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Hannover-Viertel im chinesischen Changde eröffnet

Ni hao, Hannover – hallo, Hannuowei! Hannover-Viertel im chinesischen Changde eröffnet

Lütje Lage und Bratwurst statt Maotai und Pekingente: Gestern ist die Hannoversche Straße in der zentralchinesischen Stadt Changde offiziell eröffnet worden. Mit OB Stefan Schostok, dem chinesischen Amtskollegen Zhou Derui und dem noch etwas wichtigeren städtischen Parteichef Qun Wang, 600 geladenen Gästen, mit Konfettiregen und Feuerwerk.

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Oberbürgermeister Stefan Schostok während der Eröffnung des Hannover-Viertels in Changde.

Quelle: dpa

Hannover/Changde. Zur Eröffnung gab es Reden, den protokollarisch gebotenen Austausch von Höflichkeiten – und bayerische Blasmusik. Die örtlichen (chinesischen) Veranstalter waren bei der Musikauswahl offensichtlich nicht überpingelig. Immerhin: Vier Bruchmeister in Frack und Zylinder, Standarten dabei, waren mit von der Partie. „So was haben die vorher wohl noch nie gesehen. Die wurden von allen bestaunt“, sagt Wilfried Engelke – der Ratsherr aus Hannover war privat zu der Eröffnung nach China gereist, schon sein zweiter Besuch dort. Und später sang Diana Babalola. Die stammt aus Hannover und ließ sich vom eigens mit angereisten Fury-Musiker Gero Drnek begleiten – das ist dann schon der authentische Hannover-Soundtrack.

Die Eröffnung der Straße kommt eigentlich ein bisschen zu früh. Fertig sind vor allem die Fassaden an der Hannoverschen Straße. Aber die Organisatoren wollten sie gern terminlich in eine Tourismusmesse einbinden, die gerade in der aufstrebenden Sechs-Millionen-Stadt Chnagde in der Provinz Hunan stattfindet. Die lockt mit viel Pomp und Show tatsächlich eine Menge Publikum. Und wenn man ohnehin schon mal auf den Beinen ist, kann man sich ja auch gleich mal dieses neue deutsche Viertel anschauen, dass da am Ufer des Chuanzi Flusses hochgezogen worden ist. Es waren in den vergangenen Tagen jeweils Zehntausende, mindestens, die neugierig erkundeten, was dort unter der Leitung des aus Deutschland stammenden, aber schon lang in China arbeitenden Architekten Wolf Loebel in knapp Zwei Jahren entstanden ist.

Mit Konfettiregen und deutschem Bier ist am Dienstag das Hannover-Viertel im chinesischen Changde eröffnet worden. Bunte Backsteinhäuser im norddeutschen Stil laden zum Flanieren ein.

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Zwei Jahre. So lange dauert in Deutschland allein die Bürgerbeteiligung. Weil es aber in China nicht üblich ist, dass der Bürger beteiligt wird, geht es halt beim Bauen etwas schneller. Zwei parallele Straßen, die Uferpromenade und eine Fußgängerzone, gut 900 Meter lang stehen nun. Inspiration mag aus der hannoverschen Altstadt, der Kramerstraße, gekommen sein, von der Walderseestraße vielleicht, vom Sprengel-Anbau und dem niederländischen Expo-Pavillon in dessen besseren Tagen. Authentisch Hannover? Na ja, jedenfalls nett – wenn der Rest der Stadt drumherum aussieht, als habe das Ihme-Zentrum Modell gestanden. 
Es gibt unterschiedliche Angaben zur Investitionssumme. Es dürften mindestens 100 Millionen Euro sein, vielleicht aber auch mehr als 300 Millionen Euro. Gut angelegtes Geld? Das wird man sehen. Noch stehen viele Ladenlokale leer. Die die schon mit Leben erfüllt sind, werden um so stolzer herumgereicht. 

