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Aus der Stadt Polizist wird fast von Balkon im 5. Stock gestoßen
Hannover Aus der Stadt Polizist wird fast von Balkon im 5. Stock gestoßen
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00:21 14.06.2018
Marc N. (r.) - hier mit seinem Verteidiger Matthias Waldraff - gibt vor Gericht bereitwillig Auskunft. Quelle: Tim Schaarschmidt
Hannover

Es ist gut ein Jahr her, dass ein Polizist um ein Haar sein Leben verloren hätte, durch einen Sturz aus dem 5. Stock eines Hauses. Der heute 30 Jahre alte Beamte wurde von dem unter Drogen stehenden und wild tobenden Marc N. rückwärts gegen die Balkonbrüstung einer Wohnung in der List gestoßen. Im letzten Moment konnte der Polizist mit beiden Händen das Geländer umfassen, ein Fuß schwebte schon in der Luft, doch dann drückte sich der großgewachsene Beamte wieder nach vorn und fand festen Halt. Seit Montag muss sich der 26-jährige N. wegen versuchten Totschlags, gefährlicher Körperverletzung und Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte vor dem Schwurgericht verantworten.

Schemenhafte Erinnerungen

Auf der Anklagebank sitzt ein junger Mann, der in Gestus, Sprache und Aussehen eher einem Jungunternehmer entspricht als einem langjährig Drogensüchtigen. Verteidiger Matthias Waldraff gibt eine Erklärung ab, dass seinem Mandanten das Geschehen „ehrlich und aufrichtig“ leid tue. Der 26-Jährige selbst versucht auf alle Fragen des Gerichts – den Vorsitz hat Wolfgang Rosenbusch – eine Antwort zu geben, hält mit nichts hinter dem Berg. Doch seine Erinnerungen an das Drama an jenem 30. April 2017 gegen 13.55 Uhr sind nur schemenhaft.

Vier Tage lang habe er im April 2017 in einem „ziemlich kranken Techno-Schuppen“ am Steintor durchgefeiert, erklärt Marc B. Dabei habe er reichlich Ecstasy-Tabletten eingeworfen. Am Tattag sucht er seinen Vater in dessen Wohnung in der Podbielskistraße nahe der Liebigstraße auf. Dieser lässt ihn nicht gleich herein, die Frage steht im Raum, ob N. in seinem desolaten Zustand zur Beerdigung der Großmutter mitgehen soll und darf. Doch dann rastet N. aus. Er tritt die Wohnungstür ein, schlägt seinen Vater im Zuge des nachfolgenden Streits mit der Faust ins Gesicht. Anschließend geht er auf den Balkon, um eine Zigarette zu rauchen; der am Kopf blutende Vater ruft die Polizei.

Attacke im Schwitzkasten

Es dauert nicht lange, bis vier Beamte im 5. Stock eintreffen. Bei dem Versuch, N. Handschellen anzulegen, beginnt dieser zu toben, tritt und schlägt um sich. Irgendwann packt der 30-jährige Polizeikommissar den Kopf des 1,92 Meter großen Mannes, hält diesen vor seinem Bauch in einer Art Schwitzkasten fest. Doch dann stößt sich N. ab, schleudert den Beamten rückwärts gegen die Brüstung.

„Einen kurzen Moment dachte ich: Jetzt ist es vorbei“, schilderte der Polizist vor Gericht seine Empfindungen während der lebensbedrohlichen Situation. Dieses schreckliche Gefühl habe sich tief eingebrannt und begleite ihn bis heute. N. konnte an jenem Donnerstag erst mithilfe von drei weiteren Beamten, Schockschlägen und Pfefferspray gebändigt werden.

Wahn und Depressionen

Eine Kernfrage dieses Prozesses ist, in welchem Maße N. schuldfähig ist. Denn es ist nicht nur der Drogeneinfluss zur Tatzeit, der für eine eingeschränkte Steuerungsfähigkeit spricht. Der alkoholkranke 26-Jährige leidet schon seit Jahren unter einer Psychose, hat mit Depressionen zu kämpfen und Selbstmordversuche hinter sich. Dem Polizisten, der beinahe vom Balkon gestürzt wäre, war schon beim ersten Zugehen auf den Jüngeren dessen „total wirrer Blick“ und sein Tänzeln – mit Kopfhörern im Ohr – aufgefallen. Laut dem psychiatrischen Sachverständigen Tobias Bellin war N. bei der Tat nur vermindert schuldfähig, sollte in einer Entziehungsanstalt untergebracht werden. Ohne Drogenkonsum dürfte N. auch seine psychischen Probleme in den Griff bekommen.

So hat der 26-Jährige in seinem von Drogenmissbrauch und Krankheit geprägten Leben denn auch noch nicht viel zustande gebracht, hat einige Ausbildungsversuche abgebrochen, ist arbeitslos. Er habe sogar schon mal geplant, selbst Polizist zu werden, erzählt N. dem Gericht. Auch darum habe er sicher nie bewusst die Absicht gehabt, den Beamten aus der Lister Wohnung in die Tiefe zu stoßen, sagt N. Er habe nur in Panik gehandelt.

Von Michael Zgoll

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