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Aus der Stadt Diese Hannover-Führung endet in einer Haftzelle
Hannover Aus der Stadt Diese Hannover-Führung endet in einer Haftzelle
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10:37 22.02.2018
Zuletzt waren alle 70 Gewahrsamszellen in der Waterloostraße im November 2016 belegt - damals hatte die Polizei zahlreiche Fans von Hannover 96 festgesetzt, die sich in Hildesheim mit Braunschweiger Fußballanhängern prügeln wollten. Quelle: Michael Zgoll
Hannover

 In der Gruft unter der Kreuzkirche prallen Vergangenheit und Gegenwart aufeinander. Vergangenheit: Das sind Hunderte von Gebeinen, die hier schon seit dem Mittelalter schlummern. Auf eine jüngere Historie verweisen Inschriften wie „Ruhe“, „Rauchen verboten“ oder „Schutzraum 21 cbm“: Im Zweiten Weltkrieg diente die Gruft Citybewohnern als Luftschutzkeller. Und die Gegenwart? Die bilden Heizungsrohre ab, die in die Kirche führen und auch den niedrigen Gängen in düsterer Tiefe ein wenig Wärme spenden. „Geheimnisvolle Orte in Hannover“ – so heißt ein noch recht junges Angebot der „Hannover Marketing und Tourismus Gesellschaft“ (HMTG). Die vorerst letzte Tour im März ist schon ausgebucht – doch wahrscheinlich gibt es bald zusätzliche Termine.

Anderthalb Kilometer und zweieinhalb Stunden lang unterhält Fremdenführer Jürgen Veith an diesem Sonnabendvormittag eine 15-köpfige Gästeschar. Von der Kreuzkirche über Burgstraße, Beginenturm und Leineschloss geht die Wanderung bis zur Polizeidirektion in der Waterloostraße.

Sehr wechselvoll war die Geschichte der 1333 fertiggestellten Kreuzkirche. Der eingestürzte Turm wurde im 17. Jahrhundert wieder aufgebaut, so entstand der Stilmix aus Gotik (unten) und Barock (oben). Die Fliegerbombardements 1943 zerstörten das Gotteshaus bis auf die Grundmauern, Anfang der sechziger Jahre wurde sie nach alten Plänen neu erstellt. Die Gebeine in der Gruft stammen großteils von reichen und prominenten Bürgern aus Mittelalter und früher Neuzeit. Im Zweiten Weltkrieg schafften Hitlerjungen die Knochen in die benachbarte Johann-Duve-Kapelle, um das Gewölbe als Luftschutzbunker herzurichten. Die an die Wand geschriebene Kubikmeterzahl war ein wichtiger Hinweis, für wie viele Personen die Atemluft reichte. „Die Erinnerung an die Anspannung und Angst der Leute hier unten, die ich als Kind miterlebt habe, rührt mich heute noch an“, erzählt Astrid Steinhardt. Die ehrenamtliche Helferin hat die Aufgabe übernommen, die Teilnehmer der Führung mithilfe von Petroleumlampen durch das unterirdische Labyrinth zu lotsen.

Schummelei mit Zahlen

In der Burgstraße 12 weist Jürgen Veith auf das ornamentgeschmückte Gebäude hin, das laut Hinweisschild – Baujahr 1566 – das älteste Fachwerkhaus Hannovers sein soll. Doch dann führt er die Gruppe in den Hof. „Das Hinterhaus wurde 1564 gebaut, ist also noch zwei Jahre älter“, verrät er. Etwas geschummelt wurde offenbar auch beim Hanebuth-Gang am Hohen Ufer. Dass der Tunnel dem Raubmörder Jasper Hanebuth, der 1653 am Steintor hingerichtet wurde, irgendwann einmal als Zufluchtsort gedient hat, ist nie bewiesen worden. Der Gästeführer schließt die Eisentür auf, die Touristen stolpern durch einen gemauerten Gang, der nach etwa 25 Metern endet. „Möglicherweise verband der Tunnel früher die Stadtmauer und die Kreuzkirche“, spekuliert Veith.

