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Dieses Netzwerk sichert Beweise für Gewaltopfer 

“Pro Beweis“ Dieses Netzwerk sichert Beweise für Gewaltopfer 

Misshandelte und vergewaltigte Frauen können mit Hilfe des Netzwerks ProBeweis Hinweise sichern, ohne Anzeige zu erstatten. Ein Gespräch mit Rechtsmedizinerin Anette Debertin über massivste Verletzungen  und die Scham, die Scheu, der Opfer.

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Rechtsmedizinerin Anette Debertin sichert Spuren von Gewalt gegen Frauen in der MHH Hannover.

Quelle: Alexander Körner

Hannover . “Eine Miliarde erhebt sich“ (“One Billion Rising“) heißt der weltweite Aktionstag gegen Gewalt an Frauen an diesem Mittwoch. Wie wichtig dieses Thema noch immer ist, zeigt die Arbeit vom Netzwerk ProBeweis in Hannover.

Frau Debertin, Was sehen Sie an Misshandlungen bei Ihrer Arbeit für das Netzwerk ProBeweis? Oder anders gefragt: Was tun Männer Frauen an? 

 Wir sehen das gesamte Spektrum an körperlicher und sexueller Gewalt: Frauen, die geschlagen worden sind, Frauen, die gewürgt, vergewaltigt worden sind. Frauen, die sexuell missbraucht wurden. Wir sehen auch Frauen, die trotz aller erlittenen Gewalt nicht nur einmal kommen. Wir haben mit dem Netzwerk den Fokus auf häusliche und sexuelle Gewalt gelegt, weil wir wissen, dass hier häufig eine hohe Scham- und Hemmschwelle besteht, sofort nach dem Übergriff eine Anzeige zu erstatten. Dabei stecken die Frauen häufig in Gewaltspiralen, aus denen sie sich oft nur schwer befreien können, weil Abhängigkeiten, Zwangslagen bestehen. 

 Hatten Sie heute schon einen Fall? 

 Nein, aber gestern war eine Frau hier. 

Was ist mit ihr geschehen? 

Das dürfen wir nicht sagen. Wir haben absolute Schweigepflicht. Wir verschlüsseln sogar unsere Daten, damit die Anonymität der Frauen gewahrt bleibt. Mit gutem Grund. Die Frauen fragen immer wieder nach, ob sie mit ihren Geschichten hier sicher sind. Da fallen auch Sätze wie: ‚Wenn jemand erfährt, dass ich hier war, überlebe ich das vermutlich nicht.’  

Warum wollen Frauen überhaupt Spuren einer Misshandlung sichern lassen, ohne Anzeige zu erstatten? 

Weil sie in großer Angst leben, Hemmungen haben, weil sie sich schämen. Eine Anzeige zu erstatten, ist ein großer Schritt. Wenn Frauen – gerade bei Gewalt im häuslichen Umfeld - einen Schritt aus dem Gewaltkreislauf wagen, suchen sie oft erst eine Klinik oder eine Arztpraxis, auf. Das ist eine vertrautere Umgebung. Manchmal ist die Angst der Frauen sich zu offenbaren so groß, dass sie zunächst einen konstruierten Hergang berichten – und hoffen, dass der Arzt nachfragt und dies aufdeckt. 

Und? Tun Ärzte das? 

 Sie tun es, wenn sie gut für solche Situationen geschult sind. Wir weisen immer wieder darauf hin, dass laut Studien jede vierte Frau in Deutschland körperliche und oder sexuelle Gewalt durch den Partner erfahren hat. Die Wahrscheinlichkeit, auf eine Betroffene zu treffen, ist also hoch. Bei ungeschulten Ärzten kann es Frauen passieren, dass sie auf völlige Unkenntnis stoßen. Wir kennen Fälle, da bittet eine Frau in einer Klinik mit dem Satz ‚Ich bin vergewaltigt worden’ um Hilfe und bekommt zur Antwort: ‚Wir sind nicht zuständig. Gehen Sie bitte zur Polizei.’ 

An welchen Verletzungen erkennt ein geschulter Arzt, dass eine Misshandlung vorliegt? 

Wenn jemand die Treppe herunterfällt oder sich anstößt, resultieren in der Regel an anderen Stellen Hämatome als bei gezielter Gewalt, Ein Bluterguss im Lidbereich eines Auges ohne begleitende Verletzungen spricht für einen gezielten Faustschlag. Verletzungen oberhalb der sogenannten Hutkrempenlinie deuten eher auf Schläge hin. Wenn eine Frau mit einem Gegenstand geschlagen wird, sei es eine Gürtelschnalle, ein Schuhtritt, Stock- oder Peitschenschläge, bildet sich der Schlaggegenstand als geformtes Hämatom ab. Der Randbereich blutet ein und es entsteht ein Negativabdruck.

Das sind massive Verletzungen ...

