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Polizeieinsatz

Hannover: Ein Tag im Mai

Von Felix Harbart

Tausende Polizisten sollten für Ruhe in Hannover sorgen. Dann kam es für sie anders. Ein Einsatzbericht.
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Polizeikräfte vor dem Hauptbahnhof

© Kris Finn

„Körperspannung“ ist so ein Wort, das Hartmut Dudde gerne benutzt. Als er es das erste Mal an diesem langen Wochenende sagt, ist es Donnerstagmittag, und noch weiß niemand, ob die Nazis kommen werden oder nicht. Dudde, 48, ist Chef der Hamburger Bereitschaftspolizei und rund um den 1. Mai in Hannover als „Abschnittsführer“ Koordinator für rund 1000 Beamte aus dem gesamten Bundesgebiet – rund einem Viertel der Kräfte, die in Hannover für Ruhe sorgen sollen. „Wichtig ist, dass jeder über die zwei Tage die Körperspannung hochhält“, sagt Dudde bei der ersten Lagebesprechung also. Die Kollegen nicken. Körperspannung werden ihre Leute brauchen in diesen Tagen, in denen so vieles ungewiss ist.

Dudde lehnt an der Wand im ersten Stock der Polizeiinspektion Mitte, die Hände in den Taschen. „Noch hat das Bundesverfassungsgericht nicht entschieden“, sagt er. Darüber nämlich, ob rund 1500 Neonazis am folgenden Tag auf dem ZOB aufmarschieren dürfen oder nicht. Vielleicht, sagt ein Polizist, wäre es sogar besser, wenn sie kämen. „Dann wüssten wir wenigstens, wo sie sind.“ Schiebt Karlsruhe dem Aufmarsch einen Riegel vor, steht den Beamten erfahrungsgemäß ein Katz-und-Maus-Spiel mit Rechts- und Linksextremen bevor. Mit dem gesamten Bundesgebiet als Spielfeld.

Weil Dudde die Spannung halten will, begeht er mit den Kollegen aus Hamburg, Schleswig-Holstein, Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg den ZOB. Als die Polizisten den Platz sehen, müssen sie grinsen. Auf ihren Plänen sind Gitter rund um den ganzen Platz eingezeichnet, die im Fall der Fälle am frühen Freitagmorgen errichtet werden sollen. Auch die Tunnel sollen geschlossen werden. Selbst wenn sie kommen dürften, wären die Nazis vollkommen abgeriegelt. „Das wird ihnen nicht gefallen“, sagt ein Beamter.

Die meisten von Duddes Kollegen aus Hamburg waren letztes Jahr dabei, als „Autonome Nationalisten“ in der Hansestadt massive Krawalle anzettelten. Hannovers Polizeipräsident Uwe Binias dienten gerade diese Ausschreitungen als Argument für seine Verbotsverfügung. Auch Dudde und seine Leute wollen so etwas nicht noch einmal erleben.

Als die Beamten den Tunnel vom Bahnsteig zum ZOB besichtigen wollen, meldet sich Duddes Handy. Der Klingelton ist ein Martinshorn, ausgerechnet. „Halt mal, Kollegen“, sagt Dudde, als er aufgelegt hat. „Die Veranstaltung bleibt verboten.“ Die Ortsbegehung ist obsolet, von nun an greift Plan B. Hamburger und Baden-Württemberger schütteln sich die Hände, ihre Wege trennen sich jetzt. „War schön, einen Innenstadtspaziergang mit Ihnen zu machen“, sagt Dudde. Eine Einsatzbesprechung noch am Abend, dann ziehen sich die Polizisten in ihre Hotels zurück. Unterdessen packt die hannoversche Polizei bis in die Abendstunden rund 3600 Lunchpakete zusammen und bereitet sich auf das Kochen von fast 3000 Litern Kaffee allein am 1. Mai vor. Wo die Polizisten ihn am Ende trinken werden, wissen sie noch nicht.

Am Morgen des 1. Mai postieren sich Duddes Hundertschaften in Linden, gleich beim Lindener Hafen, und warten. Die Davenstedter Straße liegt wie ein altes, graues Handtuch unter den Einsatzwagen. Stundenlang. In der Tankstelle an der Ecke stehen die Polizisten quer durch den Verkaufsraum Schlange vor der Toilettentür.

Andere Trupps machen „Raumschutz“ in Sarstedt, Wunstorf, Ronnenberg, Verkehrsknotenpunkten für den Bahnverkehr. Hier könnte man Neonazis, die trotz Verbots nach Hannover wollen, aus den Zügen holen und nach Hause schicken. Aber vielleicht fahren die auch woanders hin. Nach Berlin zum Beispiel. Im Zehn-Minuten-Takt kommen Meldungen darüber, wohin Rechts- und Linksextreme angeblich unterwegs sind. „Wenn ich Glück habe, liege ich heute Nachmittag mit meiner Familie in Boltenhagen am Ostseestrand“, sagt Dudde ins Knacken des Polizeifunks hinein. „Wenn nicht, bin ich zu der Zeit in einer handfesten Auseinandersetzung.“ Seine Uhr zeigt Viertel nach elf. In Schleswig-Holstein soll es schon vereinzelt Randale geben. Auch in Berlin würden schon Autos umgestürzt, heißt es. Dudde wird kein Glück haben. Aber so ist das eben. Seit Jahren hat er am 1. Mai nicht mehr freigehabt.

Irgendwann fangen die Beamten auf der Davenstedter Straße an zu laufen, der Verkaufsraum der Tankstelle leert sich in Windeseile. Linksextreme sollen im Zug nach Wunstorf unterwegs sein, um dort zu randalieren. Die Kolonne rast mit Blaulicht über die A 2. Als die Einsatzkräfte ankommen, liegt der Wunstorfer Bahnhof verlassen da. Falscher Alarm. In Hannover, das wird nun klar, werden Duddes Hundertschaften heute nicht mehr gebraucht.

Dafür werden die Meldungen von anderswo konkreter. Das Land Schleswig-Holstein fordert seine Kräfte an, Itzehoe werde von Rechtsextremen „entglast“ sagt ein Kollege lakonisch – dort gehen schon Fensterscheiben zu Bruch. Wenig später erfährt Dudde, dass für ihn und seine Leute der Tag bei den Maikrawallen in Berlin weitergehen wird. Mal sehen, ob sie dort werden übernachten können. Die Hundertschaften besteigen die Mannschaftswagen. Der Hannover-Trip ist für sie vorbei. Aber irgendwo ist immer 1. Mai.

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