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Tante-Emma-Laden Michler schließt nach 63 Jahren

Einzelhandel Tante-Emma-Laden Michler schließt nach 63 Jahren

Die Familie Michler schließt nach 63 Jahren ihr Lebensmittelgeschäft in Badenstedt. Für die Nachbarn war der Tante-Emma-Laden Dreh- und Angelpunkt des Viertels. Zum Abschied kommen so viele Besucher, dass sie nicht alle in das Geschäft passen.

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Nach 60 Jahren macht das Lebensmittelgeschäft der Familie Michler zu - die Nachbarschaft sagt Danke und Tschüss.

Quelle: Katrin Kutter

Hannover.  Zum Abschied sind so viele Nachbarn gekommen, sie passen längst nicht alle in das kleine Lebensmittelgeschäft. Sonnabend um 13 Uhr wollte Karl-Heinz Michler seinen Laden zum letzten Mal zuschließen. Er kommt nicht dazu. Vor dem Geschäft stehen Kinder und Senioren, junge Familien und Menschen mittleren Alters im Halbkreis. Alle wollen danke sagen, haben Blumen, Pralinen oder selbstgemalte Bilder dabei. Denn die Familie Michler hat im Badenstedter Viertel Körtingsdorf eine Art von Geschäft betrieben, die es eigentlich längst nicht mehr gibt. „Wir danken euch, dass ihr uns so lange die Treue gehalten habt“, sagt Heidi Michler.

Jeder Nachbar hat eigene Erinnerungen an das Geschäft

In den schlichten Regalen stehen Putzmittel neben Nudeln und einzeln aufgereihten Gewürzdosen. Alles außer Reichweite der Kunden, denn Selbstbedienung war noch unbekannt, als Karl-Heinz Michlers Mutter Martha Michler ihr Geschäft 1954 eröffnete. „Als wir herzogen, haben wir das System zuerst gar nicht verstanden“, erzählt eine Frau. Auch am letzten Tag noch bestellen die Kunden am Tresen, Karl-Heinz Michler, seine Frau Heidi und deren Schwester holen die Ware, bezahlt wird an anderer Stelle an der Kasse. 

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Nach 60 Jahren macht das Lebensmittelgeschäft der Familie Michler zu - die Nachbarschaft sagt Danke und Tschüss.

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Jeder Kunde hat seine eigenen Erinnerungen an das Geschäft. Sebahat Gecgel, selbst 53, hat als Kind hier beim Einkaufen Deutsch gelernt, als ihre Familie aus der Türkei nach Hannover kam. „Meine Mutter hat mich immer zu Michler geschickt, und ich kaufe immer noch hier, obwohl ich inzwischen in Benthe wohne.“ Generationen von Kindern haben in dem Tante-Emma-Laden ihr erstes Taschengeld gegen Bonbons eingetauscht, so auch Anne Sauers Tochter Maren. „Der Laden ist die Seele des ganzen Stadtteils. Man konnte anschreiben lassen. Und Frau Michler hat Kindern Brötchen geschenkt, von denen sie wusste, dass die zu Hause nicht genug zu essen haben“, sprudelt die 57-Jährige hervor. Und wenn kleine Kunden nicht die passenden Cent für eine Lakritzschnecke oder ein loses Stück Schokolade hatten, suchte die Händlerin eine andere Süßigkeit.

  Kunden konnten anschreiben lassen

Vor dem Laden spielt ein Bläserchor eine getragene Melodie. Michlers Neffen Sascha Nocon stehen die Tränen in den Augen. „Der Laden war mein Zuhause“, sagt der 34-Jährige. Mit der Geschäftsaufgabe geht er nun in die Arbeitslosigkeit. Nachbarn halten Abschiedsreden. In den Sechzigerjahren machte ein neuer Supermarkt den Michlers Konkurrenz. „Karl-Heinz sah sich jeden Tag die Preise an und blieb ein paar Pfennig drunter“, erzählt Wolfgang Schubert. Das half. „Wahrscheinlich ist Michler der einzige Tante-Emma-Laden, der einen Supermarkt kaputt gemacht hat.“ Ein Nachbar erinnert sich, dass er als Knips auch nach Ladenschluss für seine Mutter noch vergessene Zutaten holte. „Hintenrum gab es an einer Holztür ein kleines Fenster, ich glaube, Frau Michler stand auf einem Tritt, wenn sie mir das Gewünschte anreichte.“ Dass die Einzelhändler ihren Rollladen noch einmal hochzogen und eine Kiste Wasser für einen vergesslichen Kunden durchschoben, kam auch in jüngster Zeit noch vor. „Wir konnten alles hier bestellen, Aufschnitt, Schnitzel, Sauerbraten, am nächsten Tag war es da“, berichten die Nachbarinnen Marion Balzer und Carola Holm-Fabinger. An der alten schlichten Einrichtung störte sich niemand. Viel gewichtiger war, dass Heidi Michler die Namen aller Kinder kennt und ihr im Laufe der Jahre viele Nachbarn ihre Sorgen anvertrauten.

Die 68-Jährige und ihre Schwester gehen nun in den Ruhestand. Karl-Heinz Michler will zumindest kürzertreten, nicht mehr in aller Frühe in den Großmarkt fahren und bis abends im Laden stehen. „Ich habe das 25 Jahre durchgezogen ohne Urlaub, jeden Tag zwei Schichten. Das Geschäft war gleichzeitig Hobby und Beruf.“ Mit Sohn Benjamin führt der 70-Jährige aber seinen Lieferservice weiter. Die Sonderangebote im Laden ausrufen wird Michler nun nicht mehr. Und auch das werden seine Kunden vermissen: Wenn wenig los war im Geschäft, las der Händler aus der Zeitung vor und kommentierte das Weltgeschehen.

Von Bärbel Hilbig

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