Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Aus der Stadt Der Professor und die kleinen Jungs
Hannover Aus der Stadt Der Professor und die kleinen Jungs
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:16 14.01.2018
Helmut Kentler als Professor in Berlin im Jahr 1971.  Quelle: Ingo Barth/ullstein Bild
Hannover

  Es begann perfiderweise in dem Moment, als Marco Vertrauen fasste. Rund ein halbes Jahr lebte der Junge Ende der Sechzigerjahre bei seinem Pflegevater in Berlin. „Papa“, „Paps“, nannte er ihn jetzt, so wie sein vom Jugendamt Schöneberg bestellter Vater es forderte. Da fing das an, was „Papa“ kuscheln nannte: der sexuelle Missbrauch eines gerade einmal Siebenjährigen durch einen 40 Jahre älteren Mann. Nicht nur mit oraler Befriedigung, sogar mit Analverkehr gingen die Übergriffe einher. Das Ganze endete erst rund zehn Jahre später – als Marco fast erwachsen war.

Marco heißt in Wirklichkeit nicht so – und er hat seine Geschichte jetzt erstmals öffentlich erzählt: im Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. Der Mann, der für sein Leid maßgeblich mit verantwortlich ist, wirkte viele Jahre in Hannover: Helmut Kentler, renommierter Sexualwissenschaftler, Gerichtsgutachter und 20 Jahre lang – von 1976 bis 1996 – Professor für Sozialpädagogik am Institut für Berufspädagogik der Universität Hannover. Erst auf Nachfrage der HAZ distanzieren sich Hochschulleitung und philosophische Fakultät „in aller Deutlichkeit“ von dem Mann, der sich „in einer aus heutiger Sicht inakzeptablen Weise wissenschaftlich geäußert beziehungsweise seine Forschungen betrieben hat“.  

Kentler, der bis zu seinem Tod 2008 in der Gartenhofsiedlung in Marienwerder lebte, war verantwortlich für ein Projekt, das man sich heute kaum mehr vorstellen kann. Ende der Sechzigerjahre wurden mindestens drei Jungen in Berlin vom Jugendamt zu pädosexuellen Pflegevätern vermittelt: Genehmigt wurde das „pädagogische Modellprojekt“ von der Westberliner Senatsverwaltung. Kentler, damals Abteilungsdirektor des Pädagogischen Zentrums in Berlin, suchte die Väter aus, übernahm die Supervision, machte zweimal die Woche Hausbesuche. Der Grund für die Pflegschaften konnte aus heutiger Sicht kaum zynischer sein. Die Jungen waren Herumtreiber, manche offenbar lernbehindert. Marco begann mit etwa fünf Jahren nachts „wie ein Penner“ durch halb Kreuzberg zu laufen. Zu Hause wurde er misshandelt. Strafaktionen, bei denen er an Armen und Beinen gefesselt bei laufendem Wasser in die Badewanne gelegt wurde, seien „normal“ gewesen.

Straftaten sind verjährt

Die pädosexuellen Männer seien die einzigen, die die „schwachsinnigen Jungen“ gern aufnähmen, weil sie „in sie verliebt, verknallt, vernarrt waren“, argumentiert Kentler Jahre später, 1981, bei einer Fraktionsanhörung vor FDP-Bundestagsabgeordneten. Sexuelle Kontakte zwischen Erwachsenen und Kindern nimmt er bewusst in Kauf. „Mir war klar, dass die drei Männer darum so viel für ‚ihren‘ Jungen taten, weil sie mit ihm ein sexuelles Verhältnis hatten“, heißt es 1988 in einem Gutachten Kentlers zur Eignung Homosexueller als Pflegeeltern. Kentler weiß zu diesem Zeitpunkt, dass ihm diese Aussage jetzt nicht mehr gefährlich werden kann. An anderer Stelle schreibt er, er könne jetzt über den Fall berichten, weil die Straftaten aller Beteiligten inzwischen verjährt seien. „Ich achtete bei meiner Supervision besonders darauf, dass sich die Jungen nicht unter Druck gesetzt fühlten“, heißt es in dem Gutachten weiter. Aussagen von Opfern wie Marco belegen jetzt, welche sexuelle Gewalt diese Pflegestellen in Wahrheit prägten.

1988, als er das schreibt, lehrt Kentler längst an der Universität Hannover. Das Auftragsgutachten ist mit „Lehrgebiet Sozialpädagogik im Institut für Berufspädagogik Universität Hannover, Universitätsprofessor Dr. Helmut Kentler“ überschrieben. Allein das legt die Frage nahe: War das Wirken des Mannes, der Berufsschullehrer ausbildete, auch in Hannover von pädosexuellem Vorgehen geprägt? 

