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Aus der Stadt Wenn Kinder keine Krankenversicherung haben
Hannover Aus der Stadt Wenn Kinder keine Krankenversicherung haben
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00:18 13.09.2018
Ärztin Inka Japtok hilft kranken Kindern aus Hannover, die nicht versichert sind. Quelle: Katrin Kutter
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Hannover

“Woher kommen Sie?“

Schweigen.

„Wie lange sind Sie schon hier? In Deutschland. Wie lange sind Sie schon hier?“ Schweigen.

„Was für Beschwerden haben Sie?“

Schweigen.

Dann zeigt die Jugendliche mit dem Finger auf ihren Hals, hustet, tippt auf ihre Stirn, und sagt in gebrochenem Deutsch ein einziges Wort: „Schmerzen“.

Eine Patientin, die kaum oder gar nicht mitteilen kann, was ihr fehlt? Inka Japtok kann das nicht schrecken. Die Ärztin aus dem Team Sozialpädiatrie und Jugendmedizin der Region Hannover ist es gewohnt, dass sie ihre Patienten nicht versteht. Die 56-Jährige praktiziert an diesem Tag wie schon so oft in der Kindermigrantensprechstunde in der Calenberger Neustadt. Die Einrichtung ist die kleine Schwester der Malteser Migranten-Medizin. Immer dienstags von 10 bis 12 Uhr können sich sogenannte papierlose Erwachsene in der Migranten-Medizin von den Maltesern medizinisch behandeln lassen, Menschen also, die keine Krankenversicherung oder keine Papiere haben, weil sie illegal in Deutschland sind. In die Kindermigrantensprechstunde von Caritas und Region kommen immer montags von 13.30 bis 14.30 Uhr Kinder zwischen 0 und 17 Jahren, Kinder, die nicht krankenversichert sind. Andrea Wünsch, Kinderärztin im Team Sozialpädiatrie und Jugendmedizin, findet es besonders wichtig, dass es für sie eine eigene Sprechstunde gibt: „Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Wenn sie krank sind, sollten sie von Menschen behandelt werden, die medizinisch in der Kinderheilkunde zu Hause sind.“

Wie findet man heraus, was jemand hat, dessen Sprache man nicht versteht? „Wir müssen uns eben mit Händen und Füßen verständigen“, sagt Inka Japtok. Außerdem sei oft jemand in der Sprechstunde, der die Herkunftssprache des Patienten und dazu leidlich Deutsch verstehe und dolmetschen könne.

Seit 2011 sind die Helfer bedürftiger Kinder in der Calenberger Neustadt vor Ort. Von Anfang an wurde die Sprechstunde viel von Armutszuwanderern aus Südosteuropa frequentiert, von Rumänen und Bulgaren, die oft kaum oder gar kein Deutsch verstanden. Voll sei es gewesen, bis zu 30 kleine Patienten seien pro Termin gekommen, berichtet Sozialarbeiterin Ramona Pold. Dazu waren sie oft nicht nur gesundheitlich in einem schlechten Zustand. Im Winter hätten Kinder in Flipflops vor ihnen gestanden. Manche hätten keine Unterwäsche, andere keine Winterjacke oder keine Windeln angehabt und hätten zum Teil vor Dreck gestanden. Manche Kinder, die zum Teil in Obdachlosenunterkünften lebten, seien wegen Läusen wundgekratzt gewesen. Familien mit einem kranken und sieben gesunden Kindern seien aufgetaucht und hätten alle in Atem gehalten. „Hier war ganz schön was los“, erzählt Pold und lacht. Heute, sagt Andrea Wünsch, kämen deutlich weniger Kinder. Trotzdem: „Es ist für jedes einzelne wichtig, dass wir da sind.“

Auch die Lebensumstände haben sich offenbar verbessert. Modisch gekleidet, gepflegt, wirkt das von Husten geplagte Mädchen vom Beginn der Sprechstunde jedenfalls, mit ihrem schwarzen Rock, dem weißen T-Shirt und der passenden Sportjacke. Wer sie so auf der Straße sähe, würde kaum glauben, dass ihr so etwas Elementares wie eine Krankenversicherung fehlt. Aber so ist es. Eine Roma aus Portugal sei sie, gerade mal drei Monate in Deutschland, übersetzt der Vater eines anderen, kleinen Patienten. Schnell kommt heraus: Sie ist Diabetikerin. „Nehmen Sie regelmäßig Ihr Insulin?“, fragt Inka Japtok. Sie wisse genau, wie viel sie brauche, lässt die junge Frau über den fremden Vater ausrichten. „Was ist, wenn das Insulin alle ist?“, fasst Japtok nach. „Dann schicken mir die Verwandten aus Portugal welches.“

Was ist dann ihr Problem? Zwei Wochen plagen die 16-Jährige nun schon Kopfschmerzen, Halsschmerzen, Husten. Die Versorgung von akuten Infekten, Impfungen und Vorsorgeuntersuchungen sind das Hauptarbeitsfeld in der Migrantensprechstunde. Eine Lungenentzündung hat das Mädchen nicht, stellt Japtok fest, auch keine Bronchitis. Also bekommt sie einen Hustensaft und ein Nasenspray mit. Die Behandlung soll für alle Patienten kostenlos sein. Die Stiftung „Eine Chance für Kinder“ stattet die Sprechstunde deshalb mit Medikamenten aus. Mit den umliegenden Apotheken besteht eine Kooperation zur Einlösung von Rezepten. Die Kosten für Impfstoffe übernimmt die Region. Was aber macht man, wenn mit dem Patienten überhaupt keine Kommunikation über Symptome zustande kommt? „Dann behandelt man, was man gerade feststellt“, sagt Inka Japtok trocken.

Das gilt auch für den kleinen Roman*, der an diesem Tag eigentlich wegen einer Bronchitis mit Mama und Papa vorstellig wird. Tatsächlich ist der Infekt aber das kleinste Problem. Nicht genug damit, dass der Vierjährige bereits an zwei Zähnen deutliche Karies hat. Schnell zeigt sich bei Japtoks Untersuchungen, dass Romans gesamte Entwicklung nicht altersgerecht ist. Sprachlich wird das besonders deutlich. „Katze“ spricht die Ärztin ihm vor, Roman gibt nur „Ka“ wieder. „Haus“, sagt sie, „au“ kommt zurück. „Da müssen wir ran“, sagt Japtok, macht einen Termin für eine Sprachuntersuchung, überlegt laut, wie man dem Jungen gegebenenfalls eine logopädische Unterstützung zukommen lassen könnte und ermahnt die Eltern, wie wichtig es sei, dass Roman in den Kindergarten geht. Der Wille ist offenbar da, ein Problem ist Hannovers Mangel an Kitaplätzen. Der Junge lebt mit seinem Eltern in Mühlenberg. Die Eltern haben ihn bislang nur an zwei Tagen in der Woche in einer Kita unterbringen können. Unmöglich sei es trotz großer Mühe gewesen, einen Halb- oder Ganztagsplatz zu finden, beteuern sie.

Gegen solche Probleme ist selbst die Migrantensprechstunde machtlos. Diese muss wohl die Stadt für Kinder, die in Armut leben, langfristig lösen.

*Name geändert

Von Jutta Rinas

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