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Aus der Stadt „In so eine Unterkunft gehe ich nicht“
Hannover Aus der Stadt „In so eine Unterkunft gehe ich nicht“
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06:11 02.03.2018
„Wer Alkohol oder Drogen nimmt, spürt die Kälte nicht“: Auch bei Minusgraden schlafen viele Obdachlose auf der Straße. Quelle: Christian Behrens
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Hannover

 Das Problem mit der Kälte sei eigentlich die Wärme, sagt sie. „Nur wenn man aus dem Warmen kommt, fängt man draußen an zu frieren. Ich friere nicht, weil ich immer in der Kälte bin.“ Damit hat die Frau, die sich Irene nennt, das Problem kurzerhand umgekehrt. Doch die 67-Jährige weiß natürlich, wovon sie spricht. Sie hat die letzte Nacht im Freien geschlafen. An einer Hauswand. „Mit drei Schlafsäcken und mehreren Decken geht das auch bei minus 11 Grad“, sagt sie. Wenn man sich keine Wehleidigkeit leisten darf, zeigt man besser Härte.

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Obdachlose unter der Brücke am Hauptbahnhof.

Es ist der 1. Oktober 2014, der Irenes Leben in ein Davor und ein Danach teilt. Seit jenem Tag lebt sie auf der Straße. Einst hatte sie Arbeit, Wohnung und Familie. Heute kann sie von Erwerbsunfähigkeit, einem Ex-Mann und finanziellen Problemen erzählen. Und davon, wie man der Kälte trotzt. „Ein guter Schlafplatz muss von drei Seiten windgeschätzt sein“, sagt sie. „Der Wind kühlt einen aus.“

Die Frau mit den langen Haaren steht in der Kälte neben ihrem vollgepackten Fahrradanhänger. Schneeflocken fallen auf Isomatten und Tüten; sie zieht permanent ihren kompletten Hausstand hinter sich her. Zum Frühstück isst sie am Kröpcke Asia-Food aus dem Pappbecher: „Ich kann gar nicht so schnell essen, wie ich Hunger habe“, sagt sie.

Hier gibt es Unterkünfte

In städtischen Unterkünften leben derzeit rund 1250 Menschen. Davon sind nach Auskunft der Stadt 696 in Wohnungen untergebracht, 186 in Gemeinschaftsunterkünften für Männer, 297 in Gemeinschaftsunterkünften für Familien und 71 in Frauenunterkünften. In der Wörthstraße 10 gibt es für obdachlose Männer 75 Notschlafplätze. Am Waterlooplatz gibt es Plätze für Frauen, Familien und bei Bedarf auch für Männer. Im Vinnhorster Weg gibt es zehn Plätze für Frauen. Auch im im ehemaligen Grünflächenamt in der Südstädter Langensalzastraße will die Stadt künftig obdachlose Frauen unterbringen. be/se

Kampf um gute Schlafplätze

In der Szene nennt man Irene „Muttchen“, weil sie denen, die neu auf der Straße sind, oft erklärt, wo städtische Unterkünfte sind oder dass man in der Kleiderkammer an der Berliner Allee 8 auch warme Decken bekommen kann. Besonders die vielen Zuzügler aus Osteuropa wissen oft kaum über Hilfsangebote bescheid. „Wer sich bei der Kälte nicht gut zudeckt, kann erfrieren“, sagt Irene. Besonders Trinker seien in Gefahr: „Wer Alkohol oder Drogen nimmt, spürt die Kälte nicht mehr.“ 

Oft schon hätten ihr Männer einen guten Schlafplatz weggenommen. Besonders im Winter gibt es einen Kampf um die guten Schlafplätze. Und fünf, sechs Mal sei sie draußen auch schon überfallen worden, sagt Irene. „Als ich schlief, hat mir erst kürzlich jemand den Beutel mit meinen Duschsachen geklaut.“ Darum verrät sie auch nicht, wo sie jetzt einen guten Platz gefunden hat.

Die Zahl der Obdachlosen in Hannover wächst rasant, auch wegen der Osteuropäer. Die Stadt will nun auch in Asylbewerberheimem Obdachlose einquartieren. In ihren Unterkünften bietet die Stadt derzeit rund 1250 Schlafplätze für Obdachlose an. Dennoch sollen nach Schätzungen mehr als 300 Menschen dauerhaft im Freien leben, davon etwa ein Drittel Frauen.

„Nicht in die Unterkunft“

Die Stadt betont, dass im Winter niemand abgewiesen werde. „In den vergangenen Jahren konnte jeder Person, die einen Notschlafplatz in Anspruch nehmen wollte, ein Platz zur Verfügung gestellt werden“, sagt eine Stadtsprecherin. Wenn nötig, würde man kurzfristig weitere Notschlafplätze schaffen.

„In so eine Unterkunft gehe ich aber nicht“, sagt der 54-jährige Walther, der die Nacht bei Eiseskälte in einem Hauseingang verbracht hat. „Da gibt es Dreck und Drogen, es wird geklaut und gesoffen und geprügelt.“ Deshalb sei es für ihn das kleinere Übel, auf der Straße zu schlafen. Selbst im Winter.

Auch Martin lehnt es ab, in der Unterkunft zu schlafen. „Hier ist schon gut“, sagt der 40-Jährige. Der Tscheche lebt seit fünf Jahren in Hannover. Sein Traum, hier eine anständig bezahlte Arbeit zu finden, hat sich rasch zerschlagen. Jetzt schläft er auf der Bahnhofstraße. Er kann erzählen, wie Ladenbesitzer ihn aus Eingängen vertrieben haben, wie er bestohlen wurde und dass die Polizei ihn regelmäßig kontrolliere.

„Die Polizei ist super“, sagt hingegen Irene, „die kümmert sich.“ Am vergangenen Abend hat sie außerdem eine fremde Frau sie angesprochen und gefragt, ob sie Hilfe brauche. „Manchmal fragen Leute auch, ob man mit zu ihnen nach Hause gehen will.“ Doch davon würde sie jedem Obdachlosen abraten: „Die wollen nur Sex.“ Das Angebot der Frau hingegen hat sie gerne angenommen. „Sie hat mir dann eine Thermoskanne Tee gebracht und eine Isomatte geschenkt“, sagt Irene, während dichte Schneeflocken auf ihren Hausstand fallen. Sie lächelt: „Das war schon toll.“

Info: Wer augenscheinlich hilflose Obdachlose auf der Straße sieht, kann den Notruf wählen und die Zentrale Beratungsstelle unter (0511) 9904015 verständigen.

Kältebus fährt jetzt täglich

Angesichts der niedrigen Temperaturen ist der Kältebus der Johanniter, der Obdachlose versorgt, jetzt täglich unterwegs. Bislang betreuten die Johanniter Obdachlose zweimal wöchentlich mit Essen, heißen Getränken und Decken. „Wir fahren jeden Tag raus, so lange Dauerfrost herrscht“, sagt Dienststellenleiter Michael Homann. Von 18 Uhr an steuert der Bus Lutherkirche, Hauptbahnhof und Kröpcke an. Die ehrenamtlichen Helfer gaben allein im Winter 2016/2017 genau 1493 Portionen Essen aus. Bis Mitte Februar waren es in diesem Jahr schon 1106 Portionen.

Von Simon Benne

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