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Aus der Stadt Dehydriert: Patientin kollabiert in Pflegeheim
Hannover Aus der Stadt Dehydriert: Patientin kollabiert in Pflegeheim
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00:17 17.04.2018
Das städtische Willy-Platz-Seniorenzentrum in Bothfeld. Quelle: Tim Schaarschmidt
In Hannover

Schon der erste Eindruck, den Tanja Groß bekam, war nicht geeignet, ihr Vertrauen zu gewinnen. „Die Wände schäbig und mit Flecken, abgestoßene Fußleisten, Staub auf dem Nachttisch nur zusammengewischt, in der Schublade noch ein schwarzes Haar von der vorigen Bewohnerin und eine Fernbedienung, wer weiß, mit Bakterienstämmen der letzten 20 Jahre.“ Dieses Zimmer im Willy-Platz-Heim in Bothfeld war nicht der Ort, den die Versicherungsfachwirtin freiwillig für ihre Mutter ausgesucht hätte. Nur blieb ihr keine Wahl.

Hindernis Warteliste

Gertrud Groß ist 87 Jahre alt, sehr krank an Herz und Nieren, und nach zwei Stürzen im gemeinsam bewohnten Haus erhoffte sich Tanja Groß in der Kurzzeitpflege Betreuung rund um die Uhr. Sie selbst konnte das wegen ihrer Arbeit nicht leisten, auch nicht mithilfe eines Pflegedienstes, der viermal am Tag nach ihrer Mutter sieht. Als sie Heime auf der Suche nach einem Zimmer abtelefonierte, hieß es immer nur: Warteliste, Warteliste, Warteliste. Es war eine Situation, wie Angehörige sie kennen, die einen Heimplatz suchen. Man sieht sich verschiedene Heime an und hofft, dass man mit seiner Entscheidung für ein Haus richtig liegt, und quält sich doch mit der Frage, wie es diesen oft hilflosen und ausgelieferten Menschen im Pflegeheim ergehen mag.

Sie entschied sie sich für das städtische Heim, dem in die Jahre gekommenen Zimmer und ihren Zweifeln zum Trotz. Sie nahm, was sie bekommen konnte. Ein Fehler, sagt sie inzwischen: Zwei Tage nach der Aufnahme von Gertrud Groß im Willy-Platz-Seniorenzentrum alarmierte ihre Tochter bei einem Besuch den Rettungswagen, der ihre Mutter unverzüglich ins Clementinenhaus brachte. „Sie war bewusstlos“, ihr Körper ausgetrocknet. Tanja Groß sagt: „Das Heim hat meine Mutter innerhalb von 48 Stunden in Lebensgefahr gebracht. Ich empfinde das als Körperverletzung.“ Tanja Groß ist kein Mensch, der aus geringem Anlass einen Konflikt sucht. Allerdings ist sie sehr genau, wenn sie ihre Mutter in fremde Hände geben muss. Für das Pflegepersonal im Willy-Platz-Heim hatte sie eine Notfallmappe mit Arztberichten und detailliertem Medikamentenplan vorbereitet. Sie informierte Mitarbeiter, dass ihre Mutter nur einen Liter Flüssigkeit trinken darf, schluckweise und verteilt über den Tag.

Um sicherzugehen, notierte sie alles auf dem Ein- und Ausfuhrplan am Bett. Sie sagt, sie habe mehrere Personen darüber informiert. Sie wollte nichts falsch machen und ihre Strategie war, Pflegern lieber zu viel Informationen zu geben als zu wenig.

Als Notfall in die Klinik

In einem Brief an die Stadt Hannover hat Tanja Groß aufgeschrieben, wie fatal schief die Betreuung aus ihrer Sicht lief. Kaffee wurde so auf den Nachttisch gestellt, dass er für Gertrud Groß unerreichbar war. Am zweiten Tag ihres Aufenthaltes hatte ihre Mutter bis zum frühen Nachmittag nur 330 Milliliter getrunken, und trotzdem ihre Entwässerungstabletten bekommen. Es war der Tag, an dem sie mehr als sieben Stunden lang überhaupt keine Flüssigkeit bekam, kein Wasser, keinen Tee, keinen Kaffee. So steht es im Trinkprotokoll der Patientin.

Medikamente wurden nicht unter Aufsicht gegeben, sondern nur aufs Essenstablett gestellt. Anders gesagt: Keine Kontrolle, ob die Pillen wirklich eingenommen wurden. Dazu notierte Tanja Groß, dass ein Kaliumpräparat am falschen Tag verabreicht wurde. Der Brief listet auf, was man als Zeichen für Nachlässigkeit, Gleichmut, Unkenntnis und Überforderung halten kann. Tatsache ist, dass Gertrud Groß dem Heim keine zwei Tage anvertraut war, als der Notarztwagen kommen musste. Dort erbricht sie zweimal. Im Clementinenhaus nimmt die Ärztin eine „verwirrte und nicht adäquat orientierte Patientin“ auf und stellt eine „schwere Exsikkose“ fest, was bedeutet: Der Körper der 87 Jahre alten Patientin trocknet wegen Flüssigkeitsmangel aus. Nach einer Reihe von Infusionen verbesserte sich ihr Zustand, fünf Tage später wurde sie nach Hause entlassen. Tanja Groß schreibt in ihrem Brief, sie sei „wirklich entsetzt“ über die Ereignisse.

„Kein nachlässiges Handeln“

Das Willy-Platz-Heim hat 95 Betten und beschäftigt 75 Mitarbeiter, verteilt auf Pflege, Hauswirtschaft und Küche. Dies entspricht dem Schlüssel, der zwischen Pflegekassen, Sozialhilfeträger und Träger der Einrichtungen vereinbart worden ist. Ein Tag in der Kurzzeitpflege kostet rund 104 Euro. An den Tagen, als Gertrud Groß im Seniorenzentrum war, ist es nach Darstellung der Stadt sogar besser besetzt gewesen als vorgeschrieben. Sozialdezernentin Konstanze Beckedorf kann „nach derzeitigem Stand kein nachlässiges Handeln“ im Heim erkennen, der Fall werde aber nun von der Heimaufsicht untersucht. In einer Stellungnahme hieß es, Medikamente seien nach ärztlicher Anordnung gegeben worden und zwar als „direkte Eingabe“, also nicht nur auf ein Tablett gestellt. Kaffee nicht in Reichweite? Die Patientin sei nicht bettlägerig gewesen und hätte zum Beispiel am Bett essen und trinken können. Den maßgeblichen Kritikpunkt ließ die Stadt unbeantwortet. Wie konnte es passieren, dass Gertrud Groß mehr als sieben Stunden nichts zu trinken erhielt und gleichzeitig Entwässerungstabletten bekam? Und dies, obwohl, wie die Stadt einräumt, bekannt war, dass es zu „Bewusstseinsverlusten“ als Folge einer Erkrankung kommen kann. Auch dies soll die Heimaufsicht untersuchen.

Die städtischen Pflegeheime verfügen über insgesamt 640 vollstationäre Betten. Nach Auskunft der Verwaltung sind sie zu 97 Prozent ausgelastet, dennoch könne die Nachfrage „in den allermeisten Fällen bedient werden“. Anders ist die Lage beim beim betreuten Wohnen, etwa im Margot-Engelke-Zentrum in der Südstadt. Wer dort in eines der Ein-Zimmer-Apartments ziehen möchte, muss der Stadt zufolge „lange Wartezeiten in Kauf nehmen“, ehe ein Platz frei wird. Das Angebot könne dort jedoch aus baulichen Gründen nicht erweitert werden. gum

Von Gunnar Menkens

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