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Aus der Stadt „Ich habe hier noch kein Messer gesehen“ 
Hannover Aus der Stadt „Ich habe hier noch kein Messer gesehen“ 
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00:17 04.04.2018
In der Flüchtlingsunterkunft Bothfeld arbeitet Sybille Schaadt ehrenamtlich. Quelle: Tim Schaarschmidt
Hannover

  Manchmal kommt im Freundeskreis von Sybille Schaadt die Rede auf ihre Freizeit. Noch immer ist sie im Ruhestand unterwegs, um Flüchtlingen zu helfen. Gerade ist sie Patin von einem jungen Afghanen und hilft ihm, sich in Hannover zurechtzufinden. Er muss die Sprache lernen, sich an eine neue Kultur gewöhnen, die Ämter bewältigen und irgendwann braucht er einen Arbeitsplatz. Sybille Schaadt ist sozusagen seine Lebensabschnittsbegleiterin. Doch das Verständnis unter Bekannten für ihre Integrationshilfe hat sich nicht gerade verbessert. „Das geht alles auf unsere Kosten, das ist so der Tenor“, fasst Frau Schaadt zusammen, was sie mitunter zu hören bekommt. 

Dann verbreitete sich die Nachricht vom Messerattentat eines 17 Jahre alten Syrers in Burgwedel. Das Opfer, eine junge Frau, wäre fast ums Leben gekommen. Im Vorstand des Unterstützerkreises Flüchtlingsunterkünfte waren sie sich sofort einig, was von der Tat zu halten war: „Wir sind entsetzt, das ist nicht zu akzeptieren, egal, ob ein Streit der Grund war und egal, ob der Täter ein Flüchtling war oder ein Deutscher.“ Nach diesem Angriff kam, was kommen musste. Die Internetseite der Stadt Burgwedel wurde mit hasserfüllten fremdenfeindlichen Posts überschwemmt, die CDU forderte, Familiennachzug einzuschränken, Bürger erklärten deutsche Flüchtlingspolitik pauschal für gescheitert.

Auf Sybille Schaadt im Bothfelder Flüchtlingsheim müssen diese Reaktionen wie Botschaften aus einer anderen Welt gewirkt haben. Natürlich kämen auch Menschen, die wir im Land nicht haben wollen, sagt sie, „aber ich habe hier noch nie gesehen, dass einer ein Messer dabeihatte“. Was sie erlebt, sind kulturelle Unterschiede, die ein Deutschkurs allein nicht auflösen kann. Mancher kommt besser klar in der neuen Welt, mancher schlechter.

Sie übersetzt, was Flüchtlinge aus ihrer Heimat und in ihrem Glauben nicht kennen. Dass Frauen hier einen anderen Stand haben und gleichberechtigt sind, zum Beispiel: „Da werde ich oft mit großen Augen angeguckt.“ Dass es hier nicht üblich ist, dass ein Mann praktisch offiziell mehr als eine Frau hat. Das gefällt ihr nicht, und sie sagt es auch. Glaubensfragen spielen eine wichtige Rolle. Viele Flüchtlinge seien rigide erzogen worden, nach den Regeln des Islam. „Eine sehr harte Religion, aber er bietet diesen Menschen Halt, weil dort klar ist, was erlaubt ist und was nicht. In Deutschland gibt es dann plötzlich diese vielen Freiheiten und jeder muss selber wählen.“ 

Regeln müssen erklärt werden

Es muss also geredet und Regeln in diesem Land müssen erklärt werden. Ob es nützt, ob sie Flüchtlinge erreichen, könnten Helfer nicht garantieren, sagt Sybille Schaadt. Aber die Gegenfrage bleibt ja immer: Was ist die Alternative zur Hilfe? Was in Burgwedel vor der Tat los war, das interessiert sie. Wie es sein könne, dass ein 17-Jähriger bereits vier Jahre in der Stadt lebte, die Familie örtlicher Flüchtlingshilfe aber nicht bekannt war. „Das finde ich traurig.“ Wurde da eine Chance verpasst, positiven Einfluss zu nehmen? 

