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Aus der Stadt Josie wird an Krebs sterben und darf noch einmal den Flughafen sehen
Hannover Aus der Stadt Josie wird an Krebs sterben und darf noch einmal den Flughafen sehen
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06:18 02.10.2018
Die vierjährige, schwer krebskranke Josie bekommt von der Aktion "Wünschewagen" einen letzten Wunsch erfüllt: Zeit zum Spielen auf der Besucherplattform des Flughafens Hannover. Quelle: Foto: Katrin Kutter
Hannover

Es sind Momente unbeschwerter, kindlicher Freude. „Glück“, wird Josies Mutter, Janina Vieregge, später schlicht dazu sagen. Josie selbst hat dafür keine Worte. Kein Wunder, sie ist erst vier. Aber sie muss auch nichts sagen. Man versteht auch so, was es dem kleinen, sterbenskranken Mädchen bedeutet, als es begreift, dass es tatsächlich in dieses Sportflugzeug auf dem Rollfeld des Flughafens Langenhagen hineinklettern darf. Josies Wangen sind vor Aufregung rot gefärbt, seit der vom Arbeiter-Samariter-Bund Niedersachsen (ASB) für sie gecharterte Bus für eine Rundfahrt über den Flughafen in der Nähe jener Cessna 172 gestoppt hat. Ganz still wartet sie an der Bustür, als die Frau vom Besucherdienst aussteigt, um den Piloten zu fragen, ob Josie in das Flugzeug hineinklettern darf. Niemand im Bus sagt ein Wort, während die Erwachsenen draußen reden. Aber Josie hat die Situation auch so erfasst. Sie weiß genau, dass sich hier möglicherweise ein Traum erfüllt.

Josie ist vier Jahre alt und wird an Krebs sterben. Ihr größter Wunsch: Den Flughafen besuchen und dort spielen. Den hat ihr der ASB-Wünschewagen erfüllt.

Als sich die Bustür dann öffnet, rennt sie hinaus und führt mitten auf dem Rollfeld einen Freudentanz auf: Das Mädchen, von dessen tödlichem Krebs der spärliche Haarflaum auf dem Kopf so unmissverständlich kündet, lacht, dreht sich, hüpft und klatscht in die Hände. Hinein in die Cessna geht es dann mit der Hilfe von ASB-Mitarbeiter Jan Hungerland. Hungerland ist einer von zwei Ehrenamtlichen, die das todkranke Mädchen und dessen Familie an diesem Tag beim ASB-Projekt Wünschewagen begleiten. Seit November 2017 erfüllt der Wünschewagen Menschen am Ende ihres Lebens einen letzten Wunsch. Rund 75-mal war er seitdem unterwegs. „Für solche Momente macht man das“, sagt Hungerland später leise über die vor Freude tanzende Josie. Und: „Wir haben selten Kinder, denen wir letzte Wünsche erfüllen.“

Bei Hungerland schwingt Betroffenheit über das Schicksal des todgeweihten Mädchens mit. Seit April ist es an einer unheilbaren Krebsart erkrankt. Seit Mitte August wissen die Eltern, dass Josie sterben muss. Das Tumorgewebe sitzt im gesamten Kopf, am Zwerchfell, am Bauchfell, an der Leber, am Darm, im Herzen, im Nervenwasser, im Rückenmark. Eine Operation blieb erfolglos. Eine Chemotherapie musste abgebrochen werden: Krampfanfälle hatten das Mädchen an den Rand des Todes gebracht. Bei Josie und Schwester Lina ist an diesem Tag von all dem nichts zu spüren. Im Gegenteil: Es herrscht schiere Lebensfreude.

Das gelbe Spielzeugflugzeug ist ein Traum

Josie hatte sich den Besuch des Flughafens gewünscht, Mutter Janina hatte daraufhin den Wünschewagen kontaktiert. Ohne Begleitung der rettungsdienstlich geschulten Ehrenamtlichen hätte sich die Familie aus Edemissen im Landkreis Peine die Fahrt nicht mehr zugetraut. Dass Josie flugzeugverrückt ist, merkt man sofort. Erst will sie die Rundfahrt über den Flughafen gar nicht antreten, sondern lieber gleich im Spielzeuggeschäft eines dieser tollen Flugzeugmodelle kaufen. Für eine Vierjährige erstaunlich kundig plauscht sie später mit Gabi Oczko vom Besucherdienst über Triebwerke, begeistert sich jedes Mal, wenn ein Flugzeug „die Nase hebt“. Josie ist in ihrem Leben noch nie geflogen, wie alle aus der Familie Vieregge – und sie wird es nie. Ihre Begeisterung speist sich allein aus Besuchen am Boden. Die allerdings haben mächtig Eindruck hinterlassen, wie bei vielen Kindern in ihrem Alter.

