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Aus der Stadt Expertinnen aus Hannover konservieren Leichen in Ruanda
Hannover Aus der Stadt Expertinnen aus Hannover konservieren Leichen in Ruanda
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00:19 09.02.2018
Arbeit an der Leiche eines ermordeten Kindes: Monika Lehmann und Dorte Schaarschmidt schulen in Ruanda afrikanische Kollegen im Umgang mit menschlichen Überresten. Quelle: NLA
Hannover

 Was für eine Frage. „Wissen Sie, wie man Leichen reinigt?“ Natürlich kennen sich die Mitarbeiter des Landesamtes für Denkmalpflege damit aus. „Wir haben ja eigentlich täglich mit menschlichen Überresten zu tun“, sagt Restauratorin Monika Lehmann. Ihr Team untersucht für gewöhnlich altsächsische Gräberfelder oder Skelette aus dem Mittelalter, sie sind auch spezialisiert auf Moorleichen wie den berühmten „Roten Franz“. Als sich jedoch die Gerichtsmediziner vom Uniklinikum Hamburg-Eppendorf (UEK) vor einiger Zeit mit ihrer ungewöhnlichen Frage bei den Denkmalpflegern meldeten, ging es um etwas anderes. Es ging um „rezente Mumifizierung“, wie Wissenschaftler nüchtern sagen. „Um Tote, die wir noch persönlich hätten kennen können“, sagt Restauratorin Dorle Schaarschmidt.

Die Hamburger, die schon länger in Ruanda arbeiteten, baten gemeinsam mit einer ruandischen Regierungsbehörde, der „Nationalen Kommission für den Kampf gegen Genozid“, um Amtshilfe in Hannover – bei der Konservierung von Leichen.

Unvorstellbar grausames Massaker

Etwa eine Million Menschen wurden in dem afrikanischen Land beim Völkermord der Hutu an den Tutsi 1994 ermordet. Rund 800 Opfer liegen bis heute in den Klassenzimmern einer Schule in Murambi, wo bei einem unvorstellbar grausamen  Massaker binnen drei Tagen rund 50 000 Tutsi den Tod fanden. Ihre Präsentation gehört in der Gedenkstätte zur Erinnerungskultur; teils hat man die Toten auf Holzgestelle gebettet und zweimal im Jahr mit Kalk eingepinselt, um sie vor dem Verfall zu bewahren. Aber das ist keine langfristige Lösung, um die Körper zu erhalten.

So helfen Expertinnen aus Hannover, Leichen aus Ruanda zu konservieren

„Ich weiß noch, wie ich in der Tagesschau damals vom Völkermord hörte – nie hätte ich geglaubt, dass ich damit einmal beruflich zu tun haben würde“, sagt Monika Lehmann. Die 58-Jährige steht im Kellerlabor des Landesamtes im Zooviertel. In Schalen mit demineralisiertem Wasser lagern Lederfunde aus dem Harzbergbau. In einem Abzugsschrank steht ein Exsikkator, ein abgedichteter Trockenbehälter aus Glas. Darin liegen ein Arm und der Unterschenkel eines Kindes, das 1994 in Ruanda starb. Erschütternde Relikte eines monströsen Verbrechens.

„Diese Asservate haben uns die Kollegen aus Ruanda geschickt“, sagt Lehmann. Im Landesamt haben sie die Haut der Gliedmaßen in kleine Probefelder unterteilt, um zu testen, wie man sie am besten von der Kalkschicht säubert. Sie probierten es mit Pinsel und Ultraschallmeißeln, mit Schleifbürsten und Schwämmen. „Am besten funktioniert Korkmehl“, sagt Monika Lehmann. Mit einer Art kleinem Sandstrahlgerät wird dieses auf die Oberfläche gepustet – und entfernt dabei den Kalk von der ausgetrockneten Haut.

 „Professioneller Blick hilft“

Wasser könnte den Körperteilen eher schaden, sagt die Restauratorin – da gilt die konservatorische Faustregel „Was trocken ist, lass trocken, was nass ist, lass nass“. Auch die Behandlung mit aufwendigen Apparaten oder Chemikalien ist in Murambi, vier Autostunden über staubige Pisten von der Hauptstadt Kigali entfernt, nicht praktikabel.

Im vergangenen Jahr waren Monika Lehmann und Dorle Schaarschmidt selbst für sieben Tage in Murambi. Sie haben eine Werkstattstation aufgebaut, ruandische Kollegen geschult, klimatische Messungen durchgeführt und ein Konservierungskonzept erarbeitet. Finanziert wird das Projekt vom Deutschen Akademischen Austauschdienst. „Es ist schon ein beklemmender Anblick, ganze Räume voller Leichen zu sehen“, sagt Schaarschmidt. „Ein professioneller Blick hilft, das Leid für den Moment auszublenden“, sagt Lehmann. 

Leichen sind stumme Zeugen

In diesem Februar sind die beiden Wissenschaftlerinnen nun zum zweiten Mal in Ruanda, um Millimeter für Millimeter Leichen zu säubern und um ruandische Kollegen anzuleiten. Gemeinsam mit diesen legen die Expertinnen aus Hannover an den Opfern Spuren frei, die Hinweise auf die Geschichte der Toten liefern. Womöglich lassen sich so irgendwann einmal Tathergänge rekonstruieren, oder Angehörige können zumindest in Einzelfällen Gewissheit über das Schicksal ihrer ermordeten Verwandten erlangen. „Wenn wir die Opfer reinigen, geben wir ihnen aber auch etwas von ihrer Würde zurück“, sagt Lehmann.

Die Täter verfuhren damals nach dem zynischen Motto „Leave non to tell the story“ – es sollte niemand übrig bleiben, der von den Verbrechen berichten konnte. Die Leichen aber sind bis heute stumme, anklagende Zeugen. „Es ist nicht gelungen, sie zum Schweigen zu bringen“, sagt Lehmann. Darum dringen Angehörige und Opfervertreter auch darauf, die sterblichen Überreste zur Mahnung öffentlich zu zeigen. Bis zum 25. Jahrestag des Massakers im Jahr 2019 sollen die ersten 20 Körper in Murambi gereinigt präsentiert werden. Um vor der Welt an ihr sinnloses Sterben zu erinnern.

Amtshilfe aus Hannover

Der Völkermord bewegte die Welt: Am 6. April 1994 wurde das Flugzeug des ruandischen Präsidenten Jubénal Habyarimana abgeschossen. Das nie aufgeklärte Attentat löste eine Welle der Gewalt zwischen den Volksgruppen des Landes aus. Innerhalb von nur 100 Tagen schlachteten Angehörige der Hutu-Mehrheit rund 75 Prozent der in Ruanda lebenden Minderheit der Tutsi ab; Schätzungen gehen von bis zu einer Million Toten aus. Heute kümmert sich die National Commission for the Fight against Genocide (CNLG) darum, die Erinnerung an die Massaker wachzuhalten. Die Präsentation von sterblichen Überresten der Opfer in rund 200 Gedenkstätten hat für die Menschen in Ruanda immense Bedeutung. Beim Erhalt dieser Relikte leistet das Landesamt für Denkmalpflege aus Hannover nun Amtshilfe. be

Von Simon Benne

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