufgeplatzter gelber Sack, ein vorübergehendes Problem, sondern ein weiteres Symbol für das, was er als Niedergang empfindet.

An der Schulenburger Landstraße, sagt er verärgert, „gibt es doch kaum noch Geschäfte“. Was nicht ganz stimmt. Ungefähr dort zum Beispiel, wo sein Geburtshaus steht, bietet ein Geschäft namens „Ahmadzai Import Export“ Wasserpfeifen an. Aber das ist nicht das, was er meint. Es gibt viel Wechsel an der Schulenburger Landstraße, Händler ziehen ein und ziehen wieder aus, und irgendwann muss Herr Tepperwien das Gefühl verloren haben, dass dies sein eigener Stadtteil ist.

Es ist nicht jeder zornig wie Karl Tepperwien, auch nicht von den Älteren. Die Müllers, Hermann und Ingeburg, kamen 1957. Hermann Müller war Maurer, er baute an einem Block in der Bömelburgstraße mit und dachte: Das wäre doch etwas für uns. So kamen sie hierher. Zweizimmerwohnung, 46,5 Quadratmeter. Sie haben hier ihren Sohn großgezogen, und nun sitzen sie auf dem Sofa unter den vier Landschaftsbildern, Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Auf dem Tisch steht schon Osterdekoration, ein kleiner Hase mit einem sehr großen Korb.

„Wir waren glücklich, hier eine Wohnung zu finden“, sagt Ingeburg Müller, und diese Zufriedenheit haben sie sich bewahrt, über jeden Wandel hinweg. Die Gaststätte Flieger in der Voltmerstraße, das Milchgeschäft Binnewitt, das Lebensmittelgeschäft, der Bäcker und der Friseur, Mamma Raffaele, das italienische Restaurant, sie alle zogen fort oder gaben auf, und die Müllers blieben. „Wir wohnen gern hier“, sagt Hermann Müller. „Aber es ist vieles nicht mehr, wie es war.“

Das ist etwas, was in Hainholz auffällt: Auch unter denen, die hier gern wohnen, gibt es ein sehr starkes Bewusstsein für den Wandel, den dieser Stadtteil hinter sich hat. Hainholz gehört seit 1891 zu Hannover. Aber als die Schützen im Hof des Arbeiter-Samariter-Bundes feierten, da fühlte sich Gastgeber Clemens Stummeyer vom ASB auf einmal in andere Zeiten zurückversetzt: „Das war wie sonst nur auf dem Dorf.“ Andreas Gebert, der Stadtbezirksmanager, hat bei seinen Gesprächen ein besonders starkes Bewusstsein für den Stadtteil festgestellt, wohl auch wegen der vielen Ur-Hainhölzer, die es hier noch gebe: „Das ist schon eine besondere Mentalität.“ Aber es gibt eben auch den Wandel, das Ladensterben und die sozialen Probleme, und alles zusammen, meint Michael Laube vom Kulturtreff, „erzeugt hier ein Unsicherheitsgefühl“.

Vielleicht jedoch liegt in dieser Unzufriedenheit ja auch eine Stärke. Vielleicht hat dieses schlechte Umfrageergebnis sogar etwas Gutes, insofern es auch den Unwillen spiegelt, Missstände einfach zu akzeptieren. Jedenfalls gibt es in Hainholz auch auffallend viele Menschen, die sich für ihren Stadtteil engagieren, und eine von ihnen ist zum Beispiel Monika Hunold. Die 61-jährige frühere Sekretärin ist vor 40 Jahren in die Fenskestraße gezogen, anfangs desinteressiert, später aber zunehmend fasziniert von den Kunstprojekten, die es hier zuhauf gibt. Vom Hainhölzer Kultursommer schwärmt sie, von Kunstwerken wie der „Hainholz-Stele“, die der Künstler Siegfried Neuenhausen mit Bewohnern des Stadtteils geschaffen hat.

Und so war sie enttäuscht, als sie eines Tages feststellte, dass ihre Wohnung gerade schon auf Vahrenwalder Terrain liegt. „Wir sind ein Kunst-und-Kultur-Stadtteil“, sagt sie trotzig und hofft, dass sich dies eines Tages auch im Bewusstsein der Hainhölzer festsetzen werde. Vielleicht dann, wenn die neue „Grüne Mitte“ fertig ist, eine Parkanlage, oder der neue Kulturtreff. Es ist vieles geplant in Hainholz, unter anderem will der Künstler Neuenhausen den Platz vor dem Bahnhof neu gestalten.

Es werden nicht wieder Züge dort halten, es gibt ja längst den neuen Nordstadt-Bahnhof gleich nebenan. Aber einladender aussehen, hofft Monika Hunold, werde der Eingang nach Hainholz auf jeden Fall, für die Fremden wie für die Einheimischen.

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