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Frühere Lehrer im Dienst der Versöhnung

Auschwitz Frühere Lehrer im Dienst der Versöhnung

Vor 73 Jahren wurde Auschwitz befreit. Zwei Pädagogen aus Hannover haben im polnischen Oświęcim Lehraufträge übernommen. Sie leben sie auf dem früheren KZ-Gelände – und führen Nationen zusammen.

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Im Ruhestand gingen sie nach Auschwitz – dort leisten Fritz Michler (l.) und Matthias Gleitze (r.) Versöhnungsarbeit.

Quelle: Tim Schaarschmidt

Hannover.  Wenn er erzählt, was er nach seiner Pensionierung jetzt so macht, gerät das Gespräch rasch ins Stocken: „Ich arbeite jetzt in Auschwitz“ – das ist ein ungeheuerlicher Satz. Matthias Gleitze muss in solchen Situationen dann erklären, dass das heutige Oświęcim in Polen eine veritable Kleinstadt mit vielen jungen Studenten ist und dass er an der dortigen Hochschule vor fast fünf Jahren eine Germanistik-Professur übernommen hat. Aber natürlich weiß der 71-Jährige, wie verstörend allein das Wort Auschwitz ist. Zum 73. Mal jährt sich am 27. Januar der Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers, und noch immer steht der Name für das Menschheitsverbrechen schlechthin.

Bis 2013 war Gleitze Schulleiter der Alice-Salomon-Schule. Als er in Pension ging, holte der Rektor der Witold-Pilecki-Hochschule in Oświęcim, der Deutschland-Kenner Witold Stankowski, ihn an sein Institut für Germanistik. Als Anglistik-Dozent kam im vergangenen Dezember ein weiterer Hannoveraner dazu: Fritz Michler, der langjährige Leiter der Hannah-Arendt-Schule. „Wir leben dort in einem früheren SS-Stabsgebäude auf dem ehemaligen Lagergelände“, sagt Gleitze. „Vermutlich sind wir die ersten Deutschen, die dort arbeiten und keine Verbrecher sind.“

Mit Blick auf die Wachtürme

Die Anregung, das historisch belastete Gebäude für die Hochschule zu nutzen, als Ort der Bildung für junge Menschen, war von ehemaligen KZ-Häftlingen ausgegangen. Trotzdem gab es kritische Leserbriefe in einer örtlichen Zeitung, als Gleitze 2013 in Oświęcim begann: Warum musste ausgerechnet ein Deutscher dort die Sprache der Täter lehren? Diese Stimmen seien mittlerweile verstummt, sagt Gleitze: „Wir wurden dort mit großer Gastfreundschaft aufgenommen.“

„Von den Kollegen bis zum Hausmeister werden wir von allen unterstützt“, sagt auch Michler. „Es ist ein großes Geschenk, an diesem Ort als Deutscher so vorbehaltlos akzeptiert zu werden.“ Wenn er dort aus seinem Fenster sieht, blickt er auf Stacheldraht und Wachtürme. Ein beklemmendes Gefühl: „Dort schaue ich auf den größten Friedhof Europas.“ Mindestens 1,1 Millionen Menschen wurden in Auschwitz von den Nazis ermordet. Jeder Spaziergang führt dort unweigerlich über die Asche von Leichen. Eines Nachts sei er aufgewacht, weil er die vorbeiratternden Züge hörte, sagt Gleitze: „Da kamen mir sofort die Bilder in den Sinn, die jeder kennt.“

Schon in Hannover hatte sich Michler immer wieder um Schüleraustausche und internationale Partnerschaften gekümmert. „Auch in Oświęcim geht es uns um den Abbau von Vorurteilen, das Kennenlernen anderer Kulturen – wir arbeiten dort auch am Zusammenwachsen Europas“, sagt der 64-Jährige.