Bislang hat die Leibniz-Uni keine eigene Aufarbeitung initiiert. Das ist umso erstaunlicher, als nicht nur die Passagen aus dem Gutachten darauf hindeuten, dass Kentler seine pädosexuellen Positionen nie aufgab – und sie auch in seiner Funktion als hannoverscher Sozialpädagoge etablierte. In Marcos Akten, die der „Spiegel“ einsehen konnte, empfiehlt Kentler Anfang der Neunzigerjahre in drei Stellungnahmen an das Berliner Familiengericht, an Marcos pädophilem Pflegevater festzuhalten. Immer wieder wird dessen Eignung von Ärzten und Psychologen, die Auffälligkeiten in Marcos Verhalten feststellen, in Zweifel gezogen. Kentler hat da noch Kontakt zu den Beteiligten seines „Experiments“. Den Mann, der nicht zögerte, einen Siebenjährigen zu missbrauchen, bezeichnet er als „pädagogisches Naturtalent“.  Die Stellungnahmen tragen den Briefkopf der Universität Hannover. Sie belegen überdies, dass Pflegeväter wie der von Marco mit tatkräftiger Hilfe Kentlers aus Hannover mehr als 20 Jahre lang ihr Unwesen treiben konnten.

Kentler wird niedergebrüllt

Wie problematisch die Causa Helmut Kentler ist, wird schon zu Lebzeiten an vielen Stellen klar. 1987 wird ihm wegen umstrittener Positionen zu Pädophilie und Päderastie der Magnus-Hirschfeld-Preis in letzter Minute nicht zuerkannt. Dennoch erwähnt Kentler sein „Experiment“ 1989 in seinem Buch „Leihväter. Kinder brauchen Väter" wieder. 1993 schreibt die „Emma“ , dass Kentler, der auch Mitglied der geachteten Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung (DGfS) ist, die Unterbringung straffälliger Jungen bei „pädagogisch interessierten Päderasten“ empfehle. 

Es kommt in Hannover im Dezember 1993 zu einer Veranstaltung, bei der Kentler von feministischen Gruppen niedergebrüllt wird. Ein junger Mann schlägt ihm mit der Faust ins Gesicht. Der Grund: Kentler, der 1970 öffentlich für eine völlige Straffreiheit für Sex mit Kindern und Jugendlichen plädierte, hat als Gutachter in mehreren Strafverfahren wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern für die Eltern einen Freispruch erreicht. Die Staatsanwaltschaft Hannover konnte auf HAZ-Anfrage nicht sagen, ob Kentler in der Landeshauptstadt Gutachten erstellte. Bei solchen Altfällen brauche man präzise Angaben, um sie noch zu finden.  

Der Karriere Kentlers schadet all das nicht. Er hat sich seit den Sechzigerjahren Meriten mit aufklärerischen Positionen in der Sexualerziehung erworben. Seine in Hannover erstellte Dissertation „Eltern lernen Sexualerziehung“ erscheint im Rowohlt-Verlag und erreicht bis in die Neunzigerjahre hinein eine Auflage von mehr als 30 000 Exemplaren. Kentler, der drei Adoptivsöhne und einen Pflegesohn großzieht, avanciert zu einer Ikone der Schwulenbewegung. Der Mann, der sich Ende der Sechzigerjahre outet, ist der erste Autor, der Homosexualität als normale Sexualform diskutiert. 

Leibniz-Uni lädt Nentwig ein

Dennoch: Die Kritik verstummt nicht. Posthum belegen Wissenschaftler um den Göttinger Parteienforscher Franz Walter 2013, dass Kentler eine Schlüsselposition in einem bundesweiten Netzwerk pädophiliefreundlicher Aktivisten zukommt. Damals arbeitet das Institut für Demokratieforschung der Uni Göttingen die Rolle der Grünen, später auch der FDP, im Umgang mit Pädosexualität auf. 2015 beauftragt der Berliner Senat die Göttinger Historikerin Teresa Nentwig mit der Aufarbeitung von Kentlers „Experiment“. Nentwig hat schon Hinrich Wilhelm Kopfs Verstrickungen in NS-Verbrechen aufgedeckt. Seit 2016 arbeitet sie an einem Forschungsprojekt über die Rolle Kentlers im pädosexuellen Diskurs, das vom niedersächsischen Wissenschaftsministerium gefördert wird. 