Für Josie ist schon das gelbe Spielzeugflugzeug auf der Besucherplattform des Flughafens Langenhagen ein großer Traum. Immer wieder fragt sie, wann es dorthin geht. Der Flugsimulator, die Kofferhalle, nichts kann das gelbe Flugzeug toppen. Bis auf die Cessna. Schwester Lina (6) darf dort neben ihr als Copilotin sitzen. Abwechselnd wird das Steuer oder eine Landkarte gehalten, dazwischen vor Freude laut gejuchzt. Papa Björn Vieregge macht Fotos, Mama Janina, im achten Monat schwanger, schaut zu. „Ich muss immer um sie herum sein“, sagt Janina Vieregge. Josie wisse eben doch, „dass in ihrem Körper etwas steckt, was da nicht hingehört“.

Schwerer Abschied

Was Josie nicht weiß, ist, dass sie sterben wird. Die Eltern wollten ihr diese Erkenntnis bewusst ersparen, anders als Schwester Lina. Die Sechsjährige weiß, dass Josie wie die Oma bald in den Himmel kommt. „Wirklich verstehen kann sie das aber nicht“, sagen die Eltern. Im Gegenteil. Dass sich plötzlich alles um die kleine Schwester dreht, sei für die große manchmal schwer auszuhalten. Wie steht man es durch, wenn man weiß, dass das eigene Kind sterben wird? „Wir versuchen, die Zeit mit Josie zu genießen, die sie noch hat“, sagt Vater Björn Vieregge. Der Kraftfahrer hat sich beurlauben lassen, ist als Betreuungshilfe der Tochter von der Krankenkasse anerkannt. „Am Anfang bricht die ganze Welt zusammen“, sagt Mutter Janina, „aber dann funktioniert man einfach. Man versucht, es so oft wie möglich schön für sie zu machen.“

Dabei liegen Leben und Tod in dieser Familie so nahe beieinander. Wenn alles planmäßig verläuft, bringt die 30-Jährige Anfang Dezember ihr drittes Kind zur Welt, wieder ein Mädchen: „Es ist auf den Geburtstag von Josie ausgerechnet“, sagt sie, „aber wir hoffen, dass es früher kommt.“ Dennoch: „Wir wollen uns nichts anmerken lassen“, sagt Janina Vieregge tapfer und nimmt schwer atmend ihr Kind auf den Arm. Und so ist eines der vielen kleinen Wunder an diesem Tag, dass der Flughafenbesuch der sterbenskranken Josie Vieregge über weite Strecken wie ein ganz normaler Ausflug einer Familie mit zwei Kindern wirkt. Endlich auf der Besucherplattform angekommen ist das gelbe Flugzeug erst mal voll mit anderen Kindern. Aber da ist ja noch dieser schwarze Wagen, in den man hineinsteigen kann. Da sind diese Hüpfkissen, auf denen man so gut springt. Lina und Josie toben ausgelassen durch die Spielecke. Dann kommt doch noch das gelbe Flugzeug dran. Wie findet Josie es, dass sich ihr heiß ersehnter Wunsch endlich erfüllt? „Toll“, sagt Josie knapp, aber dann ist schon wieder etwas anderes wichtig. „Lina, bitte kommen, Lina, bitte kommen, ich bin in London“, ruft sie der Schwester entgegen. Wie alle Kinder um sie herum ist auch das kleine krebskranke Mädchen an diesem Tag einfach nur in sein Spiel vertieft.

115 Anfragen für den Wünschewagen

75-mal war der Wünschewagen des ASB Niedersachsen seit November 2017 unterwegs. Josie war bislang der jüngste Fahrgast in Niedersachsen, der älteste war eine 96-Jährige, die ihren Geburtsort Breslau noch einmal wiedersehen wollte. Die Zahl der Anfragen liege bislang bei rund 115, sagt Wünschewagen-Sprecherin Julia-Marie Meisenburg. Manchmal widersprächen schwerwiegende medizinische Gründe der Erfüllung des Traums eines Sterbenskranken. Manchmal verschlechtere sich dessen Gesundheitszustand so stark, dass der Wunsch nicht mehr realisiert werden könne: „Manchmal sterben die Menschen schlicht, bevor wir den Besuch eines Sehnsuchtsortes möglich machen können.“

Wer sich für das Projekt Wünschewagen interessiert, kann sich beim ASB Hannover unter der Telefonnummer (0511) 35 85 436 oder unter der Mailadresse wuenschewagen@asb-hannover.de melden. Die medizinischen Daten des Wünschenden werden Meisenberg zufolge vom ASB dann über ein Patientenblatt und eine Bescheinigung eines behandelnden Arztes überprüft. Das Projekt wird ehrenamtlich getragen und aus Spenden finanziert. Spendenkonto lautet: ASB gGmbH für Sozialdienste und Krankentransporte, Bank für Sozialwirtschaft, IBAN: DE12 2512 0510 0007 4570 00, BIC: BFSWDE33HAN, Verwendungszweck: Spende Wünschewagen. jr

Von Jutta Rinas

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