Die Pädagogen erzählen , wie sie ihren Studenten Praktika in Deutschland vermitteln und Studienfahrten nach London organisieren. Gleitze hat seinen Schülern erlaubt, im Unterricht Handys zu benutzen: „Sie suchen damit höchstens nach Vokabeln, so begierig sind sie, Deutsch zu lernen.“ Gerade haben die beiden Dozenten eine Kooperation ihrer Hochschule mit der MHH initiiert, im Juli wird es in Oświęcim einen türkisch-polnischen Kongress zum Thema Menschenrechte geben. Auch Kontakte zu einer Hochschule in Israel haben sie  geknüpft.

„Wir lernen voneinander“

Bei Bildungseinrichtungen in Deutschland ist ihre Hochschule ein begehrter Partner: „Viele pädagogische Einrichtungen wollen aber nur den Begriff ,Auschwitz’ auf ihrer Homepage haben“, sagt Gleitze. Der Name dient manchem vor allem als Ausweis der eigenen guten Gesinnung. „Aber eine Partnerschaft muss auch mit Leben gefüllt werden.“

Die Dozenten, die selbst nur ein paar Brocken Polnisch sprechen, pendeln regelmäßig zwischen Hannover und Oświęcim, wo sie in jedem Semester mehrere Wochen verbringen. Eine Gewöhnung an den Schreckensort gebe es nicht. „Die besondere Situation ist mir stets bewusst“, sagt Michler. 

„Trotzdem wird bei uns im Unterricht auch mal gelacht“, sagt Gleitze. Und es gebe mit den Studenten sehr offene Diskussionen – auch über die nationalkonservative polnische Regierung oder Antisemitismus in Deutschland und Polen. „Ich bin nur zu 20 Prozent Professor und zu 80 Prozent selbst Student“, sagt Gleitze: „Wir lernen viel voneinander.“

Fragt man Michler, was er den jungen Polen vermitteln will, zitiert er einen Satz von Hannah Arendt. Einen Satz über die Freiheit und die Verantwortung jedes einzelnen Menschen: „Niemand hat das Recht zu gehorchen.“ In Auschwitz ahnt man vielleicht stärker als irgendwo sonst, was das bedeutet.

Gedenken zum Jahrestag

Am 27. Januar 1945 wurde das KZ Auschwitz von der Roten Armee befreit. Anlässlich des bundesweiten Gedenktags für die Opfer des Nationalsozialismus gibt es auch in Hannover mehrere Veranstaltungen.

Bereits am 22. Januar, 10 Uhr, zeigt die Konrad-Adenauer-Stiftung im Kino am Raschplatz den Film „Die Unsichtbaren – wir wollen leben“, in dem es um untergetauchte Juden im Berlin der NS-Zeit geht. Anschließend gibt es eine Diskussion mit der Zeitzeugin Ruth Gröne, dem stellvertretenden Landesvorsitzenden der jüdischen Gemeinden, Michael Grünberg, sowie Ingrid Wettberg von der Liberalen Jüdischen Gemeinde.

In der Gedenkstätte Ahlem, Heisterbergallee 10, gibt es am 26. Januar um 12 Uhr eine Gedenkveranstaltung, die von Schülern der Sophienschule mitgestaltet wird. Anschließend werden Kränze niedergelegt.

In der Marktkirche beginnt am 27. Januar, 18 Uhr, ein Gedenkkonzert mit synagogaler Musik unter der Leitung von Andor Izsák. Es singen der Chor der Kirchengemeinde St. Severin auf Sylt und der Deutsch-Russische Chor Hamburg. Es spricht unter anderem Landessuperintendentin Petra Bahr.

Am 28. Januar, 16 Uhr, beginnt in der Synagoge in der Haeckelstraße eine Gedenkveranstaltung. Es sprechen Michael Fürst, Präsident des Landesverbands Jüdischer Gemeinden, und Oberbürgermeister Stefan Schostok.

Von Simon Benne

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