Ja, stimmt. Aber Ärzte sollten auch wissen, dass solche Verletzungen bei einer Vergewaltigung eher selten sind. Deshalb ist es wichtig, dass auch kleine Verletzungen erkannt und sorgfältig dokumentiert werden. Die Anleitung dafür stellt einen wichtigen Beitrag unserer Schulungen in den Partnerkliniken von ProBeweis dar. 

Worauf achten Sie noch? 

Wichtig ist zu wissen, wie schwer es der Frau oft fällt, das Ausmaß ihrer Misshandlungen zu berichten. Wenn sie eine Verletzung zeigt, fragen wir vorsichtig nach, ob wir den ganzen Körper anschauen dürfen. Wir achten besonders auf Diskrepanzen zwischen Vorgeschichte und Verletzungsbild. Aber wenn eine Frau nicht reden oder bestimmte Körperregionen nicht untersuchen lassen will, akzeptieren wir das auch. 

Warum ist es für ProBeweis so wichtig, dass die Verletzungen genau dokumentiert werden? 

Wenn die Frau doch Anzeige erstattet, wenn es zum Prozess kommt, kann sie damit ihre Version des Tathergangs belegen. Man kann anhand solcher Dokumentationen auch die Schwere eines Angriffs bestimmen. Wenn eine Frau am Hals gewürgt wird und danach punktförmige Einblutungen in den Augen hat, ist das ein Zeichen dafür, dass die Attacke potentiell lebensbedrohlich war. Ohne unsere Beweissicherung wäre es der Geschädigten nach einer gewissen Zeit gar nicht mehr möglich, ein Ermittlungsverfahren anzustrengen, da die Spuren beseitigt wären. 

 Warum lassen Frauen so schwere Misshandlungen über sich ergehen, ohne Anzeige zu erstatten? 

Einige Frauen sind abhängig vom Täter, haben Angst, schämen sich und andere hoffen vielleicht noch auf ein gutes Ende. Viele Frauen werden aber auch konkret bedroht.  Ich habe rechtsmedizinisch einmal eine Frau untersucht, die nicht nur Brandwunden von Zigaretten am Körper hatte. Der Täter hatte sogar immer wieder Essig in die Wunden geträufelt, damit sie langsamer heilen. 

Warum wandte sie sich nicht an die Polizei? 

Ihr Aufenthaltsrecht in Deutschland war abgelaufen. Sie wohnte heimlich in der Wohnung des Täters. Er bezahlte alles für sie. Sie war vollkommen abhängig von ihm. Deshalb ließ sie alles über sich ergehen. 

Wie lange warten die Frauen nach einer Tat, bis sie zu Ihnen kommen? 

Etwa zwei Drittel kommen in den ersten 72 Stunden danach. Das ist auch das Zeitfenster, das wir für sinnvoll halten, denn Beweise verfallen. Spermaspuren halten sich vaginal bis zu drei Tagen. Danach sind sie nicht mehr nachweisbar. Hämatome verblassen. 

 Kommen auch Männer zu Ihnen? 

Ja, aber eher selten. Sie machen etwa 5 Prozent unserer Fälle aus. 

Was für Misshandlungen sind sie ausgesetzt? 

 Es sind ähnliche Sachverhalte wie bei Frauen: Sie werden im Streit angegriffen, gekratzt, geschlagen und mit Gegenständen beworfen. 

Sie sehen so viel Gewalt: Fällt es Ihnen schwer, bei der Untersuchung Ihrer Fälle nicht emotional zu werden?  

Natürlich gibt es Fälle, die ich nicht vergessen kann. Aber ich erlebe auch, wie viele Frauen extrem dankbar sind, dass ihnen überhaupt jemand zuhört. Oft ist es das erste Mal, dass sie ihre Geschichte erzählen. Sie haben den ersten Schritt aus der Gewalt gewagt und jetzt zumindest einen Beweis für die Tat. Das könnte ihnen helfen, ihren grundrechtlichen Anspruch auf ein gewaltfreies Leben zu realisieren. Das zu erleben, gleicht die psychische Belastung aus.

Eine Miliarde erhebt sich (One Billion Rising) heißt der weltweite Aktionstag gegen Gewalt an Frauen am heutigen Mittwoch. Er wurde 2012 von der New Yorker Künstlerin Eve Ensler ins Leben gerufen. In Hannover veranstaltet das Aktionsbündnis “Stoppt sexualisierte Gewalt!“ am Mittwoch um 16.30 Uhr eine Tanzdemo auf dem Kröpcke. Das Bündnis besteht aus knapp 30 Organisationen aus Stadt und Land. Mit dabei: die Gewinnerin des Poetry Slam der Region, Tabea Farnbacher, und die Frauenrock-Band „Die Uschis“. In Deutschland beteiligen sich 2018 nach Angaben der Veranstalter in diesem Jahr mehr als 170 Städte an der Kampagne.

Von Jutta Rinas

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