In Bothfeld und den anderen Unterkünften stellen die Ehrenamtlichen mittlerweile fest, dass sie weniger werden. Das war einmal anders, da fand sich für jede Kleiderkammer und jeden Sprachkurs Mann oder Frau. Jetzt nimmt die Zahl der Helfer ab, wie auch immer weniger Spenden eingehen. Weniger Helfer bedeuten zum Beispiel weniger Hilfe für Flüchtlinge im bürokratischen Dickicht. Sybille Schaadt vermutet, dass manche Freiwillige den Mut verloren haben. Es sei ja ein Marathonlauf, bis ein Asylbewerber ein eigenständiges Leben führen könne.

Ihr geht es nicht so. Sie hilft weiter Flüchtlingen auf dem Weg in ein hoffentlich selbstständiges Leben. Ihre Motive sind auch eigennützig: Sie will, sagt Sybille Schaadt, in keiner Parallelgesellschaft leben. Ihr Beitrag dazu liegt in Bothfeld. 

„Abschiebung bei schweren Straftaten“

Der Berliner Islamismus-Experte Ahmad Mansour, 41, hat sich dafür ausgesprochen, den Aufenthaltsstatus von Flüchtlingen von deren Verhalten in Deutschland abhängig zu machen. „Bei schweren Delikten muss die Strafe hart sein, da ist Repression nötig“, sagte Mansour im Gespräch mit der HAZ. Dazu gehörten auch „konsequente Abschiebungen“. Im Fall des 17 Jahre alten Syrers, der in Burgwedel eine junge Frau nach einem Streit mit einem Messerstich lebensbedrohlich verletzte, wäre dies zwar eine harte Entscheidung, „aber es ist auch hart für das Opfer, mit einem Messer angegriffen zu werden“. Mansour appellierte an die Justiz, den Rahmen der Gesetze auszuschöpfen, besonders bei Wiederholungstätern. 

Der Psychologe und Buchautor arbeitet seit Langem in Integrationsprojekten, darunter auch für Justiz und Sozialministerium in Bayern und die Berliner Polizei. Er ist Geschäftsführer seiner Initiative Mind Prevention für Demokratieförderung und Extremismusbekämpfung. Bis 2013 war er Mitglied der Deutschen Islam-Konferenz. Mansour wurde in Israel geboren und später von einem Imam zu einem radikalen Islamisten erzogen, eher er sich von diesem Einfluss befreien konnte. Mansour fordert deutlich verstärkte Bemühungen, Menschen aus anderen Kulturen in Deutschland einzugliedern, verlangt von Flüchtlingen aber auch, sich an hierzulande gültige Werte anzupassen. 

„Patriarchale Strukturen haben in Deutschland nichts zu suchen“, sagt Mansour, auch für Flüchtlinge müssten Werte wie Demokratie und Meinungsfreiheit, Gleichberechtigung und Religionsfreiheit gelten. Es sei absolut nicht zu tolerieren, wenn muslimische Männer Frauen nicht die Hand gäben und ihre Freiheiten in der westlich-säkularen Welt nicht akzeptierten. 

Eines der Integrationshemmnisse ist die bei vielen Flüchtlingen und Menschen mit Migrationshintergrund verbreitete hohe Bedeutung des Ehrbegriffs. „Ehre ist, nicht nur bei Muslimen, oft mit einer starren Vorstellung von Männlichkeit verbunden“, sagt Mansour. Junge Männer, die in Elternhäuser gelernt hätten, wie wichtig es sei, die eigene Ehre und die der Familie zu verteidigen, neigten deshalb eher zu Gewalt. Sie müssten in Schulen, Integrationskursen und in der Familie lernen, Konflikte anders auszutragen. „Das wichtigste Thema muss dabei der Umgang mit patriarchalen Strukturen sein.“

Ahmad Mansour glaubt, dass Konflikte mit Flüchtlingen in Deutschland aus Angst vor Polarisierung lange tabuisiert worden sind. Der Wissenschaftler und Buchautor plädiert dafür, Probleme mit Integration, Extremismus und Antisemitismus offen und differenziert anzusprechen, sonst bekämen Menschen das Gefühl, dass ihnen die Kontrolle entgleite. „Sonst gewinnen die Falschen. Bisher waren das Rechtsradikale, Panikmacher und die AfD.“

Von Gunnar Menkens

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