Im Garten der Beginen, einer Lebensgemeinschaft christlich-sozial orientierter Frauen, wurde 1357 ein neuer, mächtiger Turm der Stadtbefestigung fertiggestellt – der Beginenturm. An diesem Sonnabend dürfen die Besucher bis in gut zwanzig Meter Höhe stiefeln und die prächtige Aussicht in alle vier Himmelsrichtungen genießen. Auf die Schrecken des Zweiten Weltkriegs verweist ein schräger, schwarzer Teerstreifen an der Südseite des Turms. Diese Linie kennzeichnet das Dach eines Hauses, das nach alliierten Luftangriffen den Flammen zum Opfer fiel; dass die Steinquader darunter leicht rötlich aufscheinen, lässt einen Rückschluss auf Temperaturen über 1000 Grad zu: Erst dann verfärbt sich Lindener Sandstein rot.

Synagoge fehlt im Stadtbild

Im hinteren Anbau am Leineschloss, 1820/21 vom Architekten Georg Ludwig Friedrich Laves kreiert, residiert heute Landtagspräsidentin Gabriele Andretta. Auf der anderen Seite des Friederikenplatzes, vor dem Waterloo-Biergarten, lenkt Veith den Blick der Gruppe nordwärts auf die „Straße der Toleranz“. Die Türme und Kuppeln von Reformierter Kirche, Neustädter Hof- und Stadtkirche sowie St.-Clemens-Basilika sind gut sichtbar. Was in dieser Reihe fehlt, ist das Dach der jüdischen Synagoge: Sie fiel 1938/39 der Barbarei der Nazis zum Opfer, wurde angezündet, gesprengt und schließlich dem Erdboden gleichgemacht.

Die letzte Station der „Geheimnisvollen Orte“ ist eine wahrhaft ungewöhnliche: Die Gruppe darf den Gewahrsamstrakt der Polizeidirektion in der Waterloostraße inspizieren. Fast eine Stunde lang übernimmt Polizeikommissar Michael Ruhsert das Kommando. Er lässt die Gruppe in der Sammelzelle Platz nehmen, die Raum für bis zu 70 Menschen bietet. Er zeigt den Raum für die erkennungsdienstliche Behandlung von Festgenommenen, der jedes Jahr 500- bis 600-mal genutzt wird.  Und natürlich dürfen die Touristen auch eine der 70 Gewahrsamszellen und die „Gummizelle“ für renitente Insassen in Augenschein nehmen – was bei einigen der Kurzzeit-Besucher ein leichtes Schaudern auslöst.

Hier saß auch Ulrike Meinhof ein

Zu den berühmtesten Insassen der 1902/03 gebauten Polizeidirektion zählen der Männermörder Fritz Haarmann und die RAF-Terroristin Ulrike Meinhof. Richtig voll, erzählt Ruhsert, was das Haus zuletzt im November 2016, als sich Fans von Hannover 96 mit Braunschweiger Fußballanhängern in Hildesheim prügeln wollten und in großer Zahl festgesetzt wurden. „Länger als 48 Stunden darf hier im Normalfall aber niemand eingesperrt werden“, sagt der Beamte, „dann muss ein Haftrichter entscheiden, wie es weitergeht.“

Wie geht es weiter mit den Führungen zu geheimnisvollen hannoverschen Orten? Nur drei Termine, so Jürgen Veith, habe es im Herbst 2017 gegeben, und die letzte Führung am 16. März 2018 ist schon lange ausgebucht. Nimmt man die Beifallsbekundungen der Teilnehmer dieses Wochenendes zum Maßstab, dürfte es jedoch ein Leichtes sein, noch viel mehr Interessenten für die etwas andere Stadtführung zu gewinnen. Und tatsächlich basteln die Tourismusförderer von der HMTG bereits an den nächsten Terminen. Nähere Informationen gibt es dann auf der Internet-Seite hannover.de/stadttouren oder unter Telefon (0511) 12345-333.

Von Michael Zgoll

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