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Aus der Stadt Kälte bedroht Hunderte Obdachlose
Hannover Aus der Stadt Kälte bedroht Hunderte Obdachlose
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01:00 01.03.2018
„Mehr Hilfe für Obdachlose“: Mit einem Konzert vor dem Hauptbahnhof will Pianist Arne Schmitt auf das Los der Betroffenen aufmerksam machen. Quelle: Foto: Behrens
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Hannover

 Es ist ein unerwartetes Bild. Ein Mann, der im eisigen Wind vor dem Bahnhof Klavier spielt – so etwas gibt es eigentlich gar nicht. „Aber es gibt ja auch Menschen, die im Winter auf der Straße schlafen, obwohl es so etwas eigentlich nicht geben sollte“, sagt der Pianist Arne Schmitt. Mit einem Auftritt in der Bahnhofstraße hat der Musiker jetzt auf die Situation der Obdachlosen in Hannover aufmerksam gemacht – und diese verschlechtert sich durch die Kältewelle dramatisch.

Bis Ende der Woche sollen die Temperaturen fast durchgängig unter dem Gefrierpunkt liegen. Das Diakonische Werk schlägt daher Alarm: „Für Menschen, deren Immunsystem durch das harte Leben auf der Straße ohnehin angegriffen ist, können die Temperaturen im Extremfall lebensbedrohlich werden“, sagt Diakoniepastor Rainer Müller-Brandes: „Wer derzeit draußen übernachtet, droht zu erfrieren, wenn die Schlafsäcke und Decken nicht warm genug sind.“

Die Zahl der Obdachlosen ist in den vergangenen Jahren sprunghaft angestiegen. Nach Schätzungen der Diakonie gibt es in Hannover bis zu 4000 Menschen ohne feste Wohnung, mehr als 300 sollen dauerhaft auf der Straße leben. „Noch vor kurzem wäre es undenkbar gewesen, dass so viele Menschen auch im Winter im Freien übernachten“, sagt Müller-Brandes.

Marc Schalow, Bereichsleiter im Bauamt, geht davon aus, dass die Zahl der Obdachlosen jedes Jahr um zehn Prozent wächst, auch durch Zuwanderer aus Osteuropa. Die Stadt will nun in insgesamt sieben Asylbewerberheimen Obdachlose  einquartieren, unter anderem in den Containern am Waterlooplatz. Damit bietet die Stadt insgesamt 1250 Schlafplätze an. Noch vor wenigen Jahren hatten Experten es unisono abgelehnt, Flüchtlinge und Obdachlose gemeinsam unterzubringen. „Inzwischen sagen wir: Alles, was hilft, ist richtig“, sagt Müller-Brandes.

Die Stadt versichert, dass bei Bedarf kurzfristig weitere Notschlafplätze zur Verfügung gestellt werden. Derzeit gelte die sogenannte Winterregelung, nach der dort niemand abgewiesen werde. Die Ratsgruppe von Linkspartei und Piraten fordert unterdessen, einen Kältebus nach Berliner Vorbild einzurichten, in dem Obdachlose sich aufwärmen können und der sie zu Unterkünften fahren kann. In Hannover gibt es bislang einen Kältebus der Johanniter, der zweimal wöchentlich warmes Essen ausgibt, jedoch keine Notfallstation ist. Um das Problem zu lösen, würden jedoch mittelfristig mehr Sozialwohnungen benötigt, sagt Müller-Brandes: „Obdachlose haben so gut wie keine Chance, eine Wohnung zu bekommen.“

Hilfe für Obdachlose

Das Diakonische Werk rät, Obdachlose, die augenscheinlich in einer Notlage sein könnten, ansprechen. Gegebenenfalls solle man auch andere Passanten um Hilfe bitten. „Befinden sich Obdachlose in einer Notsituation, darf man keine Scheu haben, den Notruf zu wählen“, sagt Diakoniepastor Rainer Müller-Brandes. Die Zentrale Beratungsstelle nimmt unter (0511) 9904015 Hinweise auf Obdachlose in Not entgegen. Viele Betroffene stammten aus Osteuropa und wissen  aufgrund sprachlicher Defizite kaum etwas über Unterkünfte und Hilfsangebote. Von 11 Uhr können sich Obdachlose tagsüber im Rückzugsraum Kompass am Raschplatz aufwärmen. Im nahen Kontaktladen Mecki gibt es zudem medizinische Versorgung. Die Ökumenische Essensausgabe, Am Marstall 25, ist montags bis sonnabends von 11 bis 13 Uhr geöffnet. Eine Zentrale Beratungsstelle für Wohnungslose gibt es in der Berliner Allee 8. Dort und in der Burgstraße 10 können auch Spenden wie Decken, Schlafsäcke oder warme Unterwäsche abgegeben werden. 

Von Simon Benne

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