Am zentralen Platz des Quartiers finden Besucher nun deutsche Speisen und hannoverschen Kaffee. Bei ihrer ersten Tour durch die Straße machte die Delegation – Schostok reist mit einem Tross von rund 40 Hannoveranern – auch Halt beim Restaurant von Torsten Block. Der Mann ist seit Jahrzehnten ein Gastro-Original in Hannover, in China hat er in bester Lage nun das Restaurant namens Deutsch eröffnet – wenn man dieses Wort denn gebrauchen will. „Das war für uns natürlich ein echter Höhepunkt“, sagt Block, der vom großen Andrang überrascht wurde. „Bevor das Abendgeschäft losging, hatten die Besucher uns schon fast das ganze Bier weg getrunken“, sagt er. Bereits um 10 Uhr hätten Hunderte Besucher vor dem Restaurant gestanden und auf Bratwürstchen gewartet – und das obwohl er eigentlich erst eine Stunde später öffnen wollte. Um auch am Abend noch deutsches Bier ausschenken zu können, musste er kurzfristig alle Supermärkte in der Umgebung abklappern. „In der ganzen Stadt gibt es kein einziges deutsches Bier mehr“, sagt Block. 

Gemeinsam mit Geschäftspartner Lutz Käsemann, Eventmanager aus Hannover, hat sich Block sechs Monate lang auf diesen Tag vorbereitet und quasi „expressmäßig die chinesische Lebensweisen aufgesaugt“, sagt Block. „Es ist ein Abenteuer und auch eine Herausforderung, aber wir ziehen das durch und es macht Spaß“, sagt er. Abenteuerlust klingt durch – und die braucht es auch. Am Dienstag hat das Restaurant nur kurz seine Pforten geöffnet. „Wir warten noch auf unsere Küche und unsere kleine Mikrobrauerei“, sagt Block. Doch es sei nicht so einfach, all diese Dinge durch den Zoll zu kriegen. Das Problem kennen viele anderen Geschäftsleute der Hannoverschen Straße nur zu gut, weiß auch Engelke. „Einige Läden waren noch recht leer. Die Ware kam nicht rechtzeitig an“, sagt der Ratsherr. Einige Läden machen jetzt nach der großen Eröffnungsshow erst einmal wieder dicht.

Trotzdem: „Der erste große Meilenstein dieses Projekts ist jetzt erreicht“, sagt Peter Eisenschmidt, bei den Wirtschaftsförderern von Hannoverimpuls zuständig fürs Internationale und quasi Pate beim Engagement der ersten hannoverschen Unternehmer, die den Sprung nach China gewagt haben. Es werden noch Mieter gesucht, 60 Prozent im ganzen Quartier sollen deutsche Läden sein. „Wir haben schon rund 20 bis 30 ernsthafte Interessenten, mit denen wir Gespräche führen“, sagt Eisenschmidt, dessen Fokus naturgemäß eher auf den wirtschaftlichen Nutzen als die Disneyland-Aspekte des Gesamtprojektes gerichtet sind. Er sei froh, dass Hannover nun in Changdes breiter Öffentlichkeit angekommen ist. „Die Bewohner erwarten hier ein kulinarisches und ein Warenangebot, dass anders ist als das, was sie kennen“, sagt er. Auch wenn noch nicht alles fertig ist, Eisenschmidt ist bereits jetzt begeistert vom kleinen Hannover mitten in China: „Es erinnert auf jeden Fall an Hannover, und der Fortschritt des letztes Jahres ist unglaublich“, sagt der Wirtschaftsförderer. 

Und warum machen die das nun eigentlich alles? Deutsches Bier in China, ein bisschen Werbung für Tourismus und Unternehmen in Hannover? Lohnt das den Aufwand? OB Schostok nannte das „ehrgeizige Projekt“ in seinen offiziellen Ansprachen vor den chinesischen Amtskollegen protokollgerecht-hölzern „ein besonderes Zeichen der Freundschaft zwischen unseren beiden Städten“. Zhou Derui erkannte sogar einen „historischen Moment in der Geschichte der Freundschaft zwischen Hannover und Changde.“ Die tatsächliche Motivation hat in solchen Reden eher keinen Platz.

Profitieren wollen beide. Hannovers Dienstleistungen und Produkte brauchen neue Märkte, und Schostok öffnet Türen. Und die chinesische Seite, die Hunderte Millionen investiert? Vielleicht, so wird gemunkelt, wollen sie den Boden dafür bereiten, dass später einmal ein größerer Konzern Changde als Produktionsstandort in Erwägung zieht. Vielleicht VW, die Conti? Denen könnte man dann gleich ein Stück Heimat in der Fremde bieten. An eine Art „Disneyland“ denkt bei den Entscheidern in Changde jedenfalls niemand. Chinas Disneyland steht am Stadtrand von Shanghai. Es hat rund 5 Milliarden Euro gekostet.

Von Lisa Malecha und Volker Wiedersheim

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