Aktiv eingebracht – mit eigenem Forschungsinteresse speziell an der Aufarbeitung von Kentlers Wirken in Hannover oder gar einem Forschungsauftrag – hat sich die Leibniz-Universität bislang nicht. Dabei bleibt Kentler Nentwig zufolge in Hannover thematisch alten Steckenpferden treu: der Arbeit mit sozial auffälligen Jugendlichen, Berufsschulunterricht mit schwierigen Schülern beispielsweise. Man danke Nentwig für die „gründliche Aufarbeitung“, heißt es dazu aus Hannover schlicht. 

Einen Tag nach der Anfrage der HAZ lädt die Uni Nentwig zu einem Vortrag über Kentler ein. Fragt man nach, wann und in welchem Rahmen dies geschehen soll, kommt als Antwort: nichts.

„Er wirkte klug und freundlich“

Kentler war offenbar auch für das hannoversche Jugendamt tätig. Eine Frau erinnert sich.

Ein  freundlicher, älterer Herr sei „Herr Kentler“ gewesen, nicht autoritär, nicht besonders förmlich – und den Professor habe er auch nicht dauernd herausgekehrt. Die Frau, die den heute so umstrittenen Sexualwissenschaftler Helmut Kentler so positiv beschreibt, möchte ihren Namen nicht in der Zeitung lesen. Zu sehr fürchtet sie, ihn mit ihren Erinnerungen an ihre Begegnungen vor fast 30 Jahren zu verklären 

Als die heute 66-Jährige Kentler Ende der Achtzigerjahre in Hannover trifft, hat sie etwas Besonderes vor. Sie und ihre  Lebensgefährtin wollen – als erstes Paar in Hannover – ein Pflegekind zu sich nehmen. Die beiden lesbischen Frauen stellen einen Antrag beim Jugendamt Hannover und registrieren mit Erstaunen, dass die Behörde positiv reagiert. Weil das Ganze in Hannover aber offenbar ein Novum ist, schlägt das Jugendamt dem Paar eine wissenschaftliche Begleitung vor: Helmut Kentler, jenen Mann, der gerade ein Gutachten über die Eignung Homosexueller als Pflegeeltern fertiggestellt hat. Die Stadt Hannover äußerte sich zu dem Vorgang bislang nicht. 

Er habe die These vertreten, dass es von Vorteil sei, wenn ein lesbisches Paar einen Jungen aufnehme und umgekehrt, erinnert sich die Frau. Dass Kinder in der Kleinfamilie kein  natürliches Rollenvorbild vorfänden, sondern sich selbst  in der Umgebung eines suchen müssten, sei für deren Entwicklung von Vorteil. Kentler habe bei drei Treffen mit ihr und ihrer Partnerin auch auf die Schwierigkeiten der Pflegschaft eines homosexuellen Paares hingewiesen. Sie fand das gut und klug. Aus persönlichen Gründen zerschlug sich der Vorsatz, ein Kind aufzunehmen, aber später. 

Die Frau kam 1993 noch einmal mit Kentler in Kontakt. Sie besuchte jenen Abend in der Fachhochschule für Sozialarbeit im Stephansstift, bei dem Kentler wegen seiner Positionen zur Sexualität von Erwachsenen mit Kindern ausgebuht, bedrängt, ja  sogar körperlich attackiert wurde (siehe hierzu unseren HAZ-Ausriss). Die Demonstranten hätten Kentler vorgeworfen, dass er Sexualität auch in Abhängigkeitsverhältnissen zulasse. Es sei ihr deutlich geworden, dass der Forscher nicht die Grenze wahrte, die Erwachsene zu Kindern haben sollten. „Als ich das merkte, war ich froh, dass die Sache mit dem Kind am Ende doch so nicht geklappt hat“, sagt sie heute. Bei so einem zweifelhaften Mentor hätte das gesamte Projekt, dass ein lesbisches Paar ein Pflegekind aufnimmt, in ein falsches Licht gerückt werden können.

Von Jutta Rinas

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Vom Riesentausendfüßler bis zur Schildkröte: Im Regenwaldhaus des Sea Life Herrenhausen haben Schülerinnen des Goethegymnasiums Tiere gezählt.

11.01.2018

Beim ersten Fotomarathon in Hannover waren im September 2017 rund 300 Hobbyfotografen unterwegs. Eine Ausstellung in den Verdi-Höfen zeigt jetzt Bilder der 20 Preisträger.

11.01.2018

45 Pinguine, sechs Waschbären, zwei Löwen: Im Zoo Hannover wurden wieder alle Tiere gezählt – und es sind deutlich mehr als im letzten Jahr. Doch nicht alle Tiere machten es den Pflegern leicht. 

14.01.2018